"Es gibt in Schleife keine Widerstandstradition"
Im 19. Jahrhundert wurde in der Lausitz erstmals Braunkohle entdeckt. Dank einer geologischen Besonderheit, dem Muskauer Faltenbogen, reichten die Flöze zum Teil so nah an die Erdoberfläche heran, dass Bauern nur eine Schaufel brauchten, um sie abzubauen. Es entstanden die ersten Kohlegruben. Von 1960 an erschlossen Geologen das Abbaufeld Nochten. Sechs Jahre später mussten in Mühlrose bei Schleife die ersten Einwohner dem Tagebau weichen. Damals gab es kaum Entschädigung.
Andere Dörfer haben gekämpft und mussten dennoch der Kohle weichen
Heute wird belohnt, wer seine Heimat hergibt. Anfang Dezember hat Vattenfall an alle Bürger in Schleife einen Katalog verschickt, das sogenannte Soziale Anforderungsprofil. Darin steht, was das Unternehmen im Falle eines Falles bereit wäre, für das Dorf auszugeben. Schon seit März 2010 bezahlt es eine Seelsorgerin im Ort. Deutschlandweit ist Antje Schröcke die wohl einzige Theologin, die sich eigens um vom Bergbau Betroffene kümmert. Man kann allerdings nicht sagen, dass ihre Hilfe im Übermaß beansprucht würde.
»Es gibt viele im Ort, die der Heimatverlust traurig macht«, sagt Schröcke. Aber nur wenige würden offen darüber sprechen. Die Menschen hier seien ein wenig wie ihre Vierseitenhöfe. So verschlossen. Viele hier, glaubt die 48-Jährige, zehrten noch von einem Mythos. In der DDR waren die Bergarbeiter Helden. In eisigen Wintern, bei Schneesturm und Frost, sicherte ihre Kohle die Behaglichkeit.
Antje Schröcke stammt ursprünglich aus dem Harz, ihr Büro in Schleife hat sie direkt an der Bahnlinie bezogen. Wird der Tagebau erweitert, soll ihr Haus mit als erstes abgerissen werden, denn bevor die Kohlebagger kommen, ist hinter den Gleisen die Errichtung eines Walls vorgesehen, der die Restgemeinde vor Lärm und Staub schützen soll. »Es gibt in Schleife keine Widerstandstradition«, sagt Schröcke. Die aktuelle Zurückhaltung erklärt sie auch mit den Erfahrungen anderer Orte. »Heuersdorf und Horno haben gekämpft – und mussten der Kohle trotzdem weichen«, sagt sie. Schleife kämpft gar nicht erst.
Schleife verhandelt. Und hofft, dass es schöner wieder auferstehen wird, als es untergeht. »Wir gehen in die Gespräche mit Vattenfall auf Augenhöhe«, sagt Manfred Herrmasch, Vertreter der Domowina im Ort, des Bundes Lausitzer Sorben. Herrmasch ist ein rauer Mann mit kräftigen Händen. Er saß schon mit am Tisch, als 1994 die Umsiedlungen für den Ortsteil Mühlrose und das benachbarte Trebendorf beschlossen wurden. Laut Sächsischem Braunkohlenplan verlieren bis zum Jahr 2013 etwa 270 Bewohner ihr Haus. Vattenfall sorgt für Ersatz und hat bereits 28,6 Millionen Euro in diverse Fonds zur Förderung des Gemeinschaftslebens, der Gemeindeentwicklung und für soziale
Belange investiert. »Mit der nächsten Erweiterung des Tagebaus trifft es Gebiete, in denen die sorbische Tradition besonders gepflegt wird«, sagt Herrmasch. Der Schleifer Dialekt sei einzigartig und müsse bewahrt werden. Er fände es gut, wenn Vattenfall mehr in die Traditionspflege investierte. Wie viel Geld sich Herrmasch erhofft, sagt er nicht. Jede Summe klänge unangemessen. »Wir müssen auch daran denken, dass die Umsiedler in ein Gebiet ziehen, in dem schon Menschen wohnen«, sagt er. Da dürfe kein Neid aufkommen. Am besten wäre es, wenn alle teilhätten.
Edith Penk kann über solche Worte nur den Kopf schütteln. Die Rentnerin setzt dieser Tage ein Widerspruchsschreiben auf. Noch bis zum 20. Januar können die Schleifer ihre Einwände gegen eine Ausweitung des Tagebaus Nochten an den Regionalen Planungsverband Oberlausitz-Niederschlesien schicken. Anschließend wägt dieser ab und entscheidet per Mehrheitsbeschluss. Danach kann das sächsische Innenministerium die Genehmigung erteilen. »Andere Orte haben sich gewehrt und stehen noch«, sagt Penk. Sie verweist auf Klitten bei Boxberg und Sallgast in Südbrandenburg. Doch die Kämpfe beider Gemeinden liegen zwei Jahrzehnte zurück. Die Kohleförderung bei Klitten wurde 1992 eingestellt. Das Versprechen, Sallgast stehen zu lassen, datiert auf den 28. Juni 1990. In den Zeitungen stand damals: Weil der Widerstand des Dorfes Erfolg hatte, hätten die Kirchenglocken eine Stunde lang geläutet.
Manchmal fährt Edith Penk in andere Gemeinden, um an Kundgebungen für den Umweltschutz teilzunehmen. Aber noch nie hat sie in ihrem eigenen Dorf demonstriert. »Wenn ich dazu aufrufen würde«, sagt sie, »dann würde ich womöglich davongejagt.«
- Datum 22.12.2011 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.12.2011 Nr. 52
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Kommt einem irgendwie bekannt vor: Erst tolle Ideen, wie man unter gewissen Opfern alles besser machen kann, und dann in der Realität sieht es doch nicht so rosig aus! Die Energiewende der Bundesregierung bedeutet den 100%igen Ersatz der Kernkraft mit Kohlekraft garniert mit einer homoöpathischen Dosis von Biomasse, Wind und Sonne. Auf den Seiten des Wirtschaftsministeriums wird seit einigen Wochen unter dem Motto „Kraftwerk, ja bitte“ für Akzeptanz für neu zu installierende Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 20 Gigawatt geworben. Das entspricht in etwa 20 Kraftwerken und damit der Leistung der 17 Kernkraftwerke. Komisch nur, dass in der deutschen Presselandschaft so wenig Notiz davon genommen wurde oder – wie in diesem Artikel – der Bezug zur Energiewende nicht gesehen wird. Denn es sind nicht die bösen Energieversorger, die ja nur Profit machen wollen, sondern der Energiehunger einer Wohlstandsgesellschaft mit ca. 50.000 kWh Primärenergie pro Person und Jahr, der befriedigt werden möchte. Und da Strom leider nicht in größerem Ausmaß speicherbar ist, sind die fluktuierenden Enegien dafür ungeeignet und müssen durch fossile Schattenkraftwerke - politisch korrekt ausgedrückt - "ergänzt" werden. In Wirklichkeit tragen sie bei weitem die Hauptlast. Willkommen in der real existierenden Energiewende!
hängen wohl untrennbar zusammen. Solange die Erneuerbaren massiv subventioniert werden müssen, ist Braunkohle immer noch der preiswerteste und vor allem ein heimischer Energieträger mit Reserven für mehrere hundert Jahre.
Gut, wenn wenigsten für einen Ausgleich der Leidtragenden gesorgt wird.
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