Lieber Ulrich Greiner,

es würde mir viel bedeuten, wenn Sie meine Interpretation auswählten. Das Problem dieser Textform ist, dass die Stimmung des zu behandelnden Textes oftmals verloren geht, wenn er nach aufsatztypischen Aspekten zerlegt wird.

Eine Einblicknahme in die fachkundige Behandlung literarischer Texte wäre für mich eine Bereicherung, zumal wir im Unterricht gerade über das »Problem literarischer Wertung« sprechen. Ich schreibe im nächsten Jahr Abitur, weshalb ich hoffe, dass Ihre Reaktion mir bei dem Verfassen zukünftiger Texte als Exempel dienlich sein kann. Ich freue mich über eine Rückmeldung, ob Ihnen mein Schreibstil gefallen hat.

Benedict Jürgensen

Die Parabel "Eine kaiserliche Botschaft" von Franz Kafka , geschrieben im Jahre 1917, befasst sich mit der Beziehung zwischen einer omnipotenten Instanz und einem ohnmächtigen Individuum. Kennzeichen dieses Verhältnisses sind eine elementare Ungleichheit und deren Unüberwindbarkeit.

Ein Kaiser liegt im Sterben, und sein letzter Wille, scheinbar einfach in der Ausführung, ist die Übermittlung einer Botschaft an den geringsten Untertanen seines Reiches. Die Länge und Unüberschaubarkeit des Weges lassen die Ausführung des letzten Wunsches allerdings unmöglich werden.

Im ersten Satz bereits wird deutlich, dass der Handlung ein hierarchisches Missverhältnis zugrunde liegt. Die Person des Kaisers zeichnet sich durch eine nicht infrage zu stellende Position innerhalb der Gesellschaft aus: Jeder Bewohner des Reiches ist ihm untertan, und in seinem Amt als höchster weltlicher Herrscher vereinen sich die drei Gewalten. Dieser außerordentlichen Machtfülle steht die zweite Hauptfigur gegenüber, der niederste Reichszugehörige aus der äußersten Peripherie. Verstärkten Ausdruck findet diese Gesellschaftsposition in den zunehmend abwertenden Beschreibungen, die sich allesamt auf eine direkte Ansprache beziehen: »Dir, dem Einzelnen, dem jämmerlichen Untertanen, dem winzig vor der kaiserlichen Sonne in die fernste Ferne geflüchteten Schatten, gerade Dir hat der Kaiser (...) eine Botschaft gesendet« (Zeile 3–6). Die drei Appositionen erreichen mit ihrer Abwertung, dass der Wahrheitsgehalt infrage gestellt wird: Ist es wirklich möglich, dass der letzte Wille (vgl. »Sterbebett«) des Kaisers wahrhaftig eine Botschaft ist, deren Empfänger in maximaler sozialer und räumlicher Distanz zu dem Absender steht? Dieser Zweifel intensiviert sich zum einen durch die Parenthese »– so heißt es –« (Zeile 3), die deutlich macht, dass die Erzählung auf mündlicher Weitergabe beruht, und zum anderen durch den hypotaktischen Satzbau, der die Unnahbarkeit in Hinsicht von Raum und gesellschaftlichem Rang unterstreicht. Von Wichtigkeit ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Existenz des Kaisers, dargestellt durch das Symbol der Sonne, unabdingbar für das Dasein des Untertanen, dem Schatten, ist.

Dem schließt sich die Übermittlung der Botschaft und deren Beschreibung an. Ein Bote fungiert in diesem Fall als Bindeglied; in dieser Rolle ist er bedeutsam für die erfolgreiche Überwindung von Raum und sozialer Entfernung: »Den Boten hat er beim Bett niederknien lassen und ihm die Botschaft ins Ohr zugeflüstert; so sehr war ihm an ihr gelegen, dass er sich sie noch ins Ohr sagen ließ« (Zeile 7 ff.). Der Grund für die Bedeutsamkeit der Botschaft scheint zwar unerklärlich, aber die gewissenhaften Vorbereitungen des Kaisers legen diese nahe.

Zudem ist der letzte Wille stets geprägt von dem Bemühen, sein eigenes Gewissen zu beruhigen, um mit sich selbst im Einklang seiend zu versterben. Erschwert wird dies durch die Unfähigkeit des Kaisers, denn diese macht es notwendig, die Aufgabe zu delegieren und somit uneingeschränktes Vertrauen in den Boten zu haben. Das Unvermögen ist als Auslöser einer Unsicherheit zu betrachten, da er mit einer Situation konfrontiert wird, bei der die Gestaltung des Ausgangs nicht in seiner Macht steht. Dieser Konflikt zwischen Erleichterung und Zweifel ist die Ursache dafür, dass dem Kaiser ein harmonisches Ableben nicht vergönnt ist.

Weiterhin steht die geheimnisvolle Übertragung der Botschaft in Kontrast zu der »ganzen Zuschauerschaft seines Todes« und der Offenlegung seines Sterbebetts (vgl. Zeile 11–14). Die fehlende Privatsphäre dient der Verdeutlichung des Unterschieds zwischen dem Kaiser, der der Öffentlichkeit ausgeliefert ist, und dem Untertanen, dessen Identität unklar bleibt.

Im Anschluss daran wird durch die Schilderung des Boten eine Hoffnung aufgebaut, die vornehmlich auf seiner körperlichen Leistungsstärke beruht: »ein kräftiger, ein unermüdlicher Mann; einmal diesen, einmal den anderen Arm vorstreckend schafft er sich Bahn durch die Menge« (Zeile 15–17). Die Verwendung der Semikola verstärkt den Eindruck der Eile und der Unaufhaltbarkeit. Als verlängerter Arm des Kaisers versucht er, dessen Willen unbedingt auszuführen, und ist bei seinem Vorhaben Nutznießer der kaiserlichen Macht (vgl. Zeile 18/19). Die aufkeimende Hoffnung wird jedoch durch die Beschreibung der schier unendlichen Fülle von Hindernissen entkräftet. Diesbezüglich ist die Größe des kaiserlichen Reiches als Nachteil zu sehen, da mit großer Bevölkerung auch zunehmender Widerstand durch deren Lebensraum einhergeht: »Aber die Menge ist so groß; ihre Wohnstätten nehmen kein Ende« (Zeile 19/20).

Es folgt eine Flucht in träumerische Konjunktivformen, die ermöglichen, dass etwas Unrealistisches auf realistische Weise dargestellt wird: »Öffnete sich freies Feld, wie würde er fliegen und bald wohl hörtest Du das herrliche Schlagen seiner Fäuste an Deiner Tür« (Zeile 20–22). Die Wortwahl unterstützt die gedankliche Reise, denn die Wörter »frei«, »fliegen« und »herrlich« erwecken durchweg positive Assoziationen: ungeheure Erleichterung, endgültige Erlösung und das Ende des belastenden Wartens. Die direkte Ansprache intensiviert diesen Eindruck; ist sie es doch, die eine persönliche, innige Ebene unterstützt. Die adversative Konjunktion »aber« wirkt ernüchternd und zeigt erneut auf, wie sinnlos das Vorhaben ist: »Aber stattdessen, wie nutzlos müht er sich ab« (Zeile 23). Negativ behaftete Wörter – »nutzlos« und »mühen« – verursachen den Anschein von Enge und demonstrieren die Unmöglichkeit der Botschaftsübermittlung. Der Bote »kämpft« sich voran, die zweifache Wiederholung der Aussage »und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen« schmälert jeden Erfolg. Die enorme Größe des Reiches steht in Verbindung mit Unübersichtlichkeit; trotz kleiner Erfolge ist das Ziel nie sichtbar, außer Reichweite. Die Situation des Boten gleicht der des Sisyphos, besonders die zeitlichen Angaben »so weiter durch Jahrtausenden« und »niemals, niemals« rauben jegliche verbleibende Hoffnung. Der vorletzte Satz nimmt Bezug zu dem Absender der Botschaft. Nicht einmal in Anbetracht der Tatsache, dass es der letzte Wille des Kaisers ist, besteht die geringste Möglichkeit der erfolgreichen Ausführung.

Von besonderer Wichtigkeit ist der letzte Satz, dessen Loslösung durch die Parenthese gekennzeichnet ist: »Du aber sitzt an Deinem Fenster und erträumst sie Dir, wenn der Abend kommt« (Zeile 35/36). Die Stimmung des gesamten Textes divergiert mit der fast romantischen Atmosphäre des Schlusssatzes. Dieser dokumentiert nicht nur, dass Träume Flucht aus dem Alltag ermöglichen, sondern auch, dass dort die Versöhnung mit der eigenen Existenz zu finden ist.

Die Parabel "Eine kaiserliche Botschaft" erinnert an die in "Der Prozess" eingebundene Türhüterlegende "Vor dem Gesetz". In beiden Parabeln sieht sich ein Einzelner mit einer undefinierten Instanz konfrontiert; auf diesem hierarchischen Missverhältnis beruhen die Probleme, welche das hoffnungsvolle Vorhaben in beiden Fällen erschweren. Zentrales Motiv ist die Aporie, die einem Streben jeglichen Sinn entzieht.

Bezieht man den gescheiterten Kommunikationsversuch auf Kafka selbst, so bietet sich die Betrachtung des Vater-Sohn-Konflikts an. Zeit seines Lebens litt Kafka unter der »strangulierenden Sohnschaft« (Dieter Hildebrandt in der ZEIT 35/2011, Feuilleton). Die Angst vor seinem Vater verhinderte eine innige Beziehung. Die daraus resultierende Distanz, die auch den Untertanen vom Kaiser trennt, ist als Ursache dafür zu sehen, dass des Vaters Ratschläge nicht erreicht werden können. Auch Kafkas Rolle in der Gesellschaft spiegelt sich in der Parabel. Unfähig, eine Beziehung zu seinen Mitmenschen, besonders zu Frauen, aufzubauen, lebte er ein Leben in dem »Grenzland zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft« (Tagebucheintrag vom 29. Oktober 1921).