HeiligabendMeine WeihnachtskircheSeite 3/5

Deutsche Weihnachtsmoschee

Als mich meine Kollegin von Glauben & Zweifeln um einen Text zum Thema »Meine Weihnachtskirche« bat, habe ich mich kurz gefragt, ob sie mich wohl verwechselt hat. Bin ja Muslimin. Aber nein, hieß es. Muslime müssen an Weihnachten ja auch irgendwohin – und Muslimsein muss einen nicht unbedingt davon abhalten, in eine Kirche zu gehen, wenn man sie denn schön findet und gern dort sein mag. Weihnachten also. Als wir Kinder waren, mein Bruder und ich, bedeuteten die drei Tage vor allem: in die Röhre gucken. Zu Hause abhängen. Gähnende Langeweile. Voll ätzend. Später wurde die Küche meiner besten Freundin, ebenfalls türkischstämmig, zu meiner Weihnachtskirche. Waren alle anderen bei ihren Familien zum Gans-Essen, fanden wir dies nun zusammen voll ätzend, aber was soll man machen. Also kochten wir ebenfalls, aßen und tranken die ganze Nacht. Da schwor ich mir: Niemals würde ich je traditionell Weihnachten feiern! Keine Gans, keine Kirchenlieder, kein Tannenbaum!

Und heute? Verbringe ich den Heiligabend im gemütlichen Wohnzimmer meiner deutschen Schwiegereltern in einer Reihenhaussiedlung in einem kleinen Ort in der Nähe von Kiel. Es gibt natürlich einen Tannenbaum. Warum ich mache, was ich nie machen wollte? Weil sie sich freuen, wenn ich mit ihnen feiere. Ihr Wohnzimmer ist quasi meine Weihnachtskirche. Man kann auch sagen: meine Weihnachtsmoschee, wenn man die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ernst nimmt. Ein Ort, an dem sich die Menschen versammeln, die etwas miteinander teilen.

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Özlem Topçu ist Redakteurin im Ressort Politik

Werdener Auferstehung

Am Geländer zum Fleet steht versunken ein dicker Mann, das Handy am Mund. Auf dem schwarzen Wasser treibt das blanke Eis, der Mann gibt mit dröhnender Stimme ein Rezept durch. »Zimt und Nüsse ... brutzeln ... kross...«

Das Kirchlein steht in Werden, in Essen-Werden an der Ruhr. Es stammt aus dem Jahr 995, und alle sagen, es sei »die älteste Pfarrkirche nördlich der Alpen«. Es war nicht immer Kirchlein. Das heißt, es war ursprünglich Kirchlein, dann nicht mehr, dann wieder. 1803, als die alte Fürstenklerisei auch in Deutschland endlich weggeräumt wurde, hat man es zu einem Wohnhaus umgebaut. Werdens Bürgermeister höchstselbst nahm hier Logis. Es gibt aus späterer Zeit auch ein verwischtes Foto, das zeigt Kinder an den Fenstern. Dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, entdeckte man das Kirchlein wieder. Die Wohnungen kamen raus. Die kostbaren Säulen wurden freigelegt, die herrliche Apsis, der mächtige Vorbau. Der stumpfe Turm bekam wieder ein Kupferdach, und die beiden Seitentürmchen erstanden neu. Alles wieder wie früher, ganz früher, alles auf Anfang.

Sankt Lucius in Werden. Die Sonntagsmaler lieben es. Sie malen das Kirchlein oft, am liebsten im Weihnachtskleid. Mit Schnee, mit einem schwarzen Himmel darüber und vielen blanken Sternen. So wird es auch jetzt wieder sein. Und tritt man ein, wird der Weihrauch nicht verhindern, dass man an die Menschen denkt, die hier einst wohnten, hier lachten und weinten und stritten und liebten. An die Stuben, und wie sie geduftet haben am Heiligen Abend. Nach Nüssen, nach Zimt und brutzelndem Braten.

Benedikt Erenz leitet das Ressort Geschichte

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