Ägypten, Libyen, bin Laden, Fukushima, Berlusconi, Putin, Euro, Nordkorea ... turbulentes Jahr! Gibt es überhaupt noch einen Ruhepol irgendwo? Ja, zum Beispiel in Bern, im Büro von Peter Witschi, der die Schweizer Suchmaschine webliste.ch betreibt. Er lädt jeden ein, ihm über die Schulter zu schauen. Auf www.petershobby.ch ist die Welt noch im Lot.

DIE ZEIT: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, an Ihrer Modelleisenbahn eine Kamera zu installieren und sie im Internet verfügbar zu machen?

Peter Witschi: Weil ich dachte, dass es vielleicht interessant wäre, wenn andere Modelleisenbahner nicht unbedingt erst tausend Kilometer fahren müssen, um meine Bahn sehen zu können.

DIE ZEIT: Was fasziniert Sie an Modelleisenbahnen?

Witschi: Die Planung und dann das Bauen.

DIE ZEIT: Weniger das Fahren?

Witschi: Es muss fahren, selbstverständlich, es funktioniert auch alles, aber das funktioniert eben dann so gut, dass es schon wieder langweilig wird.

Blick in eine heile Eisenbahnwelt © www.petershobby.ch

DIE ZEIT: Wir haben Sie mal unter die Anlage kriechen sehen. Gab’s da einen Unfall?

Witschi: Unfälle gibt es zum Glück nicht mehr so viele. Aber es kann mal vorkommen, dass ein bisschen Staub auf den Schienen ist und ein Zug irgendwo stecken bleibt. Und in einem solchen Moment bin ich dann unter der Anlage zu finden.

DIE ZEIT: Es ist ja viel passiert dieses Jahr. Bei Ihnen tut sich vergleichsweise wenig.

Witschi: Ja, die Veränderungen halten sich sehr in Grenzen. Was soll man dazu sagen? Das ist der Vorteil einer Eisenbahnanlage.

DIE ZEIT: In Ihrer Anlage gibt es einen Jahrmarkt, eine Kirche, einen Friedhof, den man sich mit der Webcam so weit heranziehen kann, dass die Namen auf den verwitterten Grabsteinen zu lesen sind. Als die ersten Bilder aus Fukushima kamen, aufgenommen aus großer Entfernung wegen der Strahlung, sah das fast wie Ihre Modellbahn aus. Was ist Wirklichkeit, was ist Illusion?

Witschi: Das Ziel einer Modellbahn ist natürlich die Illusion. Mit einer Kamera lässt sich eine Modelleisenbahn als real darstellen. Aus diesem Grund hat meine Anlage rundum ein Gemälde, damit man das Gefühl hat, sich in der Welt zu befinden.

DIE ZEIT: Auf der Anlage gibt es ein Haus, »Peters Home«. Sieht Ihr Haus so aus?

Witschi: Das würde in etwa genauso aussehen.

DIE ZEIT: Einen Hubschrauberlandeplatz hätten Sie?

Witschi: Ja, der ist Wunschdenken. Das Haus ist schon so, wie ich mir mein Haus vorstellen würde, wenn ich zum Beispiel eins bauen würde.

DIE ZEIT: Warum haben Sie auch Kameras im Büro?

Witschi: An und für sich war das mal ein Gag. Und mittlerweile hat es sich zu einem Dauergag entwickelt. Lustigerweise ist jetzt eigentlich ein Hauptgrund bei mir meine Mutter. (lacht) Weil sie sehr gerne mehrmals täglich schnell reinschaut, und dann sieht sie mich da arbeiten und ist glücklich.

DIE ZEIT: Hat sich bei Ihnen sonst je jemand gemeldet?

Witschi: Ja. Quer durch die Welt. Alles, was irgendwie ein bisschen Englisch herausbringt, meldet sich da. Da kommen so Sprüche wie, ich soll die Schuhe anziehen. Oder: »Hello Pete, I see you.«

DIE ZEIT: Schalten Sie die Kamera manchmal aus?

Witschi: Grundsätzlich nicht. Sie schmiert mal ab, das kommt vor.

DIE ZEIT: Ist das nicht unangenehm, weltweit beobachtet zu werden im Zeitalter der Gesichtserkennung und von Google Street View?

Witschi: Am Anfang war das seltsam. Aber man gewöhnt sich daran. Und mittlerweile trägt es eher zur eigenen Belustigung bei, wenn ich aufstehe und nach vorne laufe und die Kamera fährt gleich mit.

DIE ZEIT: Fühlen Sie sich dann nicht so allein?

Witschi: Aus dem Grund habe ich sie nicht angebracht. Sie hat schon eine praktische Funktion. Sie ist eine Überwachungskamera. Wenn jemand im Büro ist, von einer bestimmten Zeit an, hat sie einen Bewegungssensor. Wenn da jemand einfach reinkäme, würde das aufgezeichnet werden.

DIE ZEIT: Es gibt aber Orte im Büro, an die Sie sich unbeobachtet zurückziehen können?

Witschi: Es gibt tote Winkel, genau. (lacht) Zum Glück überschaut sie nicht alles.

DIE ZEIT: Ihren Partner Fritz sieht man nur von hinten. Hat er Probleme mit der Kamera?

Witschi: Oh, nein, das würde ich jetzt nicht sagen. Er hat alleine sechs Cams installiert. Davon sehen Sie jetzt wahrscheinlich nur die eine. Der hat sie ein bisschen auch aus anderen Gründen.

DIE ZEIT: Was sind das für Gründe?

Witschi: Dazu möchte ich mich nicht äußern.