Heiligabend: Meine Weihnachtskirche
Prunkvoll oder gelehrsam? Fremd oder vertraut? Mit Trompetenjubel oder in aller Stille? Elf ZEIT-Mitarbeiter schreiben über ihren Heiligabend
Light, Sound und Trockennebel
In dem guten alten Berlin meiner Jugend gaben die Zeitungen eine Vorschau sämtlicher Weihnachtsgottesdienste der Stadt. Meine Eltern studierten die Liste sorgfältig wie das Kinoprogramm auf der Suche nach interessanten Predigten; sie scheuten weite Wege nicht, um einen berühmten Theologen zu hören, und sei es in einer karg möblierten Zeltkirche in Zehlendorf-Süd. Die Professoren Schmithals und Gestrich, um nur zwei zu nennen, haben zweifellos mein Weihnachtserleben intellektuell bereichert, aber es kam doch die Zeit, da meine Freunde und ich uns fragten, ob es nicht etwas prunk- und gemütvoller ginge, und auch dafür gab es im alten Westberlin selbstverständlich eine Adresse. Das war die Kirche am Fichteberg; und in ihr vergingen uns denn auch sogleich Hören und Sehen. Der Organist rockte die Weihnachtslieder bis zur Schmerzgrenze, das Licht wurde auf- und abgeblendet, zu grünlich grottigem Dämmern gedimmt und zum Strahlen des Sterns über Bethlehem hochgezogen. Wenig hätte gefehlt, und Trockennebel wäre aufgestiegen. Das war Christi Geburt als Light-and-Sound-Show; unsere Heiterkeit kannte keine Grenzen, aber groß war auch der Kater auf dem Heimweg. Wir schworen uns, nächstes Jahr zur heiligen Nüchternheit protestantischer Gelehrsamkeit zurückzukehren.
Jens Jessen ist Leiter des Ressorts Feuilleton
Damals auf der Pastorenbank
Was waren das für Gottesdienste am Heiligen Abend! Ebstorf in der Lüneburger Heide, keine viertausend Einwohner. Aber drei Mal am 24. Dezember quetschten sich tausend fromme Seelen in die Bänke der Mauritius-Kirche. Viele aus den Dörfern rundum, die Bauern parkten ihren Diesel auf dem nahen Domänenplatz. Der Vater, sich sammelnd, in der Sakristei. Die Mutter und die drei Kinder auf der »Pastorenbank« direkt unter den beiden Weihnachtsbäumen. Deren Kerzen entzündeten jetzt Küster und Küstersfrau von turmhoch schwankenden Trittleitern. Das war das Spannendste: Fiel diesmal einer runter? Und dann Stille Nacht aus tausend Kehlen, die Gesangbücher blieben geschlossen. Viele feuchte Augen, der Krieg lag noch nicht lange zurück. Der Vater predigte vom Glück der Familie. Der Sohn blickte versonnen in die Kerzen – ob ihr Licht wohl den Baum in Flammen aufgehen lassen würde? Die Klingelbeutel prall gefüllt, viele Groschen, ein paar Fünfmarkstücke, vom Großbauern ein Fünfzigmarkschein. Der Sohn würde später den Kirchenvorstehern beim Zählen helfen. Zum Ende Trompetenjubel, ein kleiner Orgel-Orkan, auf der Empore erhoben sich die Äbtissin und die Klosterdamen.
Heute ein schwacher Abglanz der damaligen Herrlichkeit. In der Hauptkirche St. Nikolai am Klosterstern, dort, wo Harvestehude an Eppendorf grenzt, trifft sich das feine Hamburg. Teure Garderobe, Küsschen links und rechts. Die Kinder sind über die Feiertage nach Hause gekommen, aus New York, Dubai, Shanghai. Bei den Liedern viel Gebrumm. Wo sind die kräftigen Stimmen geblieben? In der Predigt ein bisschen Politik, ein bisschen zerrissene Gesellschaft, das wird schon. Der Klingelbeutel, der jetzt durch die Reihen geht, ist merkwürdig leicht. Aber als wir unseren Schein zu den anderen stopfen, merken wir, er ist ganz voll. Eppendorf und Harvestehude lassen sich nicht lumpen. Zum Ausklang auch in St. Nikolai die Orgel, immer heller, nur die Trompeten fehlen. Auch wir herzen jetzt unsere Freunde. Dann raus auf den Harvestehuder Weg, die Eppendorfer Landstraße runter. Bescherung.
Matthias Naß ist Internationaler Korrespondent der ZEIT





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