Jacobs-Stiftung Kinder sind wichtiger als Delfine
Christian Jacobs steht einer der größten Stiftungen Europas mit Sitz in Zürich vor. Wie weiß er, ob es gut ist, was er tut?
DIE ZEIT: Herr Jacobs, Sie investieren jedes Jahr Millionen in Projekte für Kinder und Jugendliche. Ist es manchmal belastend, ein so guter Mensch zu sein?
Christian Jacobs: Ein guter Mensch ist derjenige, der sein Leben erfolgreich bewältigt – und den Erfolg in seine Umgebung trägt. Mein Vater hat immer gesagt: Geld darf man nicht haben, man muss es sich verdienen. Als Familie Jacobs haben wir also gar nichts dagegen, dass »unser« Eigentum der Stiftung zusteht – und nicht uns persönlich.
ZEIT: Aber Sie nagen nicht am Hungertuch.
Jacobs: Nein, aber es liegt in der Verantwortung jedes Familienmitglieds, dass es sein Geld selber verdienen muss. Das gibt einem eine gewisse innere Freiheit.
ZEIT: Sie handeln also nicht aus schlechtem Gewissen?
Jacobs: Ich bin verblüfft über Ihre Frage. Nein, ich habe überhaupt kein schlechtes Gewissen. Wir haben die Stiftung gegründet, weil wir meinen, dass man einen Beitrag für die Gesellschaft leisten muss. Das kann dem Leben Sinn geben.
ZEIT: Wieso widmen Sie sich mit Ihrer Stiftungsarbeit der Jugend?
Jacobs: Von der Jugend hängt die Zukunft der Gesellschaft ab, und die Jugend hat keine Vertretung.
ZEIT: Wieso unterstützen Sie Jugendliche und Kinder, wieso nicht Delphine oder Senioren?
Jacobs: Delphine und Alte haben mehr Unterstützung als Kinder oder Jugendliche. Fragen Sie mal, wie häufig im Bundesrat über das Drei-Säulenmodell und wie viel über frühkindliche Bildung diskutiert wird? Unsere Zukunft hängt davon ab, wie vorbereitet die Jugend auf das Leben ist. Deshalb liegt diese Investition nahe.
ZEIT: Die Jacobs Foundation hat ein Stiftungsvermögen von drei Milliarden Franken, sie unterstützt die Jugend mit jährlich rund 35 Millionen Franken. Wie messen Sie, ob das etwas bringt?
- Die Jacobs
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1988 vom deutsch-schweizerischen Unternehmer Klaus J. Jacobs gegründet, hält die Jacobs Foundation – über eine Familienholding – heute die Mehrheit am Schokoladenhersteller Barry Callebaut und ist Großaktionär beim Personalvermittler Adecco.
Das Stiftungsvermögen beträgt 3,1 Milliarden Franken, ihre Projekte finanziert die Stiftung mit den jährlichen Dividenden von 35 Millionen Franken.
- Christian Jacobs
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Der älteste Jacobs-Sohn, Christian Jacobs, übernahm 2004 das Stiftungsratspräsidium. Der 49-jährige Anwalt, spezialisiert auf Firmenübernahmen und -fusionen, lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Hamburg.
Die Jacobs Holding, die das Familienvermögen verwaltet, wird heute von Christians jüngerem Bruder Andreas Jacobs geführt. Der Patron Klaus J. Jacobs selbst starb 2008.
Jacobs: Es ist problematisch, Projekte quantitativ zu bewerten. Deswegen arbeiten wir mit qualitativen Indikatoren. Der wichtigste ist: Was gäbe es ohne uns nicht? Und da ist die Antwort klar. Ohne uns gäbe es keine Jacobs University in Bremen, keine summer camps für Migranten, keine Zusammenarbeit mit Kleinbauern und deren Kindern in der Dritten Welt und auch keine Langzeitstudie Cocon des Jacobs Centers an der Uni Zürich, die das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz untersucht.
ZEIT: Eine Stiftung hat keine Gewinn- und Verlustrechnung. Wie kann man so wirtschaften?
Jacobs: Ja, das ist schwieriger als bei einem Unternehmen. Wir verstehen uns als Risikokapitalgeber – und da darf man manchmal auch scheitern. Wer wirklich neue Prozesse und Innovationen hervorbringen will, muss sich von einem Denken in linearen Input/Output-Verhältnissen lösen.
ZEIT: Aber wenn Sie mit dem Staat, wie in Bremen, oder einer Universität, wie in Zürich, zusammenarbeiten, tragen Sie nicht nur für Ihr eigenes Geld die Verantwortung, sondern auch jene für unser aller Geld.
Jacobs: Ich habe mich sehr darum bemüht, dass wir den Nutzen unserer Projekte verstehen. Wir haben, als Beispiel, den Ökonomie-Nobelpreisträger James Heckman nach Europa geladen, der sich mit dem Nutzen frühkindlicher Bildung befasst. Und von ihm haben wir gelernt, dass wir mit unseren Projekten die Bildungsrendite eines Kindes um 17 Prozent steigern – 13 Prozent bleiben im Staatssäckel, der Rest ist eine Salärsteigerung der Betroffenen.
ZEIT: An einer Universität bestimmen Sie mit, in welche Richtung geforscht wird.
Jacobs: Wir sind nicht jene, die bestimmen, was geforscht wird, das bestimmen die Forscher selbst. Auftragsforschung ist nicht besonders innovativ und nachhaltig. Wenn Sie unsere Jahresberichte aus den neunziger Jahren anschauen: Da gab es viel Forschung zum Übergang von der Schule in den Beruf. Heute wissen wir, das war suboptimal investiertes Geld, wir müssen früher eingreifen.
ZEIT: Das Geld wurde aber trotzdem bewilligt.
Jacobs: Ja, denn die Anträge waren da.
ZEIT: Also haben Sie gar nicht so viel Macht?
Jacobs: Nein, wir haben keine Macht. Die Rolle einer Stiftung ist, einen Beitrag zu leisten, Chancen zu bieten, damit der Staat und gesellschaftliche Akteure etwas ausprobieren können. Gerade im Bildungswesen.
ZEIT: An den Universitäten ist es trotzdem so, dass die Hochschulleitung dank Ihres privaten Geldes viel mehr Möglichkeiten hat, um das Curriculum zu gestalten.
Jacobs: Das sehe ich nicht so. Wenn Sie das Jacobs Center an der Uni Zürich anschauen, würde ich sagen, dass Frau Professor Buchmann, die Direktorin des Zentrums, mitnichten sagen würde, wir würden Einfluss nehmen.
ZEIT: Die Einflussnahme findet doch vorher statt. Ihr Geld bewirkt, dass überhaupt erst zu diesem Thema geforscht wird.
Jacobs: Wir glauben daran, dass die Kinder- und Jugendforschung Relevanz hat. Und wenn die Universitäten sich des Themas annehmen, ist das gut so.
ZEIT: Herr Jacobs, würden Sie uns in der Meinung zustimmen, dass Stiftungen immer einflussreicher werden?
Jacobs: Würde ich in einem Hochschulrat sitzen, wären mir das private Engagement auch eine Mahnung. Eine moderne Uni lebt davon, dass sie ein breites Bildungsspektrum abdeckt. Stellen Sie sich vor, man würde nur in Bereiche investieren, die der Wirtschaft dienten.
ZEIT: Aber das passiert doch?
Jacobs: Das sagen Sie dem Falschen. Man darf als Stiftung nicht nur für fünf Jahre zahlen – und dann die Sache dem Staat überlassen. Beim Jacobs Center gibt es keinerlei vertragliche Verpflichtungen für die Uni Zürich das Zentrum weiterzuführen, wenn unser Finanzierungstopf leer ist. Das war von Anfang an so abgemacht.
ZEIT: Betont wird beim Engagement von Stiftungen an Universitäten immer, dass die akademische Freiheit bewahrt werde. Aber wie sieht diese konkret aus? Wieso sind etwa die Verträge mit den Professoren nicht auf Ihrer Website einsehbar?
Jacobs: Damit hätte ich überhaupt kein Problem.
ZEIT: Ihre Zahlen sind bereits öffentlich.
Jacobs: Wir möchten so hervorheben, dass wir als Stiftung erfolgreich wirtschaften können. Dabei hat sich das Vermögen der Unternehmen Adecco, Barry-Calebaut und Infront Sport & Media, die wir im Rahmen unserer Beteiligungen aktiv managen, in den letzten Jahren verdoppelt. Das ist in der heutigen Zeit keine Selbstverständlichkeit.
ZEIT: Wieso hat Ihre Stiftung ihren Sitz überhaupt in Zürich?
Jacobs: Weil mein Vater vor Jahrzehnten aus Deutschland in die Schweiz umgezogen ist und von da an hier seinen Lebensmittelpunkt hatte.
ZEIT: Wäre Zug steuertechnisch nicht sinnvoller gewesen?
Jacobs: Das kann ich nicht beurteilen. Wir sind in Zürich sehr zufrieden.
ZEIT: Wird das Mäzenatentum angesichts der verarmenden Staaten immer wichtiger werden?
Jacobs: Das denke ich schon. Und ich habe im Lateinunterricht gelernt, dass der Mäzen ein verantwortungsvoller römischer Bürger war. Und so wollen wir auch sein. Wir wollen Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen. Wir freuen uns natürlich, wenn wir ein Zeichen für andere setzen.
ZEIT: Warum hat Ihr Vater damals den Teil des Vermögens, das er in die Stiftung gesteckt hat, nicht einfach einer gemeinnützigen Organisation überwiesen?
Jacobs: Vielleicht weil wir so mehr bewirken können? Die Stiftung finanziert sich aus den Dividenden der Unternehmen. Die Familie hat immer von Kooperationen gelebt. Es gibt bei uns weder in den Unternehmen noch in der Stiftung große Verwaltungseinheiten, weil wir mit denjenigen zusammenarbeiten wollen, die zu uns passen. Wir sind Ermöglicher, und das mit einem geringen personellen Aufwand. In der Jacobs Foundation arbeiten nur wenige Menschen, diese aber sind hochprofessionell.
ZEIT: Wollte Ihr Vater nicht einfach Einfluss behalten?
Jacobs: Er wollte schlicht und ergreifend etwas bewirken. Wir wollten in die Jugend investieren. Wir sind in Europa die größte Stiftung, die sich auf Kinder und Jugendliche spezialisiert hat.
ZEIT: Ihr Vater wollte doch vor allem die Familie zusammenhalten.
Jacobs: Das war ein weiterer wichtiger Grund für die Stiftung. Wir sind sechs Geschwister aus den beiden Ehen meines Vaters. Alle in der Familie sind der Überzeugung, es sei besser, das Vermögen zusammenzuhalten, als es zu zersplittern.
ZEIT: Sie haben dadurch große Streitigkeiten vermieden.
Jacobs: In der Tat. Streitigkeiten, die in der vorhergehenden Generation zum Verkauf von Jacobs Suchard geführt haben. Insofern ist diese Stiftung ein Resultat eines Lernprozesses.
ZEIT: Hat es Sie nicht geärgert, als Ihnen Ihr Vater 1988 sagte, er wolle das Vermögen in eine Stiftung überführen? Sie hätten andernfalls kurzfristig sehr viel erben können.
Jacobs: Wir Kinder waren immer gezwungen, auf eigenen Füßen zu stehen. Ich bin deswegen Anwalt geworden. Als er uns diese Idee antrug, war ich zufrieden mit meinem Leben. Ich war deshalb sofort einverstanden.
ZEIT: Nicht jeder, der Geld hat, ist zum Stifter befähigt.
Jacobs: Das kann ich jetzt schlecht kommentieren.
ZEIT: Andere Stiftungen haben mit der Professionalisierung ihre liebe Mühe. Was haben Sie für Lehrgeld bezahlt?
Jacobs: Wir haben kaum Lehrgeld bezahlt, weil wir langsam gewachsen sind. Erst 2006 kam die Chance, die Universität Bremen mit einem namhaften Betrag zu unterstützen. Man hatte uns gefragt. Das war ein großer Sprung, aber wir waren bereit dazu.
ZEIT: Es waren 200 Millionen Euro. Die Uni dankte es Ihnen, indem Sie sich in Jacobs University umbenannte.
Jacobs: Genau. Damit sind wir sehr glücklich.
ZEIT: Die Schweiz ist mit 12000 Stiftungen eine Hochburg dieser Branche. Gründen die Reichen einfach Stiftungen, um ihr Geld kostengünstig aufzubewahren?
Jacobs: Bei einigen mag das so sein. Ich bin deshalb ein großer Verfechter von absoluter Transparenz. Aber man darf die Stiftungen nicht regulieren, dann verlieren sie ihren Reiz, die Freude, Gutes zu tun, wird geschmälert. Die Stiftungen müssen unterstützt werden, ihre Arbeit zu professionalisieren. Ich sehe doch, wie viele vermögende Menschen eine Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen wollen, aber nicht wissen, wie sie das in vernünftiger Art und Weise tun könnten. Aber da ist die Schweiz auf einem guten Weg.
ZEIT: Wir groß ist die Gefahr, dass eine zu hohe Professionalisierung die Freude abtötet?
Jacobs: Als Stifter hängt man immer von der Freude an der Großzügigkeit ab. Die Schweiz hat sich bis jetzt nicht dazu hinreißen lassen, größere regulatorische Anstrengungen zu unternehmen. Das ist in ein paar deutschen Bundesländern leider anders.
ZEIT: Wann waren Sie letztmals großzügig?
Jacobs: Als wir den Klaus J. Jacobs-Preis ins Leben gerufen haben, der mit einer Million Euro dotiert ist und jährlich außergewöhnliche Leistungen in der Jugendforschung und -förderung auszeichnet.
ZEIT: Sie bekommen sicherlich auch mal informelle Anfragen um Unterstützung. Haben Sie da jemals nachgegeben?
Jacobs: Nein. Damit würde ich ja meinen Beirat desavouieren.
ZEIT: Sie haben nie verflucht, Jacobs zu heißen?
Jacobs: Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit, die mir den Boden bereitet hat für ein erfülltes Leben. Wie sollte ich das verfluchen?
- Datum 29.12.2011 - 15:05 Uhr
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