Heiko Kauffmann braucht lange, um diesen Brief zu schreiben. Tagsüber schiebt er die Sätze im Kopf herum, nachts liegt er wach und wägt die Wörter ab. Schließlich tippt er: »An den Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen, Herrn David McAllister«. Am Ende wird er fünf Seiten gefüllt haben. Er wird auf ihnen das Schicksal von vier Kinder erzählen.

Es geht oft um Kinder im Leben von Heiko Kauffmann, meist um die Söhne und Töchter von Flüchtlingen. Kauffmann ist 63 Jahre alt, er hat Pädagogik studiert, hat lange für das Kinderhilfswerk Terre des Hommes gearbeitet, später ist er Sprecher der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl gewesen. Man kann sagen, er hat den jahrzehntelangen Streit, ob Deutschland nun ein Einwanderungsland ist oder nicht, in vorderster Reihe miterlebt. Oft hat er sich eingemischt, wenn er das Gefühl hatte, dass die Auseinandersetzungen um vermeintliche Wirtschaftsflüchtlinge und angebliche Asylbetrüger auf Kosten der Kinder gingen.

Jetzt schreibt er an den CDU-Politiker McAllister: »In all diesen Jahren habe ich noch kein Familienschicksal wie das hier vorliegende erlebt.«

Es beginnt am 10. Februar 2005 in einem Dorf bei Hildesheim. Morgens um halb neun Uhr hält ein Polizeiwagen mit zehn Beamten vor der Wohnung von Ahmed Siala und Gazale Salame, einem Mann und einer Frau, die knapp zwanzig Jahre zuvor, damals selbst noch Kinder, mit ihren Eltern aus dem libanesischen Bürgerkrieg in die Bundesrepublik geflohen waren. Hier, in Niedersachsen, hatten sie einander später kennengelernt und drei Kinder bekommen.

Dann aber fand das Ausländeramt heraus, dass Gazale Salames Familie damals von Beirut über die Türkei, die Heimat ihrer Vorväter, nach Deutschland gelangt war, mithilfe türkischer Pässe. Daraus folgerte die Behörde, dass die Salames nicht, wie von den Eltern angegeben, staatenlose Kurden aus dem Libanon seien, sondern Türken. Weshalb jetzt, an diesem 10. Februar 2005, die Polizei kommt.

Ahmed Siala bringt gerade die beiden älteren Töchter in die Schule. Seine schwangere Frau ist allein mit der dritten Tochter, der einjährigen Schams. Die Beamten teilen ihr mit, sie werde jetzt in die Türkei abgeschoben, und verfrachten sie samt Tochter ins nächste Flugzeug, obwohl sie seit 17 Jahren in Deutschland lebt, kein Türkisch spricht, und ihren Mann und zwei Kinder zurücklassen muss (ZEIT Nr. 38/07 und Nr. 08/09).

Heute, fast sieben Jahre später, ist die Familie noch immer getrennt. Gazale Salame, inzwischen 31 Jahre alt, lebt, an Depression erkrankt, mit den beiden jüngeren Kindern in einem ärmlichen Viertel der türkischen Stadt Izmir. Ahmed Siala, 32, wohnt mit den älteren Töchtern weiterhin in der Nähe von Hildesheim. Mit den Behörden führt er einen öffentlichen Kampf, von vielen unterstützt.

Siala will seine Frau und die Kinder nach Deutschland zurückholen. Das kann nur gelingen, wenn er eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis erhält. Die bekommt er nicht, im Gegenteil, auch ihn will das Ausländeramt abschieben. Obwohl Sialas Familie damals direkt von Beirut nach Deutschland kam, beruft sich der Landkreis Hildesheim darauf, dass auch seine Vorfahren aus der Türkei stamme