Kinderkriegen : Mama studiert noch

Junge Frauen sollten während der Studienzeit Kinder kriegen, raten viele. Kommt das für Studentinnen überhaupt infrage? Und wie sehen Männer das? Fünf Protokolle

Erst die Karriere, dann das Kind. Das ist noch immer das Prinzip, nach dem die meisten Studentinnen ihr Leben planen. Ab Mitte 30 nimmt jedoch die Fruchtbarkeit ab. Viele Frauen ärgern sich dann, dass sie nicht früher Mutter wurden. Außerdem suchen Politiker nach Auswegen aus der Demografie-Falle. Die Deutschen bekommen zu wenige Kinder. In einem Spiegel -Artikel hat kürzlich eine Journalistin dafür plädiert, dass junge Frauen schon während der Studienzeit Babys kriegen sollten. Was halten Studenten von dieser Idee und wie geht es denen, die bereits Eltern sind? Fünf junge Menschen erzählen:

Anne Gerhards, 24, studiert an der LMU München in einem Bachelorstudiengang BWL

Mein Studentenleben ist unglaublich zeitintensiv. Ich sammle nicht nur Credit Points, sondern muss mich auch um meinen Lebenslauf kümmern, Praktika machen und Geld verdienen. Ich kann mir gerade gar nicht vorstellen, überhaupt Kinder zu bekommen, aber wenn, dann wäre jetzt sicher nicht der richtige Zeitpunkt. Das Studium ist eng getaktet. Ich kenne keine Kommilitonin, die ein Kind hat. Nur einen Studenten, der vorher eine Ausbildung gemacht hat und schon älter ist. Der läuft oft mit Augenringen herum, weil er auch während den Klausurphasen nicht durchschlafen kann. Für uns junge Frauen kommt das gar nicht in Frage, auch für die in langjährigen Beziehungen ist es kaum denkbar. Es streben alle erst einmal einen Abschluss an. Außerdem wollen sie Geld verdienen. Ich finde ein Kind braucht auch eine finanzielle Basis, aber vielleicht denke ich da auch zu betriebswirtschaftlich.

Ich glaube, in Zukunft werden noch weniger Frauen in der Studienzeit Babys kriegen, weil die Studenten ja immer jünger werden. Ich arbeite im Student Office und beantworte Fragen von Erstsemestern. Die Leute, die da vor mir stehen, sind wegen des vorgezogenen Abiturs und dem Wegfall der Wehrpflicht oft erst 17 Jahre alt, also selbst noch Kinder. Die müssen sich erst einmal selbst kennenlernen.

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Wann wenn nicht jetzt

Ich bin 27 und seid einem Jahr mit dem Studium fertig. Arbeite gerade als Doktorand und meine Frau ist mit dem 4. Kind schwanger. Sie studiert auch (Fernstudium) und wird voraussichtlich in einem Jahr mit dem Bachelor fertig sein. Sie hat dann dafür 1,5 Jahre länger gebraucht, aber auch 3 Kinder während des Studiums bekommen. alle fragen immer wie das geht, und es geht halt. In den Prüfungszeiten kommen die Kinder zu den Großeltern. Und meiner Frau reichen oft 4 Wochen intensives lernen für die Prüfungen aus, während des Semesters kommt sie zu nicht all zu viel. Finanziell gibt es mehr als genug Unterstützung vom Staat, und ich habe aufgrund meiner Kinder ein 3/4 Stelle als Doktorand bekommen, das passt schon. Wir sind überglücklich und können uns kein glücklicheres Leben vorstellen!!!

Noch ein Erfahrungsbericht

Seit eineinhalb Jahren habe ich mein Studium-mit-Kind beendet - im Fach Diplom-Physik.

Mein Sohn war zu Studienbeginn schon 6 Jahre alt, früher hätte ich die Organisation als Alleinerziehende nicht geregelt bekommen. Damit sind wir also gleichzeitig "eingeschult" worden und hatten auch beide den selben "Beruf": lernen! Das hat meinem Sohn recht gut getan, er hatte jedenfalls nie Schulprobleme.

Was jedoch schon ein immer währendes Problem was: Zeit und Geld.

Im Nachhinein habe ich gelernt mit 800 € (davon 450 € für Warmmiete) für zwei Personen zu wirtschaften (hätte ich je Anspruch auf mehr Unterstützung gehabt? Alle Stellen, die ich zu meinem speziellen Fall befragt habe, waren überfordert und konnten mir dazu keinen Rat geben).

Außerdem bleibt immer ein schlechtes Gewissen. Sowohl mein Sohn wie auch meine Pflichten als Studentin sind immer ein bisschen zu kurz gekommen.

Am Ende dieser Zeit - ich habe natürlich länger gebraucht als die meisten meiner Kommilitonen (6 Jahre) - habe ich ein Diplom, bin Erschöpft und würde es niemandem weiterempfehlen, in den Naturwissenschaften Mutter zu sein.

Meinen Sohn habe ich übrigens gefragt: Er sagt, dass er es richtig findet, wie ich es gemacht habe und dass er stolz auf mich ist, das Studium geschafft zu haben.

Das schlecht Gewissen bleibt trotzdem.

Respekt ...

... an sich habe ich nicht viel mit Kindern in diesem Alter zu tun, und vielleicht ist es ja gar nicht so ungewöhnlich. Aber "Respekt" war das, was ich gedacht habe, als ich gelesen habe, dass ein Junge im Alter von 12 Jahren sagt, er sei "stolz" auf seine Mutter. Ich denke, das zeugt von großer Reife. Ich weiß aus Gesprächen und eigenen Erfahrungen, dass man die "verlorene" Zeit mit seinem Kind zwar vielleicht nicht zurückholen kann, aber viel wett machen kann, wenn man trotz allem für es da ist und ihm zeigt, dass man es liebt. Meiner Ansicht nach ist das wichtiger, als immer alles "richtig zu machen" (was nicht heißen soll, dass es nicht wichtig wäre, sich auch da zu bemühen).

Gewissen

Hallo junge Mutter,
was hättest du denn gebraucht um kein schlechtes Gewissen zu haben?
Ein Appell an alle Frauen: hört auf, ein schlechtes Gewissen zu haben - ich musste mich auch ständig damit auseiandersetzen, aber es ist sinnlos sich selbst fertig zu machen! Die anderen kratzen schon stark genug an unserem Selbstbewusstsein.
Schöne Grüße und weiterhin viel Erfolg

Bachelor mit Kind

Hi, ich kann gut nachvollziehen wie es Dir ergangen ist. Ich selber studiere auch mit zwei Kindern allein erziehend ein Ingenieurstudiengang und es ist ein reiner Kraftakt. Auch kann ich mich Deiner Empfehlung nur anschließen! Kinder höchstens, wenn es sein muss, in den letzten Semestern. Der Bachelor hat meiner Meinung nach die Situation für Studierende mit Kinder verschärft und hat so gut wie keine Regelungen für solche Situationen eingeplant. Ein Schandmerkmal für unsere Politiker und Hochschulen, die das ganze tragen!