Sepp Schellhorn ist ein eigenartiger Gastwirt, nicht zuletzt, weil er eine ziemliche Affinität zu Thomas Bernhard hat. Der Gasthof Der Seehof, den Sepp Schellhorn zusammen mit seiner Frau Susi betreibt, liegt in Goldegg im Pongau. Drei Kilometer entfernt von hier befand sich die Lungenheilanstalt, in der Bernhard war. Drei Kilometer entfernt liegt Schloss Schernberg, ehemals eine Irrenanstalt, die ihn zu einem Stück inspirierte.

Schriftsteller Andreas Maier © dpa

Ich habe im Seehof im Spätsommer zwei Monate verbracht und jeden Tag, öfter auch allein, im hauseigenen Restaurant »Hecht« gegessen. Der Abend begann stets an der Bar mit einem Gin and Tonic und kleinen, gemeinen Vorspeisen (unter anderem Bauchspeck). Der Barkeeper trägt den bernhardesken Namen Toth. Herr Toth schenkt Vogelbeerschnaps aus großen, grünen Flaschen ein, von denen sich seit Jahren immer mehr in den Wandregalen sammeln. Wer hier ebenfalls verkehrt, ist der Schauspieler Ben Becker, der den Tod beim Jedermann in Salzburg spielt. An einer Wand im Restaurant prangt über den Gästen – sehr groß, damit es jeder lesen kann – eines jener Zitate von Bernhard, in denen es um Stumpfsinn, Selbstmord und Salzburg geht. Und um den Tod.

Das Hecht ist ein modernes und zugleich bodenständiges Lokal. Gegessen habe ich dort immer gern. Dabei kann, wer im Wissen anreist, dort einige Zeit lang essen zu müssen, es zunächst mit der Angst zu tun bekommen. Denn manche Gerichte klingen durchaus brutal. Kann man täglich Nieren im Fettrand essen, paniertes Hirn, Kalbsrahmbeuschel? Das Restaurant hält stets eine eigene Innereienkarte bereit, und Schellhorn, der haubendekorierte Koch, sagt dazu: für meine gichtkranken Gäste. Eine Zeit lang habe ich dort Stierhoden gegessen, aber die hat die Familie Schellhorn im Privaten zubereitet.

In Wahrheit bietet die tägliche Speisekarte das Gegenteil von rustikal-schwerer Kost. Das Fleisch stammt stets aus der Nähe, der Hecht kommt aus dem Moorsee, der direkt vor dem Gasthof liegt und dem Restaurant seinen Namen gegeben hat. Manchmal habe ich mit den Schellhorns zusammen gegessen, oft aber brachte mich, wenn ich allein war, der angenehme und immer abwechslungsreiche Rhythmus der Speisenabfolge durch den Abend. Ich habe mal vorgefragt, was es dieses Jahr an Silvester gibt. Schellhorn wird unter anderem eisgefischte Krebse aus dem Moorsee zubereiten, Saiblinge auf eigenem Kaviar, Filets vom Pinzgauer Rind. Zwischen den Jahren versammelt sich um das Wirtspaar eine Runde hartgesottener Feiertagsflüchtlinge zu einem, wie es heißt, »ganz fürchterlichen Besäufnis«. »Ideal«, würde Bernhard sagen.

Es gibt im Hotel übrigens auch eine Bernhard-Suite. Dort schaut ein Bernhardporträt den Gast prüfend an. Der Gast kann alternativ auf den Moorsee schauen. Morgens dampft er mysteriös. Im Goldegger Moorsee sollen noch drei Leichen liegen. Wer in aller Frühe aufsteht, sieht ein Ruderboot auf dem See. Das ist meist der Wirt. Der fischt allerdings nur die Hechte heraus.

Andreas Maier , 44, Schriftsteller.
Restaurant Hecht im Hotel Seehof , Hofmark 8, Goldegg am See, Tel. 0043-6415/81370