Jeden Morgen vor Arbeitsbeginn versammeln sich die Angestellten der hessischen Supermarktkette tegut und sinnieren eine Minute über die Frage, wie sie ihr Unternehmen nachhaltiger gestalten können. "Wir arbeiten an einer besseren Welt", sagt Tegut-Chef Thomas Gutberlet und spricht dabei nicht nur über seine Mitarbeiter, sondern skizziert auch seine Ziele als grüner Unternehmer. "Wir möchten mit der Erde so umgehen, dass sie uns erhalten bleibt. Und dabei die Menschen nicht aus dem Blick verlieren."

Besucht man grüne Unternehmen in Deutschland, trifft man auf meditierende Tegut-Mitarbeiter, Younicos-Leute, die statt in geschlossenen Büroräumen auf dem grünen Dachgarten an der Verbreitung von Solar- und Windenergie arbeiten, und GLS-Banker, die sich zum Lesekreis verabreden.

Doch nicht jedes Unternehmen, das sich als grün geriert, ist es auch. Man muss unterscheiden zwischen solchen, deren Kerngeschäft grün ist, und solchen, die ihr Geschäft grüner machen wollen. Der Trendforscher Eike Wenzel kritisiert "all die Industrien, die entstanden sind, um den Unternehmen zu helfen, ihr Geschäft grün anzustreichen". Selbstverständlich spielen auch Konzerne wie Siemens , die 40 Prozent ihres Umsatzes mit grünen Technologien machen, eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Umwelttechnologien. Aber als grüne Unternehmer definiert die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung nur diejenigen, die in grünen Branchen grüne Produkte herstellen. Für grüne Unternehmer haben in Deutschland die Wirtschaftswissenschaftler Stefan Schaltegger und Holger Petersen von der Lüneburger Leuphana Universität den Begriff Ecopreneure geprägt – ökologische Unternehmer. Diese machen ihren konventionellen Kollegen vor, wie es anders geht.

Ihr unternehmerisches Verhalten – also ihre Ziele, Geschäftspraktiken und Produkte – unterscheiden Ecopreneure von konventionellen Unternehmern. Sie arbeiten alle an einer Sache, die sich zwischen den drei Aspekten der Nachhaltigkeit aufspannen lässt – sozial, ökologisch, ökonomisch. Nicht alle haben wie Alexander Voigt (younicos) als Jugendliche zwei Jahre lang in Bäumen gelebt, um gegen die Startbahn West am Frankfurter Flughafen zu protestieren, und später etwa zwanzig Cleantech-Unternehmen gegründet (an die genaue Anzahl seiner Firmen kann er sich nicht erinnern), die Wind- und Sonnenenergie für alle verfügbar machen sollen. Aber alle grünen Unternehmer bezeichnen eine soziale Unternehmensführung und den Erhalt der Umwelt als elementar. Auffallend häufig finden sich übrigens Anthroposophen unter den erfolgreichen grünen Unternehmern. Zu ihnen gehören unter anderen Götz Rehn (Alnatura), Thomas Gutberlet (tegut), Thomas Jorberg (GLS Bank) und Heinz Hess (Hess Natur).

Als Sina Trinkwalder noch strategische Beraterin war, musste sie Menschen aus Betrieben herausstrukturieren. Irgendwann hat es ihr gereicht. "Diesen ganz normalen Menschen müssen wir doch eine Chance geben! Die können wir doch nicht einfach so fallen lassen!", ruft die 33-Jährige. Wie vielen Ecopreneuren kam es auch Trinkwalder nicht darauf an, welches Unternehmen sie gründen wollte: Sie hatte kein Produkt, das sie verkaufen wollte, sondern bloß den Wunsch, Menschen eine sinnvolle Beschäftigung zu ermöglichen und nachhaltig zu wirtschaften. Sie besann sich – und auch das verbindet sie mit anderen Ecopreneuren – auf ihre Region. " Augsburg war mal Textilhauptstadt", erklärt sie, "und die möchte ich wieder zum Leben erwecken." Gerade wurde sie für ihre Bekleidungsmanufaktur Manomama in der Kategorie "Social Entrepreneur" mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet. Der soziale Aspekt ist grünen Unternehmern sehr wichtig, und er beginnt bei den eigenen Mitarbeitern.

Alle bei Trinkwalder angestellten Näherinnen und Näher sind zwischen 40 und 55 Jahre alt und nirgendwo anders untergekommen. Eine Ausbildung erhält auch, wer keinen Schulabschluss hat. Die Näherinnen werden mit bis zu zwölf Euro pro Stunde ungefähr doppelt so hoch entlohnt, wie es in der Branche üblich ist. Wann und wie viel sie arbeiten, legen sie selbst fest.

Trinkwalder redet sich schnell in Rage, wenn es um Greenwashing geht, also um PR-Methoden, mit denen sich Unternehmen einen grünen Anstrich geben. Für Trinkwalder gehören dazu auch grüne Zertifizierungen und Labels. "Labels sind immer der kleinste gemeinsame Nenner", sagt Trinkwalder, "das reicht uns nicht." Die meisten grünen Unternehmer kümmern sich nicht um Labels, weil sie ohnehin weiter sind als die anderen ihrer Branche. Lieber besuchen Trinkwalder und ihre Mitarbeiter alle Zulieferer und Händler persönlich. Das geht, weil fast alle Bestandteile der vollständig kompostierbaren Manomama-Kleidung in einem Umkreis von 250 Kilometern um Augsburg herum hergestellt oder verarbeitet werden. Was Trinkwalders ökologischen Ansprüchen nicht genügt, lässt sie entwickeln: Schulterpolster aus Hanf zum Beispiel, einen Biobaumwollfaden oder kompostierbare Knöpfe.