Südamerika-Drama Vergesst Kolumbus!
Icíar Bollaíns Film "Und dann der Regen" erzählt die Geschichte Südamerikas ganz neu – als eine einzige Kino-Lüge.

Juan Carlos Aduviri spielt in "Und dann der Regen" einen Schauspieler, der an einem historischen Film über die Zeit der Kolonialisierung Südamerikas mitwirkt – und gleichzeitig seinen Regisseur (Gael García Bernal) mit der Gegenwart im Jahr 2000 konfrontiert.
Christoph Kolumbus, Amerika-Entdecker, Weltvergrößerer, Seewegsucher, Ei-Trickser, strahlender Urheld des kolonialen Europas. Das Kino liebt solche rastlosen Abenteurer, die mit nichts als der Vision ausziehen, den Begrenzungen ihrer Zeit und ihrer Gesellschaft zu entkommen. Zuletzt war es Ridley Scott, der Kolumbus 1992 mit 1492 – Die Eroberung des Paradieses ein Denkmal als melancholischem, unverstandenem Visionär errichtete.
Der junge spanische Regisseur Sebastiàn (Gael García Bernal) plant nun als tragende Figur in Und dann der Regen –También la lluvia von Icíar Bollaín die Demontage dieser zweifelhaften Lichtgestalt. Bei Sebastiàn wird der Mann aus Genua zur Schlüsselfigur der Unterdrückungsgeschichte Lateinamerikas: ein Ausbeuter, Sklavenhändler und Reichserweiterer im Dienste der spanischen Krone.
Sebastiàns Film im Film erzählt von einem Aufstand, der in einer kleinen Kapelle im Regenwald begann, einer Art Urtheologie der Befreiung, die von der westlichen Geschichtsschreibung ignoriert wurde. Der Dominikanermönch Antonio de Montesinos stemmte sich 1511 gegen die Konquistadoren und ihren Genozid an der indigenen Bevölkerung. Der Pater traute sich als Erster, das Verhalten der Kolonialherren unchristlich zu nennen; er verweigerte ihren Statthaltern Beichte und Absolution.
De Montesinos soll zum wahren Heroen der Kolonialgeschichte aufsteigen. Dafür bastelt der junge Regisseur unermüdlich an seinem neuen Mythos, bis er – ähnlich wie Kolumbus bei Ridley Scott – selbst als verlorener Held zwischen Europa und Neuer Welt, zwischen Renaissance und Neuzeit dasteht. Sebastiàn, von Bernal als selbstbezogenes Nervenbündel gespielt, ist einer, der das Gute will und die Massenwirkung noch dazu. Beim Drehen vergisst er seine linksliberalen Tugenden und legt sich bei der Inszenierung des dramatischen Höhepunkts genau die Rücksichtslosigkeit zu, die das Genie für eine große Sache braucht. Ausgerechnet eine Kreuzigungsszene soll dem Regisseur aus Spanien endlich das Bild liefern, auf das sein Film von Anfang an hinaus will. Dafür erfindet er sich seine eigenen »Wilden«, hetzt kriegsbemalte Lendenschurzträger über den Set, erst mit Überredung, dann mit Kommandos, schließlich mit Bestechung.
Das Drehbuch von Paul Laverty lässt die surreale Wirklichkeit der »Dreharbeiten« mit der dokumentarisch gefilmten Situation am tatsächlichen Drehort, Cochabamba in Bolivien, kollidieren. Das führt zur geschickten Konfrontation kolonialer Mythen mit der Realität aktueller gesellschaftlicher Existenzkämpfe. Denn die bolivianische Regierung begann im Jahr 2000 mit der Privatisierung der Allgemeingüter. Sie verkaufte Trinkwasser an die Bevölkerung und verbot den Indios, Brunnen zu bohren oder auch nur Regenwasser zu sammeln.
Die Statisten, die Sebastiàn vor die Kamera stellt, spielen also in ihren Drehpausen zugleich in einem anderen, zeitgemäßeren Film mit. Jeder in diesem Team versucht seinen eigenen Zugang zu der Realität des Drehortes zu bekommen. Am Ende findet Costa ihn stellvertretend für die anderen über das Einzelschicksal eines kleinen verletzten Mädchens, das der Produzent über alle Straßenbarrikaden hinweg ins Krankenhaus rettet. So versöhnt sich der Kapitalverwalter mit den renitenten Indios. Und das ist angesichts des komplexen Aufbaus von Und dann der Regen einfach zu simpel.
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Ansonsten aber gelingen in diesem Film, der mit dem Panorama-Publikumspreis der Berlinale ausgezeichnet und von Spanien ins Rennen für den Auslands-Oscar geschickt wurde, wundervoll dichte Momente, die klug das große Missverständnis zwischen den Kulturen erzählen.
Ihr indigener Held Daniel Christian (Juan Carlos Aduviri), der auch Sebastiàns Indio-Anführer spielt, versteht besser Englisch, als es Costa lieb ist. Daniel durchschaut, dass die Lohnpolitik am Set nur das Weltwirtschaftsgefälle widerspiegelt und dass auch dieser Kolumbus-Film der indigenen Bevölkerung ihre Geschichte nicht zurückgeben wird. Einmal sehen wir Mütter mit ihren Babys am Flussbett stehen, auf der Flucht vor den Konquistadoren. Als stolze, leidensbereite Indianerinnen sollen sie ihre Kinder ertränken, damit sie nicht in die Hände des Feindes fallen, so die Regieanweisung. Ein Gedanke, der den Frauen so abwegig vorkommt, dass sie den Drehort konsterniert verlassen. Wie sich die Wasseroberfläche langsam beruhigt, die Frauen stumm davonstapfen und einen Regisseur mit aufgerissenen Augen zurücklassen, das hat Größe.
- Datum 29.12.2011 - 11:03 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 29.12.2011 Nr. 01
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Der Film zeigt eindrücklich den Widerstand der Bolivianer gegen Ausverkauf und Plünderung von Ressourcen durch das Ausland und die weiße Hilfs-Elite im Dienste der Multis. Passend dazu das Buch (2011) Bolivien und das Lithium, das den Saqueo eines der an Bodenschätzen reichsten Länder der Welt:
http://www.rotbuch.de/pro...
Saludos!!!!
2000 wurde Cochabamba Schauplatz des Guerra del Agua („Wasserkrieg“). Nach der durch den internationalen Währungsfonds erzwungenen Privatisierung der Wasserversorgung verdreifachte die neue Gesellschaft Aguas de Tunari (einem Konsortium unter Beteiligung von Bechtel aus den USA, Edison aus Italien und Abengoa aus Spanien sowie weiteren Investoren) innerhalb kürzester Zeit die Wasserpreise. Dies führte Anfang 2000 zu heftigen Protesten und einem Generalstreik. Nach Zusammenstößen der Demonstranten mit der Polizei eskalierte die Gewalt und im April 2000 wurde das Kriegsrecht über die Stadt verhängt. Mitte April 2000 nahm die Regierung die Privatisierung schließlich zurück. Insgesamt starben 7 Menschen und hunderte wurden verletzt.
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