Auslandseinsatz in Afrika "Ich weiß nichts mehr zu sagen"

Ein Arzt geht mit 70 auf Auslandseinsatz nach Afrika. Er sieht: Todkranke, die immer gleichen Symptome. In einer Rundmail möchte er Freunden das Grauen nahebringen.

Sehr geehrte und geschätzte ZEITmagazin-Redaktion,

ich ergreife die Chance, Ihnen meinen Arbeitsalltag in Nairobi zu schildern. Das Thema ist mir sehr nahegegangen, aber ich frage mich: Wie kann ich es so kommunizieren, dass es andere so ergreift wie mich damals – oder zumindest ein Nachdenken auslöst?

Ihr Eike Uhlich

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Die letzte Patientin meines Arbeitstages im Mathare-Slum von Nairobi reißt mich aus meinen Gedanken, denen ich noch einige Augenblicke nachhänge, während ich auf das Kalenderblatt schaue, das über dem Platz von Sheila hängt. Sheila ist meine Übersetzerin. Dieses Kalenderbild zeigt einen Elefanten unter einer Akazie. Er hebt sich dunkel, fast schwarz vor den goldenen Strahlen der untergehenden Sonne ab. Traumhaft schönes, tropisches Afrika auf Hochglanz! Nur eine Autostunde entfernt von diesem klapprigen Stuhl hier im Slum, auf dem ich mehr hocke als sitze. Drastischer, scheint mir, kann man die zwei Gesichter Afrikas nicht gegenüberstellen als in diesem Ambulanzraum. Es sind Welten, die hier aufeinanderprallen!

Jetzt in dieser Minute packt sie mich wieder, die andere Welt, die Welt des Elends. In Gestalt der etwa 25-jährigen Frau mit dem bunten Tuch über ihrer viel zu weiten, zerschlissenen Jacke. Sie sinkt auf dem Patientenstuhl zwischen Sheila und mir nieder. Dann sagt sie, dass sie immer wieder erbrechen müsse und dass sie seit Donnerstag nicht mehr schlucken könne.

Bei der Untersuchung bin ich erschrocken. Nun, ohne Kleider, finde ich eine völlig, bis zum Skelett, wie man so sagt, abgemagerte Frau. Überall taste ich Lymphknotenpakete. Sie hat diesen widerlich trockenen Husten und quälend starke Bauchkrämpfe, dazu jene ominösen Knochenschmerzen. Ich habe keinen Zweifel an der Diagnose. Es ist wieder – und schon zum zehnten Mal heute – das so typische Krankheitsbild von Aids. Nein, kein Zweifel!

Aber eine Ursache für das Nicht-schlucken- Können kann ich nicht sehen: Der Mund ist unauffällig, der Rachen auch, nichts Besonderes im Halsbereich, außer den Lymphknoten natürlich. Ich frage wieder nach dem Schlucken und dem Donnerstag, Sheila übersetzt: Warum seit Donnerstag? Was war an dem Donnerstag? Endlich sagt sie flüsternd zu Sheila, dass am Donnerstag ihr zweijähriges Kind gestorben sei. An einer Infektionskrankheit. Viel Fantasie gehört nicht dazu, auch dieser Infektionskrankheit ihren richtigen Namen zu geben: Aids.

Es scheint so, als könne diese schwer kranke Frau nicht mehr weinen. Sie dreht sich zur Wand. Wenn ich einen Menschen in tiefster Hoffnungslosigkeit nennen sollte, würde ich diese bis auf den Tod traurige junge Frau wählen. Ich weiß nichts mehr zu sagen und untersuche weiter. Eher mechanisch, sinnlos, ohne Sheila anzusehen. Sie ist unterdessen aufgestanden und schaut sinnend und – wie ich denke – ebenfalls tief betroffen und stumm aus dem kleinen Fenster unseres Ambulanzzimmers. Gut passend ziehen am Himmel gerade tiefdunkle Wolken vorbei. Die Sonne ist untergegangen, im Raum ist kaum noch etwas zu erkennen.

Dann fällt mir ein, dass ich Zeit gewinne, wenn ich dieser elendiglichen, tieftraurigen und sehr kranken, aber noch so jungen Frau eine Infusion anhänge. Mit einem Medikament gegen das Erbrechen. Ich bleibe noch ein wenig auf der Liege neben ihr sitzen, berühre ihren Arm und hoffe, dass sie dann wieder wird schlucken können. All das, was deutlich absehbar auf sie zukommt und darauf wartet, von ihr akzeptiert oder, wenn man so will: »geschluckt« zu werden.

Am Ende der Infusion schaut sie mich an. Ich kann die Augen in ihrem tiefschwarzen Gesicht nicht genau erkennen, und der Strom ist schon den ganzen Tag abgeschaltet. Sie fühle sich nun besser, sagt sie schließlich leise zu Sheila. Aber ich weiß nicht recht, ob sie uns mit dieser Bemerkung nur einen Gefallen tun will oder ob wir ihr wirklich ein ganz klein wenig haben helfen können...

Wieder einer von jenen Tagen in Afrika, die ich nicht vergessen werde und die ich auch nicht vergessen will. Über die ich daheim berichten muss. Wenn das alles, was wir da im Slum erleben, einen Sinn haben soll, dann wohl auch den, nicht zu vergessen und uns aus unserer mörderischen Gleichgültigkeit zu befreien.

E. Uhlich

Leser-Kommentare
    • hippke
    • 24.02.2012 um 7:30 Uhr

    Das Phantastische an Mutter Theresa war ihre aufhebensfreie Sterbebegleitung, das Unterordnen der eigenen Verzweiflung dem notwendigen Tun des Alltags, Handeln statt Weinen, Machen statt Meckern.
    Lieber Kollege in Nairobi, ich glaube, Sie machen das Richtige. Sie sind keiner von denen, die in XXL-City bleiben und Promi-Pickel quetschen. Sie sind gesprungen, in den Dreck des Lebens. Die Infusion wird das Leben der Frau nicht retten. Vielleicht gab sie Aufschub, vielleicht Trost, beides ist wertvoll. Sterben ist normal, nie kann man es nicht verhindern, nur manchmal herauszögern. Leid verringern ist eine hoffnungsvollere Aufgabe. Ihr Entsetzen über die Schrecken, Ihre Trauer über das Ich-kann-nichts-tun und vielleicht auch Ihre Wut über Wer-ist-daran-Schuld zeigen, dass Sie Mensch sind und fühlen. Also normal sind. Und Sie nehmen niemand in den "moralischen Schwitzkasten", wie Herr Büscher meint. Sie leiden an Ihrer Arbeit - respektiert das irgendwer? Sie fühlen mit den Menschen, und doch, das Fühlen darf nicht bremsen. So wie man die Scheu, in ein Kind zu stechen, um es zu impfen, überwunden hat - im Interesse des Kindes ! - so soll man die eigene Seelenpein hintanstellen, sonst taugt man nicht im Elend. Man muss sich pflegen um zu funktionieren, und es braucht Hornhaut. Überall, auch auf den Augen und um die Seele herum. Denn ein Arzt, der aufgibt und weggeht, ist nie gut für die Patienten.
    Lieber Herr Uhlich, machen Sie weiter, wenn Sie können. Bitte.

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