Warum sollte jemand meine intimsten Wünsche erfahren? Als Schauspieler muss ich mich ständig entblößen, also möchte ich zwischen den Dreharbeiten am liebsten gar nichts von mir preisgeben. Außerdem: Ich bin kein großer Planer, der weiß, wo er in zehn Jahren stehen will. Ich habe in meinem Leben einige Sachen gemacht, die ich ursprünglich nur anderen Menschen zugetraut hätte, niemals mir selbst.

Früher war das bei mir noch etwas anders. Meine Mutter hat mich mit ihrer Leidenschaft für Sport, Kunst und Theater angesteckt. Ich spielte als Kind gerne Baseball, gleichzeitig malte ich mir aus, wie es wohl wäre, nachmittags mit dem Fahrrad zum Theater zu fahren, um dort auf der Bühne zu stehen. Als ich später in New York als Kellner jobben musste, träumte ich bloß von einer interessanteren Arbeit. Eines Tages war es dann so weit: Ich fuhr jeden Tag zum Theater und trat tatsächlich in Stücken auf! In Filmen zu spielen, das konnte ich mir damals nicht vorstellen, geschweige denn, einen Oscar zu gewinnen. Als ich ihn dann in der Hand hielt, für meine Rolle in Capote , dachte ich: Mein Gott, wie konnte es so weit kommen?

Und obwohl ich als Schauspieler anfangs noch davor zurückschreckte, selber Stücke inszenieren zu wollen, sehe ich mich inzwischen auch als Filmregisseur. Oft merke ich erst während der Arbeit, dass ich mir gerade einen Traum verwirkliche.

Richtig frei fühle ich mich allerdings nur, wenn ich meinen Tagträumen nachhängen kann. Ich lese gern und spüre dabei, wie viele Romane aus intensiven Tagträumen entstanden sein müssen. Um ein literarisches Genie wie Truman Capote verkörpern zu können, musste ich mich in dessen Träume hineinversetzen, mir seine Welt erträumen. Dieser innere Dialog mit der Rolle ist wie ein freies Assoziieren, also auch ein bisschen wie ein Traum, bei dem ein Gedanke zum anderen führt und alle Fragen erlaubt sind. Wenn ich beim Lesen eines Drehbuchs sofort mit einer Figur auf eine geistige Reise gehen und seine intimsten Motive entdecken will, dann fällt es mir leicht, die Rolle anzunehmen.

Meine Kinder, die inzwischen acht, fünf und drei Jahre alt sind, erzählen mir oft von ihren Träumen und erinnern mich dann an Gefühle aus meiner eigenen Kindheit. Ich achte aber darauf, ihnen keinen der Träume aufzuzwingen, die ich selbst in jungen Jahren hatte. Ich nehme meinen Sohn mit zu Baseballspielen, manchmal auch ins Theater, wo er uns beim Proben zuschauen kann. Meine Kinder sollen spüren, dass man Sportler und Künstler zugleich sein kann und nicht zwischen Körper und Geist trennen muss. Ich zeige ihnen ganz verschiedene Welten, damit sie später ihre eigenen Träume frei wählen können.

Wenn ich die Augen schließe und meine Gedanken vagabundieren lasse, bin ich endlich ganz allein und anonym, mein Denken ist dann völlig ungebunden. Es ist dieses Gefühl von grenzenloser Freiheit, das Träume so lebensnotwendig macht. Daher bleiben die meisten von ihnen auch mein Geheimnis.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio