Auch er wurde 2011 entlarvt: Italiens Ex-Premier Silvio Berlusconi © Paolo Bruno/Getty Images

Unmöglich zu sagen, wie das Jahr 2011 in Erinnerung bleiben wird. Als das Jahr der arabischen Rebellion und der Atomwende vermutlich, als das Jahr, in dem Steve Jobs starb und das politische Europa einige Male in den finanziellen Abgrund schaute. Eines aber lässt sich schon jetzt notieren: Von heute aus betrachtet, war es ein Jahr, in dem sich die Realität durchgesetzt hat. Ein Jahr, in dem unsere kleinen und großen Lebenslügen gleich reihenweise hinweggefegt worden sind. 2011 war ein Jahr erzwungener Wahrhaftigkeit.

Die Reaktorkatastrophe von Fukushima hat den Irrglauben zerstört, die Restrisiken der Kernenergie ließen sich in einem Hochtechnologieland sicher beherrschen. Die Spekulanten der Finanzmärkte haben uns die bequeme Illusion geraubt, wir könnten weiter und weiter Schulden aufhäufen, ohne je einen Preis dafür zahlen zu müssen. Der elementare Freiheitswille der arabischen Völker hat vorgeführt, wie blind der Westen in Nordafrika auf Stabilität gesetzt hat, ohne viel Rücksicht auf die Menschenrechte. Ein Verteidigungsminister, der mittlerweile in Ungnade gefallen ist, hat der Republik demonstriert, wie hohl ihre Bekenntnisse zur Wehrpflichtarmee geworden waren. Und ein einziger Reporter einer defizitären Zeitung, des Guardian, hat enthüllt, mit welch kriminellen Methoden das Medienimperium des Rupert Murdoch die politische Klasse Großbritanniens gefügig gemacht hat.

Wie konnte der Westen einen Despoten wie Gadhafi so hofieren?

Dass die Diktatoren Arabiens verjagt worden sind, einige zumindest; dass nun Technokraten Griechenland und Italien zu sanieren versuchen; dass Europa künftig maßvoller haushalten will und Deutschland tatsächlich die Energiewende versucht; dass die britischen Abhörskandale aufgedeckt wurden – all das ist Anlass zur Freude. So häufig wie vielleicht seit 1989 nicht mehr hat die Freiheit über die Unterdrückung triumphiert, wurden Lügen und Lebenslügen entlarvt.

Aber in die Freude darüber mischen sich auch Scham und Beklemmung. Es ist die Scham derer, die sich ertappt fühlen müssen, die sich bereitwillig mit den Verhältnissen arrangiert haben, in einer Mischung aus Bequemlichkeit, Arroganz und Desinteresse. Die ganz gut mit den Lügen gelebt haben.

Wie nur konnten wir so besinnungslos auf Pump wirtschaften? Wie konnte der Westen einen wahnwitzigen Despoten wie Gadhafi derart hofieren, mit militärischem Zeremoniell und einem Wüstenzelt auf den Champs-Élysées? Wie konnte Europa hinnehmen, dass zwei kleptokratische Familiendynastien Griechenland über Jahrzehnte hinweg als ihr politisches Privateigentum behandelt haben? Und wie konnten es die Italiener ertragen, so lange von einem Erotomanen und Gesetzesbrecher wie Berlusconi regiert zu werden?

In einem erschütternden Fernsehinterview hat der ehemalige britische Premierminister Gordon Brown geschildert, wie die Murdoch-Presse über die schwere Erkrankung seines damals vierjährigen Sohnes berichtet hat. Und wie er, der gewählte Regierungschef des Vereinigten Königreiches, dem machtlos ausgeliefert war. Was alles muss schiefgelaufen sein in einer Demokratie, in der so etwas passiert? Und wie steht es um eine Gesellschaft, die nach solchen Nachrichten giert?