Offshorewindparks100 Kilometer bis zur Klinik

Windparks auf See sollen die Energiewende bringen – so will es die Politik. Für alle, die auf den Plattformen arbeiten, bestehen erhebliche Risiken. von 

Jeden Monat fahren Volker Mertens und seine Kollegen raus aufs Meer und schrauben an einer Vision. Mit riesigen Maschinen rammen sie stählerne Fundamente in den Meeresgrund, sie verlegen Unterwasserkabel und klopfen Rost vom glitschigen Metall. Sie kriechen in ölverschmierte Turbinenräume, in 100 Meter Höhe, bei peitschendem Regen und bei Sturm. Männer wie Mertens bauen Windkraftanlagen auf See. Sie machen sich die Hände schmutzig für Deutschlands Traum vom sauberen Strom.

Mehr als 100 Techniker, Ingenieure, Anstreicher und Rostklopfer arbeiten in deutschen Offshoreparks, bald werden es mehr als 1.000 sein. Denn in zwanzig Jahren sollen statt der 52 Windräder, die derzeit in der Nord- und Ostsee stehen, 6.000 Anlagen errichtet sein. 15 Prozent des Energiebedarfs der Deutschen sollen sie dann decken. Eine Großbaustelle wächst vor Deutschlands Küste, und wie auf jeder Baustelle, wie an jedem Arbeitsplatz kann es dort draußen Unfälle geben: Schweißer, die sich verbrennen, Elektriker, die im Turbinenraum zusammenbrechen, Ingenieure, die metertief stürzen. Das Havariekommando in Cuxhaven, die deutsche Leitstelle für große Seenotlagen, rechnet mit zwei bis vier Unfällen pro Woche, wenn einmal alle Parks, für die es derzeit Bauanträge gibt, ans Netz gegangen sind.

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70 Verletzte und einen Toten hat die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger gezählt, seit der erste deutschen Offshorewindpark vor zwei Jahren eröffnet wurde. Doch wer für die Bergung der Verletzten zuständig ist, ist bis heute ungeklärt: Es gibt dort draußen keinen offiziellen Rettungsdienst.

Wer an Land in Not gerät, wählt die 112. Spätestens nach einer Viertelstunde kommt ein Krankenwagen, so schreiben es die Rettungsdienstgesetze der Bundesländer vor. Wer dagegen auf einem Windrad vor der Küste verunglückt, wartet, wenn er Pech hat, stundenlang auf Hilfe.

Der bislang größte deutsche Windpark, der zurzeit in der Nordsee gebaut wird, liegt 100 Kilometer vor Borkum. Rund eine Stunde fliegt ein Hubschrauber bis dorthin. Doch selbst bei ruhigem Wind und guter Sicht brauchen Rettungsteams viel länger, bis sie helfen können.

Das Problem sitzt an Land, genauer: im Deutschen Bundestag. Denn bis heute hat die Regierung kein Gesetz auf den Weg gebracht, das regelt, welche Rettungsstelle zuständig ist, wenn vor der Küste ein Techniker von einem Windrad stürzt.

Windparkbetreiber müssen deshalb selber für die Sicherheit und Rettung ihrer Angestellten sorgen. Doch von staatlicher Seite gibt es kaum Standards, nach denen sie sich richten könnten. Jedes Offshore-Unternehmen strickt sich sein eigenes Sicherheitskonzept: Manche montieren an ihren Windrädern Plattformen, von denen Verletzte mit einem Helikopter geborgen werden können, manche schieben verunglückte Arbeiter lieber durch eine schmale Luke und seilen sie auf einen Rettungskreuzer ab. Manche schicken ihre Betriebssanitäter wochenlang auf Schulung, manche halten ein paar Tage für genug.

Harakiri-Manöver bei den Rettungseinsätzen

Die Rettung der Verletzten ist so kompliziert, dass sie ein einzelner Betreiber kaum leisten kann. Selbst für erfahrene Ärzte, Piloten und Höhenretter sind die Windparks vor der deutschen Küste Neuland. Nirgendwo auf der Welt werden so weit entfernt vom Festland Windräder gebaut. Die See ist hier besonders rau, die Bergung von Verletzten viel riskanter als in Küstennähe und auf Schiffen: Reicht der Sprit des Hubschraubers für den Einsatz? Hat der Rettungsarzt gelernt, sich auch bei Sturm und Regen abzuseilen?

Bei schweren Unfällen greifen die Betreiber deshalb auf externe Rettungskräfte zurück, auf Marinepiloten, Seenotretter, Höhenrettungsteams und Ärzte mit Kletter- und Seeausbildung – so wie ein Flughafenbetreiber, der bei kommunalen Rettungsstellen Hilfe sucht, wenn die Betriebsfeuerwehr überfordert ist.

Doch weil es keine Zentrale gibt, die bei einem Windparkunfall die verschiedenen Rettungsteams steuert, ist es schwierig, die Einsätze zu planen. Der Cuxhavener Notfallmediziner Christian Flesche berichtet von »Harakiri-Manövern« und »dilettantischen Fehlern, die an Land nie passieren dürften«.

Leserkommentare
    • GeorgKT
    • 30. Dezember 2011 20:58 Uhr

    Auch damit beschäftigt sich der Artikel.
    Die Gesellschaft hat beschlossen, dass wir die Windparks brauchen.
    Ein doppeltes Einkommen (sie Ende des Artikels) im Vergleich zum sicheren Büro ist der Anreiz für den Einzelnen, hier seine Gesundheit oder mehr zu riskieren. Damit kann er das Haus abbezahlen oder auch früher in Rente gehen oder was auch immer gefällt.

    Dies wäre doch eine echte Chance für Frauen, die Einkommensdiffenrenz, im durchschnitt 23%, zu den Männern zu mindern. Denn Frauen sind auf gefährlichen Baustellen nur in EInzelfällen zu finden.

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    in den Gruben früher könnte man die Frauen dann nutzen.
    Wir wissen ja, ein toter Mann ist immer selber schuld, hat sich übersschätzt oder ähnliches.
    Stürbe aber eine Frau, dann muss es ein Fehler im Sicherheitskonzept gewesen sein.
    Vielleicht könnte man die Kanarienvögel auch in einem goldenen Käfig halten.

  1. Klar ist die Versorgung von Verletzten beim Bau von offshore-Windparks alles andere als einfach. Doch wie ist das bei Ölbohrplattformen im Meer? Die haben ja zum Teil ähnliche Risiken (z.B. Sturz, Schlechtwetter etc.), zum Teil auch andere (Feuer und Explosion dürften eher auf Ölbohrplattformen ein Problem sein, Stromschläge eher bei Windkraftanlagen).

    Kann man also nicht von der Ölindustrie die Sicherheitskonzepte übernehmen? Oder ist man sich so spinnefind, dass die "grünen" Technologien nichts von den "schwarzen" übernehmen???

    Jag

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    Wenn es da brennt ist auch schnell Chaos.

    Wenn jemand verletzt wird, wird jener allgemein sobald es geht ausgeflogen wenn ich mich nicht irre. Andererseits gibt es auf einer Ölbohrplattform wesentlich mehr Platz und auch einen vernünftigen Hubschrauberlandeplatz. Sicherlich gibt es auch einen oder zwei Sanitäter die die Erstversorgung übernehmen, und welche dafür auch einen vernünftigen Raum in Anspruch nehmen können.

  2. Vielleicht wäre es sinnvoll wenn sich die Betreiber gegenseitig helfen und man die Konzepte zusammenlegt?

    Es spricht nichts dagegen wenn jeder zwei Möglichkeiten hat - Rettung per Schiff und Rettung per Hubschrauber.

    Zusätzlich könnte man - als gemeinsames Projekt ein Krankenhaus auf See errichten - für die Erstversorgung.
    Ähnlich einer Bohrinsel, nur ohne Bohrloch.
    Ok, es würde die Profite ein wenig senken - aber es würde die Arbeit für alle sicherer machen.

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    Immer die "Profite kleiner zu machen" statt zu akzeptieren, dass hoehere Kosten den Strom verteuern. Dieses Sicherheitsproblem ist nur die Spitze des Eisbergs. Der Ethikrat, der den Atomausstieg beschloss, hat sich darueber und ueber die extremwetterbedingten Soerfaelle und deren Konsequenzen an Land scheinbar keine grossen Gedanken gemacht. Die Lernkurve wird schwierigen sein.

  3. Wenn es da brennt ist auch schnell Chaos.

    Wenn jemand verletzt wird, wird jener allgemein sobald es geht ausgeflogen wenn ich mich nicht irre. Andererseits gibt es auf einer Ölbohrplattform wesentlich mehr Platz und auch einen vernünftigen Hubschrauberlandeplatz. Sicherlich gibt es auch einen oder zwei Sanitäter die die Erstversorgung übernehmen, und welche dafür auch einen vernünftigen Raum in Anspruch nehmen können.

  4. Wirtschaft der Minimumsenergie
    Der Artikel ist sehr interessant, aber weil es von Risikos gesprochen wird, sollten die Bürger wissen, daß die Energie, die verlangt wird, benutzt wird, um fortzusetzen, eine Wirtschaft hoher Energie, das, was unnötige Gewohnheiten andeutet, auszuhalten. Auf jenen Gewohnheiten basiert werden diese Risikos erzeugt. Es ist wesentlich, an eine Wirtschaft von Minimumsenergie zu denken, wo die wirklichen Bedürfnisse das Objektiv sind. Andererseits unterstützt der Planet mehr nicht...

    [...]

    Gekürzt. Bitte beachten Sie, dass laut Netiquette das Profil für die Veröffentlichung von privaten Blogs vorgesehen ist. Danke. Die Redaktion/vn

  5. Ich arbeite als Monteur für Offshore Windparks.
    Der Artikel dramatisiert etwas zu sehr, zumal man sich der Gefahr freiwillig aussetzt.
    Man weiß also, dass eine Rettung relativ länger dauert dauert, als an Land bzw allgemein komplizierter ist.

  6. wie zum Beispiel Luftfahrt, Öl und Gas, Chemie, etc... sind die Anlagenbetreiber zumindest beteiligt, wenn nicht komplett verantwortlich für die Einführung und Aufrechterhaltung von Sicherheits- und Rettungsaufgaben.
    Daher sind auch die Energieerzeuger von Offshoreanlagen m.E. verpflichtet dieser Aufgabe nachzukommen. Ich bin, als starker Befürworter der Windenergieerzeugung, auch als Sicheheitsberater in der Luftfahrt tätig. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass die Beteiligung der Betreiber auch der Erhöhung der Sicherheitsstandards dient und damit der Verringerung der Unfallzahlen, da präventive Massnahmen auf diese Art stärker in den Fokus des Interesses gerückt werden. Aber auch hier ist der Gesetzgeber gefragt die entsprechenden Standards einzuführen und für die Einhaltung zu sorgen. Auf geht's, Berlin, aufwachen!!

  7. Immer die "Profite kleiner zu machen" statt zu akzeptieren, dass hoehere Kosten den Strom verteuern. Dieses Sicherheitsproblem ist nur die Spitze des Eisbergs. Der Ethikrat, der den Atomausstieg beschloss, hat sich darueber und ueber die extremwetterbedingten Soerfaelle und deren Konsequenzen an Land scheinbar keine grossen Gedanken gemacht. Die Lernkurve wird schwierigen sein.

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