Schließlich habe ich es vor Glück nicht mehr ausgehalten. Das Dauergrinsen des biodynamisch gewandeten Publikums, von emsigem Tai-Chi und der Morgenmeditation frisch und weich; das sektenartige Einverständnis im Raum, dass es um nichts Geringeres als das Weltenglück gehe und Zweifel menschenfeindlich seien; und der kleine, rundliche Guru, der mit seiner (auch körperlich synchronen) Übersetzerin über die Bühne tanzte – ich bin abgehauen. Bin in den erstbesten Zug gesprungen, habe den Schaffner beschimpft, Mitreisende angemuffelt und pampige SMS verschickt. Bis ich wieder normal war. Normal unglücklich.

So endete mein Besuch bei Martin E. P. Seligman, dem Glücksforscher und Erfinder der »Positiven Psychologie« – Mister Glücklich höchstpersönlich. Im Sommer war er in der Glückscity Heidelberg, selbstverständlich bei fantastischem Wetter, um im Rahmen eines »Symposiums« die europäische Glücksforschung zu befeuern (und sein neues Buch zu präsentieren, dessen deutsche Übersetzung leider nicht mehr rechtzeitig fertig wurde: Flourish – A Visionary New Understanding of Happiness and Well-being).

Der amerikanische Psychologe Seligman hatte vor zwei Jahrzehnten eine Erleuchtung, die zum Gründungsmythos der Positiven Psychologie wurde: Seine Tochter bezichtigte ihn beim Unkrautjäten der Miesepetrigkeit. Da verstand er, dass die dauerhafte Beschäftigung mit so etwas Negativem wie Depressionen selbst negativ ist. Ab sofort wollte er sich nur noch um das Glück kümmern, wie es entsteht und wie man es herstellt. Übellaunige Miesepeter in den USA vermuteten zwar, dass die Abwendung von der Depression daher kam, dass die Psychologen dank immer besserer Antidepressiva Marktanteile verloren und nun ihre Arbeit auch der normal unglücklichen Restbevölkerung andienen wollten – aber das ist bloß negatives Denken.

Seligman untersuchte also vorhandene Glückskonzepte, befragte Leute nach ihrem gefühlten Glückspegel (zwischen 1 und 10) und fand die Glücksformel: G=V+L+W. Glück ist Vererbung plus Lebensumstände plus Wille. Wille heißt, durch selbstständiges Tun etwas verändern: durch den Kauf von Seligmans Büchern zum Beispiel (Der Glücks-Faktor), die Anmeldung bei Seligman-Seminaren, den Besuch der Seligman-Website. Selbstverständlich dient der Mehrung des Glücks auch, wenn die Positive Psychologie neue Studiengänge einrichtet, Lehrstühle oder Dozentenstellen schafft und Forschungsmittel akquiriert.

Das Heidelberger Symposium erlebte seinen Höhepunkt, als der Meister bekannte: »Sehet, ich habe geirrt!« Die in ihrer Demut erschütternde Botschaft an seine Jünger: Glück ist out! Vergesst alles, was ich bisher über Glück gesagt habe. Jetzt weiß ich, dass es gar nicht um Glück geht. Es geht um Wellness! Um Erblühen, flourishing! (Und um den Absatz meines neuen Buches.)

Schon der Begriff »Glück« führt ja in die Irre. Man könnte dabei womöglich in erster Linie an Drogen, Schokolade, Shopping oder – Gott behüte! – an Masturbation denken. Die brandneue Entdeckung Seligmans: Erblühen hat mit Ehe, Kindern und Religion zu tun, mit Dankbarkeit, Engagement und Hoffnung. Und perplex erkennt der depressive Europäer: Der unter dem Label flourishing aufscheinende Neue Mensch ist – der gute alte Amerikaner! Fromm, patriotisch, ein Smiley, dem schon die Verfassung sein Glück garantiert. Die Fortsetzung der amerikanischen Cheerleader-Ideologie mit psychologischen Mitteln. »Always look on the bright side of life!« – Probleme existieren nur in den Köpfen.

Einmal, einen winzigen Moment lang, roch es bei der Heidelberger Veranstaltung nach Aufmucken, Widersetzlichkeit, lag Skeptizismus in der Luft. Der Chefredakteur von Psychologie heute, Heiko Ernst, übernahm die Rolle des Spielverderbers und wies darauf hin, dass die Positive Psychologie noch zu viel Ungeklärtes und Widersprüchliches mitschleppe, um Rezepte verteilen zu dürfen. Dass Skepsis gesunder als Daueroptimismus sei. Dass die Jeder-ist-seines-Glückes-Schmied-Ideologie ein Kind des Marketingkapitalismus sei. Und dass zu viel Glück dumm mache.

Da aber sprang der lustige Dr. von Hirschhausen auf die Bühne und zeterte, zu viel Glück gebe es doch offensichtlich noch lange nicht auf der Welt. Dann machte er schnell viele Späße, das Volk lachte, die Wolken verzogen sich. Später fragte Meister Seligman, ob noch Skeptiker anwesend seien. Niemand meldete sich.

Im Zug stieg in mir die Frage auf, wieso zum Teufel Glück nur ein Psychologenthema sein soll. Ich stöberte in meinen Unterlagen. Und siehe, die Berufeneren hatten schon lange alles Entscheidende dazu gesagt. Nietzsche: Glück als Schmerzvermeidung verhindert ein intensives Leben. Schopenhauer: Gäbe es allerorten Glück, würden die Menschen vor Langeweile sterben, sich aufhängen, bekriegen, würgen oder morden. Und natürlich Blaise Pascal: Alles Unglück der Menschen kommt von einem Einzigen – dass sie es nämlich nicht verstehen, in Ruhe in einem Zimmer zu bleiben. Zufrieden melancholisch kam ich zu Hause an.