Zeichnung der Schlacht bei den Thermopylen © Hulton Archive

An Steven Pinkers wuchtigem neuen Buch Gewalt gibt es vieles zu bewundern. Zum einen wird seine zentrale These, der zufolge wir aufgrund eines Rückgangs der Gewalt in besseren Zeiten leben als je zuvor, in ihrer Gewagtheit Konservative wie postmoderne Untergangsapostel gleichermaßen ärgern.

Dass jemand so unerschütterlich wie unmissverständlich an der Idee des moralischen Fortschritts festhält, ist zwar nicht neu. Erfrischend unmodisch aber ist es allemal. Hinzu kommt, dass uns das Buch auf eine atemberaubende Bildungsreise mitnimmt, durch Moralphilosophie, Geschichte, Statistik, Soziologie, Anthropologie, Neurowissenschaften, Evolutionsbiologie, Kognitionspsychologie und Spieltheorie. Alle diese Disziplinen werden mit leichter Hand ins Feld geführt, um zu beweisen, dass Ihr und mein Risiko, durch die Gewalttat eines Fremden oder Nachbarn ums Leben zu kommen, aufgrund beträchtlicher Veränderungen unserer Denk- und Gefühlsmuster erheblich gesunken ist.

Zudem ist Pinkers Buch unmissverständlich humanistisch und setzt sich für die Rechte aller ein: Tier-, Homosexuellen- und Frauenrechte wie auch Antirassismus und Pazifismus werden unisono als Zeichen einer Kultur gepriesen, die den Kreis jener menschlichen Wesen, an deren Leiden sie Anteil nimmt, beständig erweitert. Schließlich versucht der Autor lobenswerterweise, ohne dies freilich je einzugestehen, den Kurs seiner bisherigen intellektuellen Entwicklung zu korrigieren. Zu diesem Zweck setzt er sich mit dem gravierendsten Einwand gegen seine früheren Bücher auseinander: Wenn wir, wie Pinker behauptete, mit genetischen und sprachlichen Programmen geboren werden, die so etwas wie eine vorsoziale Natur des Menschen ausmachen, dann wird es schwierig, sich noch eine Rolle für die Kultur und den Fortschritt vorzustellen. Nicht zuletzt ist dieses gelehrte Buch voller Fußnoten und Statistiken auch durchweg unterhaltsam, selbst in seinen entsetzlichsten Beschreibungen der diversen Instrumente, mit denen der menschliche Körper gefoltert wurde.

Und doch scheitert dieses Werk an etwas, das ich in Ermangelung eines besseren Wortes nur als seine fehlende intellektuelle Tiefe bezeichnen kann. Nur wenige Bücher veranschaulichen wie dieses die mitunter unversöhnlichen Unterschiede zwischen guter Forschung und tiefem Nachdenken. Trotz seines eindrucksvollen methodischen Arsenals und seiner schieren Gelehrsamkeit beantwortet es an keiner Stelle überzeugend jene Frage, die uns seit Nietzsche umtreibt: Warum ist unsere Zivilisation so empfindlich für das Leiden anderer geworden?

Gerade in deutschen Ohren dürften Pinkers Neuigkeiten erstaunlich klingen: Wir Modernen sind unseren Vorfahren moralisch und geistig überlegen, weil wir etwas viel besser können als sie, nämlich uns gegenseitig nicht zu töten, zu verstümmeln oder zu foltern. Staatlich geförderte Folter, Gewalt gegen Frauen, regelmäßige Kriege, die Gewalt der Straße, Völkermorde, Duelle und Ehrenmorde, rassistische Gewalt, gewöhnlicher Mord, Kindstötung, Verbrechen gegen Homosexuelle, das Töten von Tieren oder ihre Verwendung für blutige Sportarten – all dies ist verschwunden, abgeschwächt oder geächtet worden.

Pinker zeichnet nach, auf wie vielfältige Weise sich (vor allem) Männer im antiken Griechenland, in der Bibel, im Frühchristentum und in Rom, im Mittelalter, im frühneuzeitlichen Europa und in den Vereinigten Staaten gegenseitig an die Kehle gingen, als wären sie wilde und sadistische Wölfe. Diese Umstände änderten sich mit dem Aufstieg eines Leviathans – des modernen Staats – und mit dem, was der Soziologe Norbert Elias als »Prozess der Zivilisation« bezeichnet hat: einer gesteigerten Fähigkeit der Triebbeherrschung. Elias ging es darum, die Veränderungen in den Verhaltensweisen und der Empfindsamkeit der Menschen zu erklären, die sich seit dem 16. Jahrhundert in Europa beobachten lassen, also zum Beispiel die Tatsache, dass man Tischmanieren stärker normierte und auf ihre Einhaltung achtete.

Pinker möchte, dass der moralische Fortschritt obsiegt

Nun zieht Pinker Elias sehr frei heran, um Zusammenhänge zu konstruieren, die dieser nie hergestellt hat: nämlich zwischen Selbstbeherrschung und Vernunft (Elias sah nur eine Verbindung zwischen Selbstbeherrschung und Rationalität, einer Form des vorausschauenden Denkens, die der Wahrung der eigenen Interessen dient), zwischen Selbstbeherrschung und Aufklärung (für Elias war Letztere ein gesellschaftlicher Prozess, den die Eliten in ihrem Kampf um die Macht an den Fürstenhöfen einleiteten) sowie zwischen Selbstbeherrschung und Moral (in dieser Frage blieb Elias Agnostiker und verstand Selbstbeherrschung als eine strategische Antwort auf veränderte politische Strukturen, also vor allem den Aufstieg des Staates). Zudem behauptet Pinker, dass die Aufklärer des 17. und 18. Jahrhunderts körperlichen Schmerz, körperliches Leiden, Gewalt und Aberglauben zu Zeichen der Barbarei gemacht und damit den moralischen Fortschritt des Menschengeschlechts um einen Riesenschritt vorangebracht hätten.

So groß ist Pinkers Vertrauen in seine lineare Fortschrittserzählung, dass in seinen Augen sogar das mörderische 20. Jahrhundert für eine Abnahme, nicht für eine Zunahme der Gewalt steht. Pinker gehört zu jenen Wissenschaftlern, die sich auf Zahlen verlassen, um die Wahrheit der historischen Erfahrung zu entziffern: Wenn wir die Zahl getöteter Menschen auf die jeweilige Weltbevölkerung beziehen, dann sind die rund 55 Millionen Opfer des Zweiten Weltkriegs in der Tat ein kleinerer Prozentsatz als die 40 Millionen Menschenleben, die den Mongolen im 13. Jahrhundert zum Opfer fielen, als die Weltbevölkerung gerade mal ein Siebtel derjenigen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs ausmachte. Und die 55 Millionen verblassen noch weiter gegenüber den 40 Millionen, insofern das westliche Bewusstsein heute mit Entsetzen auf Verbrechen reagiert, denen man in der Vergangenheit gleichgültig gegenübergestanden hätte.