Seine Milde ist legendär, sein Streichholzverbrauch auch. Beides zu Recht. Im Verlauf einer Stunde entzündet Siegfried Lenz nicht weniger als vierzehn Streichhölzer, die er – eine manuell anspruchsvolle Aktion – mit einer Hand aus einer großen dänischen Packung heraus- und über die seitliche Reibfläche zieht, während er in der anderen Hand die unentwegt nachzufeuernde Pfeife hält. Die erste Pfeife des Tages raucht Lenz sofort nach dem Frühstück. »Im Grunde«, sagt seine Frau Ulla, »steht er morgens auf, weil er dann rauchen kann.« Sie lacht, das ganze Gesicht lacht, die hellen Locken wippen, der rauchende Gatte lacht mit, greift dabei nach ihrer Hand und drückt sie.

Auch dies wiederholt sich während des Gesprächs auffallend oft. Es lässt sich im Nachhinein nicht sagen, ob der Schriftsteller Siegfried Lenz seine Hände öfter fürs Streichholzanzünden benutzte oder für diese Geste. Vielleicht, so lässt sich mutmaßen, steht seine Milde in einem Zusammenhang mit seiner regen Haptik. Vielleicht äußert sich in ihr ein Verhältnis zur Welt, das in erster Linie auf überbrückender Verbindlichkeit beruht, auf dem Bedürfnis nach Harmonie also. Schon bei der Begrüßung umfasst Siegfried Lenz aus dem Rollstuhl heraus, den er nach zwei schweren Rückenoperationen benutzen muss, die Hand der Besucherin mit seinen beiden Händen. Beim Abschied fragt er, ob er sie umarmen darf – und man selbst fragt sich, ob es nicht allzu nahe liegen könnte, die Größe eines so friedlich gestimmten Mannes, das öffentliche Gewicht eines anscheinend durch und durch aggressionsfreien Schriftstellers zu unterschätzen, an dem nicht nur seines hohen Alters wegen (Lenz wurde im Frühjahr 85) jede Aufwallung, jeder Krawall des Literaturbetriebs vorbeigeht. Es gab in der Vergangenheit Walser-, Grass-, Wolf-, Handke-, Strauß- und noch ein paar andere Debatten. Der Anlass einer Lenz-Debatte liegt im Grunde außerhalb des Vorstellbaren.

Sein literarisches Werk, in sechs Jahrzehnten entstanden, in einer Gesamtauflage von 25 Millionen international verkauft, wurde von der deutschen Kritik keineswegs durchweg bejubelt. Im Gegenteil, vor allem seine Romane ernteten mitunter Verrisse. Biedermeier, schulmeisterliche Schlichtheit, kompositorischer und weltanschaulicher Schematismus wurden Lenz vorgehalten. Den Erfolg beim Publikum beeinträchtigte dies nicht im Geringsten. Die Treue der Lenz-Leserschaft ist einzigartig. Sie geht auf die masurischen Geschichten So zärtlich war Suleyken aus dem Jahr 1955 zurück und wurde 1968 mit der Deutschstunde, dem deutschen Kardinalroman über das Verhältnis von Kunst und Macht im Nationalsozialismus, ein für alle Mal befestigt. Die 2008 erschienene Meisternovelle Schweigeminute, eine Liebesgeschichte, die Sexualität nicht viel anders behandelt, als Fontane es tat, überrollte den Buchmarkt. Der kürzlich erschienene Prosaband Die Maske hätte vermutlich auch dann auf die Bestsellerliste gefunden, wenn Hoffmann und Campe, der Hamburger Hausverlag von Lenz, nicht einen Finger dafür gerührt hätte. Lenz ist, in jeder Bedeutung des Begriffs, ein Volksschriftsteller.

Unmut, zumindest bei Konservativen und Vertriebenenverbänden, erregte der gebürtige Ostpreuße Siegfried Lenz wohl nur ein einziges Mal, als er 1970 gemeinsam mit Günter Grass den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt auf dessen historischer Reise nach Warschau begleitete und der Vertragsunterzeichnung beiwohnte, die die Anerkennung der polnischen Westgrenze besiegelte. Ansonsten findet sich aus all diesen Jahrzehnten keine einzige negative Notiz zur Person Lenz. Nur ist es so, dass sich aus der Summe des Positiven (Ulla Hahn: »Man kann sich auf ihn verlassen«, Günter Grass: »Ein guter Kollege«, Helmut Schmidt: »Insgesamt ein wunderbarer Kerl«) das etwas zweifelhafte Bild eines hochanständigen, wenn auch ein klein wenig harmlosen Zeitgenossen ergibt, dessen größte Leidenschaft dem Angeln gilt. Von Peter Rühmkorf stammt die Bemerkung, aus dem statistischen Querschnitt sämtlicher Figuren, die sich je in der Gruppe 47 tummelten, ergebe sich Siegfried Lenz. Ein Charakter, kann das heißen, mit Tendenz zur Selbstneutralisierung.

Tatsächlich lässt sich an der Biografie des Schriftstellers nur ein einziges Element des Extremen feststellen: ihre Kontinuität. »Genau hier, an diesem Platz«, sagt Siegfried Lenz und deutet auf den Tisch im Konferenzraum von Hoffmann und Campe, »habe ich meinen allerersten Verlagsvertrag unterschrieben«, mit Blick auf die Alster. Das war 1951. Der Debütroman Es waren Habichte in der Luft erschien, und Lenz wechselte seitdem niemals den Verlag. In den sechziger und siebziger Jahren engagierte er sich, auch als Wahlkämpfer, für die SPD. Er blieb ihr gewogen, auch nachdem sein Engagement abflaute. Zumindest gibt es keine anders interpretierbare Äußerung. Er heiratete 1949 und lebte bis zum Tod von Liselotte Lenz im Februar 2006 in einer Ehe, die man geglückt und symbiotisch nennen darf. Im Hamburger Stadtteil Othmarschen erwarb das Paar 1963 ein Haus. In der Nachbarschaft wohnte »die reizende dänische Frau eines hervorragenden Müllverbrennungsspezialisten«. So heißt es in einem autobiografischen Prosastück. Die reizende Dänin war Ulla. Nach dem Tod von Liselotte Lenz, mit der sie innig befreundet war, kümmerte sie sich um Siegfried Lenz, quartierte ihn in ihrem Haus auf der dänischen Insel Fünen ein, brachte ihn zum Schreiben zurück. Lenz macht vor, wie sie seine handschriftlichen Manuskripte abtippt: »Mit ihren Wikingerfingern haut sie in die Tasten, aber nur mit zwei Fingern.« Im nächsten Moment, man ahnt es inzwischen voraus, wird das Paar sein Lachduett anstimmen, er ihre Hand drücken. Im Sommer vergangenen Jahres haben sie geheiratet. Zwei Menschen, die das Leben vor einem halben Jahrhundert zu Nachbarn machte. Wahrlich: Es gibt verwegenere Künstlerbiografien.