Unsere Zeit kennt keinen rechten Unterschied mehr zwischen Amt und Person, was folgenreich ist. Eine Bischöfin sah sich im vergangenen Jahr zum Rücktritt gezwungen, da sie bei einer privaten Autofahrt unter Alkoholeinfluss erwischt wurde ; dieses Jahr der Spitzenkandidat einer Volkspartei, da er eine Liebesbeziehung mit einer wesentlich jüngeren Frau einging . Nahegelegt wurde der Rücktritt nun dem Bundespräsidenten , unter anderem mithilfe des psychologischen Argumentationsmusters, dieser hänge, da er kleinbürgerlichen Verhältnissen entstamme, im Privatleben zu stark der Welt des Glamours und der angeblich so schillernden Geschäftswelt an, was ihn per se disqualifiziere. Beinahe schon nachgeschoben wirkte in diesem Zusammenhang der berechtigte Hinweis darauf, er habe im Landtag nur unvollständig Auskunft über seine geschäftlichen Beziehungen zu einem befreundeten Unternehmerpaar gegeben.

Eine Trennung zwischen Amt und Person findet dann keine Geltung mehr, wenn vom Privatleben notorisch auf die Amtsführung geschlossen wird. Anders gesagt: Wenn zum Rücktritt nicht maßgeblich die Amtsführung als Kriterium herangezogen wird, sondern den Amtsträger die Urlaubsfahrten, seine sexuellen Vorlieben, sein Alkoholkonsum, seine Freundschaften diskreditieren. Man spricht dann gemeinhin davon, dass derlei Neigungen oder Gewohnheiten das Amt beschädigten; ein Argument, das seine Widersprüchlichkeit verschleiert. Die Behauptung nämlich, die sittlichen Verfehlungen im privaten Alltag seien amtsrelevant, beschädigt überhaupt erst als medialer Sprechakt das Amt, das gleichzeitig als so ungemein schützenswert vorgegeben wird.

Die Unterscheidung zwischen Amtsinhaber und natürlicher Person ist eine Erfindung mittelalterlicher Juristen, die den sterblichen, irdischen Körper des Regenten von seinem politischen abgrenzte. Dem widersprach nicht, dass beide Körper als Personalunion gedacht wurden. Man vermied es jedenfalls, leichtfertig von der Schwäche des body natural auf den body politic zu schließen, um die Stabilität der Institutionen zu wahren. Die Schwachsinnigkeit eines Regenten sollte dem (wie man heute sagen würde) Amt, das dieser bekleidete, nichts von dessen Würde rauben. Von diesem rechtsmystischen Konzept, das Amt und Person prinzipiell trennt, zehrte über lange Zeit durchaus auch die moderne Demokratie. Die Öffentlichkeit hatte am Privatleben der Politiker schlechterdings wenig Interesse, man scheute, womöglich tatsächlich aus jenem viel beschworenen Respekt vor dem Amt, intime Details ihres Privatlebens auszubreiten. Noch vor wenigen Jahren wäre es womöglich als äußerst anstößig empfunden worden, das Privathaus samt Klingelschild eines in Bedrängnis geratenen Bundespräsidenten zu veröffentlichen. Oder ihm gar nahezulegen, seine privaten Urlaubsreisen aufzulisten.

Nicht das Privatleben desavouiert, recht besehen, von vornherein das Amt, sondern die von der Medienöffentlichkeit massiv betriebene Verschmelzung des natürlichen und politischen Körpers, die freilich die Amtsträger – durch allerlei Homestorys und intime Bekenntnisse – oft selbst vorantreiben. Margot Käßmann etwa trug als Amtsträgerin ihr Privatleben und ihren Lebenslauf derart forciert in die Öffentlichkeit, dass es regelrecht selbstverständlich schien, eine alles in allem triviale, private Verfehlung als rücktrittsrelevant zu erachten. Und natürlich kennt die Bundesrepublik auch jene handfesten Affären, in denen die freundschaftliche Verbundenheit zwischen Politikern und Industriellen diesen unmittelbare Geschäftsvorteile verschafften wie im sogenannten Amigo-Skandal um den ehemaligen Ministerpräsidenten von Bayern, Max Streibl. Derartige oder ähnliche Verquickungen würden aus guten Gründen natürlich auch heute, sollten sie sich erweisen, jeden Ministerpräsidenten, Bundeskanzler oder auch -präsidenten stürzen.

Die ungemein zahlreichen Rücktritte jüngeren Datums allerdings entbehren zumeist der genuin politischen Dimension früherer Skandale, kreisten sie nun um Barschel, Kohl, Flick oder Brandt. Man stürzt heute auch über Lappalien, denen eine Relevanz zugesprochen wird, an die man schon wenige Wochen nach dem Rücktritt so recht nicht mehr glauben mag. Das Private fällt heute mit dem Politischen in eins, was man als Krise der Demokratie schlechthin begreifen darf. Offenkundig ist jeder Sinn für die formalen Aspekte unserer Staatsform verloren gegangen, die auf robusten Institutionen basiert, die politische Teilhabe strukturieren. Und auf Amtsträgern, die nicht vordringlich nach Maßgabe ihrer Alltagsmarotten oder -moral zu bewerten sind, sondern vor allem nach Maßgabe ihrer Amtsführung.