Braunkohletagebau Ein Dorf macht Kohle

Die sorbische Ortschaft Schleife soll einem Tagebau weichen – fast wirkt es so, als freue sie sich darauf. Geschichte einer Bescherung

Die Rentnerin Edith Penk protestierte schon 2008 gegen die Pläne des Energie-Unternehmens Vattenfall, Teile ihres Heimatortes ab 2010 für einen Braunkohletagebau abzubaggern.

Die Rentnerin Edith Penk protestierte schon 2008 gegen die Pläne des Energie-Unternehmens Vattenfall, Teile ihres Heimatortes ab 2010 für einen Braunkohletagebau abzubaggern.

Man muss sich Schleife vorerst als einen friedlichen Ort vorstellen. Die Häuser sehen aus, als hätte der liebe Gott sie bei einem Spaziergang verstreut: So großzügig verteilen sie sich zwischen Feldern und Wäldern im flachen Lausitzer Land. Nur bei Südostwind kann man am Dorfrand die Bagger des fünf Kilometer entfernten Braunkohletagebaus Nochten hören. Jene Bagger, die in einigen Jahren wohl auch Teile von Schleife vernichten werden. Denn das Dorf der sorbischen Minderheit soll für den deutschen Energiehunger weichen – zumal in Zeiten des Atomausstiegs. Mehr als 1.500 Menschen müssten ihre Häuser räumen. Doch kaum jemand wehrt sich.

Wenn man die Menschen in Schleife fragt, was sie über den Tagebau denken, gehen die meisten schweigend weiter. Nirgendwo steht ein Schild: »Rettet unsere Heimat!« Der Bürgermeister sagt: »Proteste wie in Horno oder Heuersdorf werden Sie bei uns nicht erleben.« Vernehmbaren Widerstand leistet nur eine 73-jährige Rentnerin. Edith Penk lebt am Dorfrand in einem Einfamilienhaus, das ihre Eltern in den 1930er Jahren erbaut haben und das sie mit ihrem Mann später aufgestockt hat. »Jeder Ziegel ging mehrfach durch unsere Hände«, sagt sie. »Mich kriegt hier niemand weg.« Da müsse die Polizei sie schon wegtragen.

Anzeige

Penk liebt ihr Dorf und ärgert sich über seine Bewohner. Im Jahr 2009 gab es eine Umfrage. Die Schleifer sollten darüber Auskunft geben, ob sie schon jetzt die drohende Umsiedlung planen wollen oder lieber noch abwarten möchten – denn es besteht kein Grund zur Eile. Zwar will der Energiekonzern Vattenfall den Flöz unter Schleife mit rund 310 Millionen Tonnen Kohle ausbeuten, doch bis der Antrag die politischen Gremien durchlaufen hat, dauert es noch bis Ende 2012. Trotzdem sprachen sich reichlich 70 Prozent dafür aus, schon sogleich ein neues Dorf zu entwerfen.

»Das war unser größter Fehler«, sagt Edith Penk. Sie vermutet, vielen gehe es ums Geld. Wem Vattenfall das Haus abreißt, dem stellt der Konzern ein neues hin. Andererseits: Mit viel Gegenwehr ließe sich vielleicht mehr herausholen. Auch anderswo fließen Entschädigungen, und trotzdem protestieren etwa in Brandenburg Tausende gegen die Erweiterung des Tagebaus Welzow-Süd. Warum geschieht nicht Gleiches in Schleife? Will sich das Dorf billig hergeben?

»Wir leben hier seit mehr als 100 Jahren mit der Braunkohle, vor allem leben wir von ihr«, sagt Reinhard Bork. Der 61-Jährige ist der Bürgermeister; ein gemütlicher Mann, der seine Worte genau wägt. Jeder dritte Arbeitsplatz vor Ort hänge vom Bergbau ab. Und doch stimme der Eindruck nicht, die Schleifer würden die Umsiedlung herbeisehnen. »Wenn die Erweiterung des Tagebaus beschlossen wird, soll es anschließend schnell gehen«, sagt Bork. »Dann wollen die Leute keine Hängepartie.« Nur deswegen plane man das neue Schleife schon jetzt, gleichsam prophylaktisch. Das klingt pragmatisch. Aber ist es auch klug?

Im Ort wird die spätgotische Kirche saniert – auf Kosten von Vattenfall

Wo ein Drittel vom Tagebau lebt, machen zwei Drittel etwas anderes. Zwar gibt es in fast jeder Familie einen Bergmann, es gibt aber auch in jeder Familie Verwandte, die nicht auf der Gehaltsliste von Vattenfall stehen – und trotzdem umziehen müssten. Den Jungen fällt der Wechsel leicht. Doch wie verkraften ihn die Älteren?

Es geht ein Riss durch Schleife. Da ist ein Konflikt, der bislang nicht eskalierte. Man kann ihn auf jeder Landkarte nachvollziehen. Bis zur Bahnlinie Cottbus–Berlin soll der Tagebau nach Plänen von Vattenfall vorrücken. Ein Drittel der Bevölkerung müsste weichen. Alle Häuser nördlich des Bahnhofs indes könnten bleiben. Nicht weit davon entfernt sollen die Umsiedler eine neue Heimat finden. »Es ist eine Chance«, sagt Bürgermeister Bork. Man wolle für alle attraktiv bleiben. Eine deutsch-sorbische Schule sei in Planung. Und ein Heim für betreutes Wohnen. Schon jetzt wird die spätgotische Kirche saniert – auf Kosten von Vattenfall. Der Konzern hat aus den Braunkohleprotesten der Vergangenheit gelernt. Auch das trägt zum Frieden bei. Er lädt zu Gesprächsrunden ein, bezahlt Meinungsumfragen, macht Angebote. Er fördert Sportvereine, Feuerwehren und sogar Naturschutzprojekte. Vattenfall zerstört und baut auf. Das ist weit mehr, als viele hier vor 25 Jahren zu träumen wagten. In der DDR, so erzählt man im Nord-Dorf, habe es Pläne gegeben, ganz Schleife zu opfern – und nicht nur ein Drittel.

Leser-Kommentare
  1. Kommt einem irgendwie bekannt vor: Erst tolle Ideen, wie man unter gewissen Opfern alles besser machen kann, und dann in der Realität sieht es doch nicht so rosig aus! Die Energiewende der Bundesregierung bedeutet den 100%igen Ersatz der Kernkraft mit Kohlekraft garniert mit einer homoöpathischen Dosis von Biomasse, Wind und Sonne. Auf den Seiten des Wirtschaftsministeriums wird seit einigen Wochen unter dem Motto „Kraftwerk, ja bitte“ für Akzeptanz für neu zu installierende Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 20 Gigawatt geworben. Das entspricht in etwa 20 Kraftwerken und damit der Leistung der 17 Kernkraftwerke. Komisch nur, dass in der deutschen Presselandschaft so wenig Notiz davon genommen wurde oder – wie in diesem Artikel – der Bezug zur Energiewende nicht gesehen wird. Denn es sind nicht die bösen Energieversorger, die ja nur Profit machen wollen, sondern der Energiehunger einer Wohlstandsgesellschaft mit ca. 50.000 kWh Primärenergie pro Person und Jahr, der befriedigt werden möchte. Und da Strom leider nicht in größerem Ausmaß speicherbar ist, sind die fluktuierenden Enegien dafür ungeeignet und müssen durch fossile Schattenkraftwerke - politisch korrekt ausgedrückt - "ergänzt" werden. In Wirklichkeit tragen sie bei weitem die Hauptlast. Willkommen in der real existierenden Energiewende!

  2. hängen wohl untrennbar zusammen. Solange die Erneuerbaren massiv subventioniert werden müssen, ist Braunkohle immer noch der preiswerteste und vor allem ein heimischer Energieträger mit Reserven für mehrere hundert Jahre.

    Gut, wenn wenigsten für einen Ausgleich der Leidtragenden gesorgt wird.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service