Man muss sich Schleife vorerst als einen friedlichen Ort vorstellen. Die Häuser sehen aus, als hätte der liebe Gott sie bei einem Spaziergang verstreut: So großzügig verteilen sie sich zwischen Feldern und Wäldern im flachen Lausitzer Land. Nur bei Südostwind kann man am Dorfrand die Bagger des fünf Kilometer entfernten Braunkohletagebaus Nochten hören. Jene Bagger, die in einigen Jahren wohl auch Teile von Schleife vernichten werden. Denn das Dorf der sorbischen Minderheit soll für den deutschen Energiehunger weichen – zumal in Zeiten des Atomausstiegs. Mehr als 1.500 Menschen müssten ihre Häuser räumen. Doch kaum jemand wehrt sich.

Wenn man die Menschen in Schleife fragt, was sie über den Tagebau denken, gehen die meisten schweigend weiter. Nirgendwo steht ein Schild: "Rettet unsere Heimat!" Der Bürgermeister sagt: "Proteste wie in Horno oder Heuersdorf werden Sie bei uns nicht erleben." Vernehmbaren Widerstand leistet nur eine 73-jährige Rentnerin. Edith Penk lebt am Dorfrand in einem Einfamilienhaus, das ihre Eltern in den 1930er Jahren erbaut haben und das sie mit ihrem Mann später aufgestockt hat. "Jeder Ziegel ging mehrfach durch unsere Hände", sagt sie. "Mich kriegt hier niemand weg." Da müsse die Polizei sie schon wegtragen.

Penk liebt ihr Dorf und ärgert sich über seine Bewohner. Im Jahr 2009 gab es eine Umfrage. Die Schleifer sollten darüber Auskunft geben, ob sie schon jetzt die drohende Umsiedlung planen wollen oder lieber noch abwarten möchten – denn es besteht kein Grund zur Eile. Zwar will der Energiekonzern Vattenfall den Flöz unter Schleife mit rund 310 Millionen Tonnen Kohle ausbeuten, doch bis der Antrag die politischen Gremien durchlaufen hat, dauert es noch bis Ende 2012. Trotzdem sprachen sich reichlich 70 Prozent dafür aus, schon sogleich ein neues Dorf zu entwerfen.

"Das war unser größter Fehler", sagt Edith Penk. Sie vermutet, vielen gehe es ums Geld. Wem Vattenfall das Haus abreißt, dem stellt der Konzern ein neues hin. Andererseits: Mit viel Gegenwehr ließe sich vielleicht mehr herausholen. Auch anderswo fließen Entschädigungen, und trotzdem protestieren etwa in Brandenburg Tausende gegen die Erweiterung des Tagebaus Welzow-Süd. Warum geschieht nicht Gleiches in Schleife? Will sich das Dorf billig hergeben?

"Wir leben hier seit mehr als 100 Jahren mit der Braunkohle, vor allem leben wir von ihr", sagt Reinhard Bork. Der 61-Jährige ist der Bürgermeister; ein gemütlicher Mann, der seine Worte genau wägt. Jeder dritte Arbeitsplatz vor Ort hänge vom Bergbau ab. Und doch stimme der Eindruck nicht, die Schleifer würden die Umsiedlung herbeisehnen. "Wenn die Erweiterung des Tagebaus beschlossen wird, soll es anschließend schnell gehen", sagt Bork. "Dann wollen die Leute keine Hängepartie." Nur deswegen plane man das neue Schleife schon jetzt, gleichsam prophylaktisch. Das klingt pragmatisch. Aber ist es auch klug?

Im Ort wird die spätgotische Kirche saniert – auf Kosten von Vattenfall

Wo ein Drittel vom Tagebau lebt, machen zwei Drittel etwas anderes. Zwar gibt es in fast jeder Familie einen Bergmann, es gibt aber auch in jeder Familie Verwandte, die nicht auf der Gehaltsliste von Vattenfall stehen – und trotzdem umziehen müssten. Den Jungen fällt der Wechsel leicht. Doch wie verkraften ihn die Älteren?

Es geht ein Riss durch Schleife. Da ist ein Konflikt, der bislang nicht eskalierte. Man kann ihn auf jeder Landkarte nachvollziehen. Bis zur Bahnlinie CottbusBerlin soll der Tagebau nach Plänen von Vattenfall vorrücken. Ein Drittel der Bevölkerung müsste weichen. Alle Häuser nördlich des Bahnhofs indes könnten bleiben. Nicht weit davon entfernt sollen die Umsiedler eine neue Heimat finden. "Es ist eine Chance", sagt Bürgermeister Bork. Man wolle für alle attraktiv bleiben. Eine deutsch-sorbische Schule sei in Planung. Und ein Heim für betreutes Wohnen. Schon jetzt wird die spätgotische Kirche saniert – auf Kosten von Vattenfall. Der Konzern hat aus den Braunkohleprotesten der Vergangenheit gelernt. Auch das trägt zum Frieden bei. Er lädt zu Gesprächsrunden ein, bezahlt Meinungsumfragen, macht Angebote. Er fördert Sportvereine, Feuerwehren und sogar Naturschutzprojekte. Vattenfall zerstört und baut auf. Das ist weit mehr, als viele hier vor 25 Jahren zu träumen wagten. In der DDR, so erzählt man im Nord-Dorf, habe es Pläne gegeben, ganz Schleife zu opfern – und nicht nur ein Drittel.

"Es gibt in Schleife keine Widerstandstradition"

Im 19. Jahrhundert wurde in der Lausitz erstmals Braunkohle entdeckt. Dank einer geologischen Besonderheit, dem Muskauer Faltenbogen, reichten die Flöze zum Teil so nah an die Erdoberfläche heran, dass Bauern nur eine Schaufel brauchten, um sie abzubauen. Es entstanden die ersten Kohlegruben. Von 1960 an erschlossen Geologen das Abbaufeld Nochten. Sechs Jahre später mussten in Mühlrose bei Schleife die ersten Einwohner dem Tagebau weichen. Damals gab es kaum Entschädigung.

Andere Dörfer haben gekämpft und mussten dennoch der Kohle weichen

Heute wird belohnt, wer seine Heimat hergibt . Anfang Dezember hat Vattenfall an alle Bürger in Schleife einen Katalog verschickt, das sogenannte Soziale Anforderungsprofil. Darin steht, was das Unternehmen im Falle eines Falles bereit wäre, für das Dorf auszugeben. Schon seit März 2010 bezahlt es eine Seelsorgerin im Ort. Deutschlandweit ist Antje Schröcke die wohl einzige Theologin, die sich eigens um vom Bergbau Betroffene kümmert. Man kann allerdings nicht sagen, dass ihre Hilfe im Übermaß beansprucht würde.

"Es gibt viele im Ort, die der Heimatverlust traurig macht", sagt Schröcke. Aber nur wenige würden offen darüber sprechen. Die Menschen hier seien ein wenig wie ihre Vierseitenhöfe. So verschlossen. Viele hier, glaubt die 48-Jährige, zehrten noch von einem Mythos. In der DDR waren die Bergarbeiter Helden. In eisigen Wintern, bei Schneesturm und Frost, sicherte ihre Kohle die Behaglichkeit.

Antje Schröcke stammt ursprünglich aus dem Harz, ihr Büro in Schleife hat sie direkt an der Bahnlinie bezogen. Wird der Tagebau erweitert, soll ihr Haus mit als erstes abgerissen werden, denn bevor die Kohlebagger kommen, ist hinter den Gleisen die Errichtung eines Walls vorgesehen, der die Restgemeinde vor Lärm und Staub schützen soll. "Es gibt in Schleife keine Widerstandstradition", sagt Schröcke. Die aktuelle Zurückhaltung erklärt sie auch mit den Erfahrungen anderer Orte. "Heuersdorf und Horno haben gekämpft – und mussten der Kohle trotzdem weichen", sagt sie. Schleife kämpft gar nicht erst.

Schleife verhandelt. Und hofft, dass es schöner wieder auferstehen wird, als es untergeht. "Wir gehen in die Gespräche mit Vattenfall auf Augenhöhe", sagt Manfred Herrmasch, Vertreter der Domowina im Ort, des Bundes Lausitzer Sorben. Herrmasch ist ein rauer Mann mit kräftigen Händen. Er saß schon mit am Tisch, als 1994 die Umsiedlungen für den Ortsteil Mühlrose und das benachbarte Trebendorf beschlossen wurden. Laut Sächsischem Braunkohlenplan verlieren bis zum Jahr 2013 etwa 270 Bewohner ihr Haus. Vattenfall sorgt für Ersatz und hat bereits 28,6 Millionen Euro in diverse Fonds zur Förderung des Gemeinschaftslebens, der Gemeindeentwicklung und für soziale

Belange investiert. "Mit der nächsten Erweiterung des Tagebaus trifft es Gebiete, in denen die sorbische Tradition besonders gepflegt wird", sagt Herrmasch. Der Schleifer Dialekt sei einzigartig und müsse bewahrt werden. Er fände es gut, wenn Vattenfall mehr in die Traditionspflege investierte. Wie viel Geld sich Herrmasch erhofft, sagt er nicht. Jede Summe klänge unangemessen. "Wir müssen auch daran denken, dass die Umsiedler in ein Gebiet ziehen, in dem schon Menschen wohnen", sagt er. Da dürfe kein Neid aufkommen. Am besten wäre es, wenn alle teilhätten.

Edith Penk kann über solche Worte nur den Kopf schütteln. Die Rentnerin setzt dieser Tage ein Widerspruchsschreiben auf. Noch bis zum 20. Januar können die Schleifer ihre Einwände gegen eine Ausweitung des Tagebaus Nochten an den Regionalen Planungsverband Oberlausitz-Niederschlesien schicken. Anschließend wägt dieser ab und entscheidet per Mehrheitsbeschluss. Danach kann das sächsische Innenministerium die Genehmigung erteilen. "Andere Orte haben sich gewehrt und stehen noch", sagt Penk. Sie verweist auf Klitten bei Boxberg und Sallgast in Südbrandenburg. Doch die Kämpfe beider Gemeinden liegen zwei Jahrzehnte zurück. Die Kohleförderung bei Klitten wurde 1992 eingestellt. Das Versprechen, Sallgast stehen zu lassen, datiert auf den 28. Juni 1990. In den Zeitungen stand damals: Weil der Widerstand des Dorfes Erfolg hatte, hätten die Kirchenglocken eine Stunde lang geläutet.

Manchmal fährt Edith Penk in andere Gemeinden, um an Kundgebungen für den Umweltschutz teilzunehmen. Aber noch nie hat sie in ihrem eigenen Dorf demonstriert. "Wenn ich dazu aufrufen würde", sagt sie, "dann würde ich womöglich davongejagt."