Glücksunterricht : Unter der Honigdusche

Rund hundert Schulen bieten schon Glücksunterricht an. Wie sieht der aus? Macht er wirklich glücklich?

Sturm kommt auf. Er zerrt an Jana, Alina und Justin. Einige der Kinder wackeln, Lasse und Jana aber »stehen stark«. Das Lob kommt vom Sturm höchstpersönlich, von Katja Reuter, die an den Kindern schiebt und zieht. »Und woher kommt eure Kraft? Aus den Muskeln?« Nein, nein, das wissen die Kinder schon: »Aus dem Bauch!«

Wo einmal in der Woche Stürme wehen, wo gehopst, getanzt, gelacht und gelobt wird, dass es kracht, da steht »Glück« auf dem Stundenplan; seit zwei Jahren auch hier in der Gemeinschaftsgrundschule Oberforstbach . Die Schule im Grünen darf sich schon mit vielen Titeln schmücken: Sie ist »bewegungsfreudige Schule« und zertifizierte »Gut drauf-Schule«, sie organisiert Waldtage und Spaßolympiaden, pflegt einen Naturschulhof und bietet eine Streitschlichterausbildung an. Nun gehört sie auch noch zu den ersten Grundschulen in Deutschland, die neben Lesen, Schreiben und Rechnen das Glücklichsein lehren. Damit hat auch das Stehen im Sturm zu tun.

Denn Glück setze »Körperbewusstsein« voraus, sagt die Tanz- und Bewegungstherapeutin Katja Reuter, Konzentration, Wir-Gefühl und die Kenntnis der eigenen Position. Ob die Eltern getrennt sind oder die Kinder an Leistungsdruck und Versagensangst leiden – Unglück, das weiß sie aus ihrer Arbeit mit depressiven Erwachsenen, bekämpft man, indem man an der Einstellung zum Leben arbeitet.

Auf die Idee, Glück zu unterrichten, kam Frau Reuter, als sie im Fernsehen einen Beitrag über den Heidelberger Oberstudiendirektor Ernst Fritz-Schubert sah, der 2007 an seiner Schule Glück als Unterrichtsfach eingeführt hatte . Sie war begeistert und schlug der Schule in Oberforstbach vor, Glücksunterricht anzubieten. Die war einverstanden, und auch die Schulbehörde akzeptierte das neue Fach. Formell gilt es als »Förderunterricht« für Ganztagsschulkinder.

Glückslehrerin ist Katja Reuter zwei Tage pro Woche. Im deutschen Sprachraum arbeiten mittlerweile über 100 Schulen nach dem Konzept von Fritz-Schubert. Der hat seine Inspiration vom Wellington College, einer britischen Privatschule im Südwesten von London, die seit 2006 » Well-being « unterrichtet. Wie die Briten wollte Fritz-Schubert einen klassischen Bildungsbegriff mit den Ideen der Positiven Psychologie und Glücksforschung verbinden. Er konnte nicht mehr hören, dass die Schule in der Beliebtheitsskala der Schüler noch hinter der Zahnarztpraxis rangiert. Besonders in Süddeutschland und Österreich verbreiteten sich seine Ideen. Unter dem Motto »Glück macht Schule« hat allein die Pädagogische Hochschule Steiermark 78 »Glücksschulen« eingerichtet.

Jetzt ist also auch in Oberforstbach positives Denken angesagt . Im Ruheraum der Schule – gelbe Wände und Vorhänge, roter Teppich, ein paar dicke Matratzen, Computer, Klavier – fragt Katja Reuter ihre Schüler: »Worüber hast du dich heute schon gefreut?« Sie wirft den »Redeball«, Lukas fängt ihn: »Will ich nicht verraten!« Justin freut sich aufs Kampfsporttraining. Andere auf die Pause. Aufs Wochenende. Aufs Mittagessen. Künftige Freuden interessieren offenbar deutlich mehr als vergangene.

Es folgt, zur Musik vom Rekorder, eine Runde Stopptanz – stoppt die Musik, soll die Bewegung einfrieren. Wer zu spät ist, fliegt raus. Großer Spaß! Danach werden Namenskärtchen gezogen. Es gilt, über die Mitschüler etwas Gutes aufzuschreiben, selbst wenn man sie nicht mag. Eine Herausforderung. »Zu der fällt mir nix ein!« – »Irgendwas Nettes fällt euch garantiert ein!« Und siehe, später lesen die Kinder über sich, dass sie schöne Augen haben, »lustig, aber auch nervig« sind, schlau sind, ein guter Freund oder wenigstens »gut in Mathe«. Das maßlose Loben der anderen heißt »Honigdusche« und entstammt der Coachingwelt.

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Kommentare

18 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Die Schlussfolgerung sollte also sein...

"Die Glücksschüler waren nach einem Jahr eher unglücklicher."
Die Schlussfolgerung sollte also sein das man Unglück lernen sollte, damit man auf die Entäuschungen des Lebens besser vorbereitet ist.
Die USA, das Land des Positiven Denkens hat den größten illegalen und egalen Drogenkonsum, vorallem was Antidepressiva angeht.
Zeit wird es das Pessimismus als alternativer Lebensstil anerkannt wird.

"Der Optimist erklärt, dass wir in der besten aller Welten leben, und der Pessimist fürchtet, dass dies wahr ist."
James Branch Cabell

Bei dem Gedanken...

...so etwas höchstpersönliches wie "Glück" von staatlicher Stelle aus institutionalisieren zu wollen, läuft es mir eiskalt den Rücken herunter.

Es ist schön zu sehen, dass manche jener Schüler einen kritischeren Blick auf ihre Umwelt gewonnen haben. Ebenso gut kann ich mir vorstellen, dass sich andere zur Harmoniesucht animiert fühlen und ihre Probleme unter Patentrezepten zum Glücklichsein vergraben. Wo lächelnde Gesichter erwünscht sind, möchte ja keiner enttäuschen. Jeder Königsweg zum Glück endet in Kollateralschäden...

Glück beginnt für mich in der Freiheit selbst entscheiden zu können, womit ich glücklich sein will.

Cellular Automaton

Bruttoinlandsglück statt Bruttosozialprodukt!

@ Cellular Automaton
"Bei dem Gedanken...
...so etwas höchstpersönliches wie "Glück" von staatlicher Stelle aus institutionalisieren zu wollen, läuft es mir eiskalt den Rücken herunter."

Mir läuft es eher bei dem typisch westlich-kapitalistischen Raubtierkapitalismus kalt den Rücken runter.
Interessant finde ich dagegen die Versuche der Regierung in Buthan "Glück" zu erfassen. Es geht ja nicht darum es zu "institutionalisieren", sondern zu erfassen, was Glück eigentlich bedeutet.

Ist jemand automatisch glücklich wenn er reich ist? Oder bedarf es hierzu noch weiterer Dinge? Oder macht Reichtum gar unglücklich? Sollte der Schwerpunkt der Gesellschaft ausschließlich und zu 120% unter rein ökonomischen Aspekten betrachtet werden? Gibt es neben Geld, Gier und Konsum eigentlich noch irgendwas anders?

http://www.zeit.de/2011/4...

@bernjul Part I

Für Bauer Dorji ist das Glück vielleicht ein Reiskorn, auch wenn es ein paar Absätze später aus landwirtschaftlicher Maschinerie zu bestehen scheint. Und für die Regierung von Bhutan ist Glück ein Gleichgewicht von "Kultur, Umweltschutz, Wirtschaftswachstum und gutes Regieren. (Wie kann man das eigentlich vergleichen? So wie man auch Grad Celsius und Meter vergleicht?) Und für sie ist Glück vielleicht ein heisses Fußbad. Solche Debatten sind müßig. Aus ihnen lässt sich nur eines schliessen: Glück ist nicht objektiv definierbar! Sobald sich irgendjemand berufen fühlt Kraft des Stuhles auf dem er sitzt zu definieren, was ab sofort für jeden Menschen Glück zu sein hat, wird er zum Ideologen. Nichts anderes macht die Regierung von Bhutan, wenn sie den Begriff für ihr Regierungsprogramm vereinnahmt und nichts anderes machen zertifizierte "Gut-Drauf-Schulen", wenn sie Kinder mit Spaßolympiaden malträtieren. Glück ist etwas sehr persönliches, da subjektives und introspektives, der Glücksbegriff daher zwangsläufig nicht mehr als ein diffuser Pseudokonsens über "irgendwas in uns", mehr extensionaler denn intensionaler Natur. Es verordnen zu wollen ist wie Wörter anmalen oder Äpfel zerdenken zu wollen: ein Kategorienfehler.

@bernjul Part II

Sie fragen völlig zurecht, ob jemand automatisch glücklich ist, wenn er reich ist. Natürlich nicht. Aber nicht, weil er so etwas wie ein "wahres Glück" noch nicht "gefunden" hat, sondern weil ihre Frage nur dann Sinn macht, wenn man Glück überindividuell zu fassen vermöchte, Glück aber eine substanzlose Abstraktion ist. Wenn ein Broker glücklich von einem erfolgreichen Arbeitstag heimkommt, kann ihm nichts auf dieser Welt sein Glück wegdefinieren, wenn er sich selbst als glücklich empfindet. Und sei es nur, weil er mal wieder ein paar Boni eingeheimst hat. Da kann's Ihnen noch so schauern…

Kinder werden mit Spassolympiaden malträtiert

Ich hätte als Kind liebend gern an einer Spassolympiade teilgenommen. Es gab damals eine Fernsehsendung, "Spiel ohne Grenzen" mit Camillo Felgen, die ich mir voller Begeisterung angeschaut habe. Was ist dagegen zu sagen?

Wenn die Kinder indoktriniert würden, dass Fussbäder, Reiskörner oder Banker-Boni das einzig wahre Glück sind, dann würde ich Ihnen Recht geben. Aber die Kinder lernen doch in erster Linie Selbstwahrnehmung, so dass sie auf der Basis einer besseren Wahrnehmung erkennen, was sie selber als glücklich machend empfinden, und das wird für jedes Kind was anderes sein.

Was mir bei dem Artikel allerdings seltsam aufgestossen ist: dass Kinder etwas Nettes über andere Kinder sagen müssen, selbst wenn sie das im Augenblick überhaupt nicht wollen. Jedes Kind sollte sagen dürfen, was es wirklich fühlt.