Was, wenn es schon im viktorianischen England Computer gegeben hätte? Oder wenn, anstatt der aufkommenden Elektrizität, Dampf die treibende Kraft geblieben wäre? Was, wenn die Welt heute mit riesigen Messing-Zahnrädern und stampfenden Dampfmaschinen angetrieben würde? Und wie wäre es, wenn anstelle von Jumbojets Zeppeline im Linienbetrieb über den Atlantik fahren würden, majestätische Luftschiffe mit komfortablen Kabinen? Diesem "was wäre, wenn" nachzuhängen, alternative Zeitverläufe zu erdenken, das ist Steampunk, eine Art retrofuturistischer Chic, der beispielsweise in Filmen der vergangenen Jahrzehnte immer wieder zu erkennen ist.

Steampunk ist nietenbeschlagen und ausgekleidet mit Mahagoni und poliertem Messing wie das U-Boot Nautilus in der Disney-Verfilmung von Jules Vernes 20.000 Meilen unter dem Meer. Steampunk rumpelt und zischt wie das auf riesigen Vogelfüßen umherwandernde Blechgebäude in Hayao Miyazakis Anime-Märchenfilm Das wandelnde Schloss. Steampunk bedient sich im viktorianischen Zeitalter, der Fantasy-Film Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen etwa bringt gleich eine Reihe von Figuren aus den Romanen von R.L. Stevenson, H.G. Wells und anderen zusammen, um das britische Empire zu retten. Und Steampunk versprüht eine Technikbegeisterung wie Martin Scorseses erster 3-D-Film Hugo, der in den USA bereits angelaufen ist. Der Film handelt von dem Waisenjungen Hugo, der in einem Pariser Bahnhof der Zwischenkriegsjahre lebt. Dampfloks tuten, die Zeiger der riesigen Bahnhofsuhren drehen sich langsam, und von allerlei mechanischen Gerätschaften geht ein magischer Zauber aus.


Neben Scorseses Hugo wurden gerade klassisch viktorianische Stoffe wie die Sherlock-Holmes-Geschichten sowohl fürs Kino als auch fürs englische Fernsehen neu verfilmt, sogar in Mantel-und-Degen-Adaptionen wie den Drei Musketieren fliegen nun Zeppeline durchs Bild. Auf dem Buchmarkt ist die Steampunk-Optik ähnlich präsent: In großen Buchläden stehen statt Vampirromanen immer mehr Bücher mit Zahnrädern oder archaischen U-Booten auf dem Cover in den Regalen, Kinderbuchverlage starten Steampunk-Serien.

Das Genre hat ein ganz neues Lebensgefühl hervorgebracht

Steampunk nun zum nächsten Trend auszurufen, wäre allerdings ein alter Hut, schließlich wurde dem Genre bereits bei der Prägung des Begriffs sein Hype-Potenzial eingeschrieben, das war vor ungefähr 25 Jahren. Die drei Autoren K.W. Jeter, James Blaylock und Tim Powers schrieben damals Romane zwischen Sciencefiction, Fantasy und viktorianischem Widergängerhorror mit Titeln wie Morlock Night (Die Nacht der Morlocks), The Anubis Gates (Die Tore zum Anubis-Reich) oder "Homunculus". Jeter meinte, ihre Art zu schreiben werde "das nächste große Ding" sein, man müsse nur einen Namen für die Autoren finden, "Steampunks, vielleicht..." Auch wenn sich seitdem immer wieder Steampunk-Wellen ankündigten, der Mainstream-Erfolg blieb aus, wie zum Beispiel bei dem Film Wild Wild West, der mitsamt großem Staraufgebot, aberwitzigem Setting und Spezialeffekt-Gewitter floppte.

Seit ein paar Jahren weitet sich das Genre zu einem Lebensgefühl aus, das sich aus der Steampunk-Ästhetik speist. In einer Do-it-yourself-Manier fernab aller Baumarkt-Standards stellen Steampunks Souvenirs einer anachronistischen Welt her, knüpfen einen Knoten in den Lauf der Zeit: Ihre Laptops verkleiden sie derart mit Holzpaneele und Metallbeschlägen, dass sie aussehen wie Zeitmaschinen für den Heimgebrauch. Um sie einzuschalten, muss nicht nur ein Knopf gedrückt, sondern ein mechanisches Uhrwerk aufgezogen werden. Die Hightechgeräte der Steampunks laufen im Als-ob-Modus: Handys werden mit Bakelit-Hörern und alten Schreibmaschinentasten zu repräsentativen Fernsprechapparaten ausstaffiert, iPhone-Stationen sehen nach ihrer Steampunkisierung aus, als hätten sie soeben noch in der Wohnung von Sherlock Holmes gestanden.

Das 19. Jahrhundert ist für Steampunks eine vergangene Sehnsuchtswelt, in der sie sich wie in einem Trödelladen bedienen, um eine glorreichere Zukunft zu basteln. Mit den allgegenwärtigen Lieblingsmaterialien, mit Messing, Mahagoni und Lederbezügen, verwandeln die Steampunk-Tüftler in Serie produzierte Alltagsgegenstände zurück in Unikate. Die glatten Benutzeroberflächen von Geräten des heutigen Informationszeitalters wollen sie durchbrechen, um die dahinter verborgenen Technologien wieder sichtbar und dadurch verständlich zu machen. Die Steampunks wollen jeder Maschine die erhabene Aura der Einzigartigkeit zurückgeben.