Europa: Helden, Touristen...
...und ein bisschen Rassismus. Das europäische Jahr unseres Brüsseler Korrespondenten.
© Dimitar Dilkoff/AFP/Getty Images

Wiege Europas: die Akropolis in Athen
Sopot, 3. September
Die Ostsee mag an diesem Morgen noch so sehr glitzern, die Musik, mit der ein Autohändler die Promenade beschallt, noch so laut wummern – an diesem Ort entkommt niemand der Geschichte. Links am Strand liegt das Grandhotel, in dem 1939 Adolf Hitler übernachtete, während die deutschen Truppen vorrückten. Auf der anderen Seite des weit gezogenen Panoramas ragen die Kräne der früheren Leninwerft in den Himmel, stolze, unbeugsame Zeugen, die den Geburtsort der polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarność markieren. Dahinter, am Horizont, verschwindet die Westerplatte.
Ein Samstag, Anfang September, im polnischen Seebad Sopot nahe Danzig. Die Außenminister der Europäischen Union sind zusammengekommen, ein informelles Treffen, nur die Mitarbeiter der Minister tragen Krawatten. Die Beratungen haben an diesem Morgen noch nicht begonnen, der britische Außenminister William Hague nutzt die Zeit für einen Spaziergang auf die nahe gelegene Seebrücke. Um ihn herum wuseln Aktenträger, Sicherheitskräfte, Referenten. An seiner Seite schlendert Jean Asselborn.
Der Außenminister der Großherzogtums Luxemburg hat sein Sakko über die Schulter geworfen und erklärt dem Briten mit weit ausholender Geste, was er sieht: »Dort drüben, William, liegt die Westerplatte.« Hague nickt, Asselborn fährt fort: »Dort hat der Zweite Weltkrieg begonnen.« Hague stoppt. Er schaut hinüber zum Horizont, dann fixiert er seinen Kollegen. »I got it«, ich hab’s verstanden, sagt Hague, dreht sich um und eilt davon. Zurück zum Tagesgeschehen.
Darf man das – die Geschichte so demonstrativ ignorieren? Und den Kollegen einfach stehen lassen? Die Europäische Union ist ein Kind des Krieges. Aber vielleicht hat der britische Außenminister recht: Was nützt all die Geschichte in einer Krise, die keine Vergangenheit kennt, die sich nach dem Sekundentakt der Börsen richtet? So viel Gegenwart war lange nicht in Europa.
Was für ein Jahr! Was für ein europäisches Jahr. Das Gespräch auf der Seebrücke in Sopot fällt mir ein, wenn ich darüber nachdenke. Ich selbst bin in den vergangenen Monaten viel unterwegs gewesen in Europa, immer auf der Spur der Krise. Bloß verstellt man sich die Sicht, wenn man nur auf die Gipfeltreffen schaut. Die Krise und Europa – je länger dieses Jahr dauerte, desto mehr schienen diese beiden Wörter eins geworden zu sein. Synonyme für eine hoffnungslose Sache. Mein europäisches Jahr verlief gewissermaßen umgekehrt. Je häufiger ich unterwegs war, je öfter ich Brüssel verlassen habe, und je weiter ich gereist bin, desto mehr hat sich mein Bild von der Krise und Europa aufgelöst in eine Vielzahl von Motiven und Gesichtern.





....Aber es ist auffällig, dass grundsätzliche Euro-Kritik, wenn sie zum Parteiprogramm wird, bislang vor allem in zwei Spielarten existiert."
Schöner Versuch einer Apologie.
Hätten Sie das mit dem Parteiprogramm ausgelassen, wäre die Behauptung ganz sicher falsch. Lediglich haben die existierenden Parteien ein Gruppeninteresse am Euro. Das Projekt Europa rechtfertigt große Anteile ihrer Klientel, versorgt viele von ihnen mit Altersjobs. Sie waren verantwortlich für die Verträge und Ausführung. Wie wollen sie nun sagen sie hätten geirrt? So funktionieren soziale Gruppen nicht.
Was Sie also beschreiben untergräbt die Basis der Argumente gegen den Euro (in heutiger Form) nicht, sondern die heutige Ausprägung unserer Demokratie. Die vielen Menschen, die Europa anders sehen als sie in den Verträgen von Maastricht und Lissabon festgelegt wurden und Andere mit der Reformulierung beauftragen würden wollen finden keine politische Heimat. Da es sich dabei (glaubt man den Umfragen) um Anteile der Bevölkerung handelt, die größer sind als die Stimmanteile der "Volksparteien" ist das eine ziemliche Anklage.
"Natürlich ist nicht jeder, der am Euro zweifelt, gleich ein Antieuropäer oder Rassist."
Welch großzügiges Zugeständnis! Solche Unterstellungen vergiften die Diskussion: Euro-Skeptiker durch Schlagwörter wie "Antieuropäer" oder "Rassist" in die Defensive und einen Rechtfertigungszwang bringen, wobei man sogleich großzügig zugesteht, dass natürlich nicht alle so sind. Solche Einschränkungen ("Natürlich ist nicht jeder, der ...) haben letztlich nur eine affirmative Funktion; wichtig ist, dass man den politischen Opponenten in die gedankliche Linie "Euro-Skeptiker - Antieuropäer - Rassist" gestellt hat, denn das bleibt haften.
Eine offene politische Kultur ist nur möglich, wenn man auch die Diskussion um den Euro von solchen Unterstellungen freihält. Dass die Einführung des Euro bei fehlender finanzpolitischer Harmonisierung ein Fehler war, sollte wohl klar sein. Wie man nun mit diesem Problem umgeht, muss vorbehaltlos diskutiert werden können. Wichtige finanzpolitische Argument sprechen in allen Euro-Ländern für die Beibehaltung der Währung. Wer für einen Austritt aus dem Euro plädiert, sollte mit sachlichen Argumenten konfrontiert werden und nicht mit unsäglichen Unterstellungen wie "Antieuropäer", Rassist". Das verhärtet die Fronten und verlagert die Diskussion auf eine Ebene unter der Gürtellinie. Der Versuch, die Diskussion durch moralische Diskreditierung zu lenken, ruft letzlich nur gleichermaßen unsachlichen Widerstand hervor.
...Antieuropäer oder Rassist."
Da war ich auch etwas sprachlos.
...Antieuropäer oder Rassist."
Da war ich auch etwas sprachlos.
Der Autor setzt was gleich, das nicht gleich ist:
1.) den Vorschlag, Griechenland pleite gehen zu lassen, und
2.) eine Sichtweise auf Griechenland als "Paria-Staat".
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Das Argument, es werde Europa und letztlich auch Griechenland langfristig besser gehen, wenn das Land pleite geht und sich so zu notwendigen Reformen durchringen muss - also dieses Argument mag das einer Minderheit von Ökonomen sein - auseinandersetzen muss man sich damit dennoch. Tabus helfen da nicht.
für den Euro. Wann endlich werden die Euro-Apologeten diese einfache Wahrheit erkennen und danach handeln?
Noch kann das Abendland gerettet werden. Gebt uns den Nordo,es ist der Weg aus der Krise.
Lieps
Preußischer Diplomat
...Antieuropäer oder Rassist."
Da war ich auch etwas sprachlos.
Warum schwingt der Autor hier die Rassismuskeule und bringt am fragwürdigen Beispiel eines einzelnen Mannes eine ganze Stadt, hier Helsinki, in Misskredit?
Bitte nutzen sie Worte wie "Rassismus" in Zukunft sorgfältiger. Lediglich aufgrund eines Interviews von "Rassismus in Helsinki" zu sprechen ist fast schon unverschämt.
.. auf ueberschnelle Entwicklung?
Wie man z.B. hier schoen sehen kann: http://en.wikipedia.org/w...
sind Oekonomien wie Griechenland, Spanien oder Irland in den letzten zwanzig Jahren wesentlich schneller gewachsen als "etablierte" Laender (z.B. Deutschland oder Frankreich).
Wetten, dass es auch den meisten Griechen in der Krise heute wesentlich besser als 1990 geht?
Gruss
Peter
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