KunstmarktSicherer als Gold

Warum ging es dem Kunstmarkt in dem Krisenjahr so blendend? Fragen an den Kunstmarktsoziologen Olav Velthuis von 

Das Gemälde "Crouching Nude" von Francis Bacon wurde im Juni 2011 bei Sotheby's in London versteigert.

Das Gemälde "Crouching Nude" von Francis Bacon wurde im Juni 2011 bei Sotheby's in London versteigert.  |  © Oli Scarff/Getty Images

DIE ZEIT: Mehrere deutsche Auktionshäuser erzielten 2011 Rekordumsätze , im November setzten die großen Häuser in New York innerhalb von nur zwei Wochen gut eine Milliarde Dollar um. Profitiert der Kunstmarkt von der Krise ?

Olav Velthuis: Der Erfolg des Kunstmarkts kommt auf den ersten Blick überraschend. Als Sotheby’s vor knapp zwei Monaten eine seiner erfolgreichsten Auktionen für zeitgenössische Kunst überhaupt feierte, waren Stunden zuvor die amerikanischen Aktienkurse um mehr als drei Prozent gefallen, Italien sei pleite, hieß es. Quantitative Untersuchungen von Ökonomen weisen eigentlich eine Korrelation zwischen Kunstmarkt und den restlichen Märkten nach, doch hier verhielt es sich offensichtlich anders. Es gibt historische Beispiele für solche Ungleichzeitigkeiten: Auch während der Großen Depression 1929, der Ölkrise 1973 und des Einbruchs des Aktienmarkts 1987 wurden auf dem Kunstmarkt Rekordpreise erzielt.

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ZEIT: Wie erklären sich die derzeitigen Rekorde?

Velthuis: Die Superreichen sind bisher nicht von der Krise betroffen. Es geht ihnen sogar besser denn je. Die Forbes-Liste zählt inzwischen 1.210 Milliardäre, 200 mehr als im Jahr zuvor. Auch ihr Vermögen ist insgesamt um 20 Prozent gestiegen. Man kann sich kaum vorstellen, wie wenig Geld 10 Millionen Euro für so einen Milliardär sind. Aber wenn es im obersten Preissegment des Kunstmarkts gut läuft, gilt das nicht unbedingt für den Rest des Marktes.

ZEIT: Leidet denn das mittlere Segment der Kunsthändler unter der Krise?

Velthuis: Ich bin überrascht, wie wenige Galerien in den Kunststädten Berlin, London und New York bisher schließen mussten. Während der letzten großen Kunstmarktkrise um das Jahr 1990 gingen Dutzende bankrott. Kunstwerke für fünf- oder sechsstellige Euro-Summen scheinen sich derzeit allerdings nicht besonders leicht zu verkaufen.

ZEIT: Wieso kaufen die Superreichen Kunst?

Velthuis: Beim Kunstsammeln kommt es nicht darauf an, noch eine Million Euro Gewinn zu machen. Kunst bedeutet Status. Mit der zeitgenössischen Kunst kaufen sich die Superreichen eine Eintrittskarte in den globalen Club der ökonomisch-kulturellen Elite.

ZEIT: Aber auch Milliardäre wollen mit Kunst kein Geld verlieren, oder?

Velthuis: Stimmt. Aber nicht, weil ihnen sonst Armut drohte, sondern weil der Preisverlust der Kunst den Status ihrer Sammlung mindern würde. Eine Wertsteigerung bestätigt hingegen das Kennerauge des Sammlers. Dass die Kunst neuerdings eine im Vergleich etwa zum Gold sichere Geldanlage zu sein scheint, hilft gewiss bei Kaufentscheidungen. Und der Akt des Kunstkaufs an sich bereitet einfach Vergnügen. Man reist auf Messen, feiert Feste, geht auf Eröffnungen.

Leserkommentare
  1. 1.) "Kunst bedeutet Status. Mit der zeitgenössischen Kunst kaufen sich die Superreichen eine Eintrittskarte in den globalen Club der ökonomisch-kulturellen Elite."

    2.) "Meistens schweigen die Auktionshäuser über die Herkunft der Käufer, aber..."

    Typische Widersprüche in einem "verkaufsorientierten" Interview. Natürlich werden ein paar rein Investment-orientierte Superreiche mit ihren Erwerbungen imponieren wollen.

    Aber der wirkliche Kunstliebhaber freut sich an seinen Erwerbungen und schweigt ansonsten. Man tönt nicht damit herum, was man hat. Höchstens die engsten Freunde bekommen die Schätze zu sehen. Manche vermachen dann auch einzelne Gemälde oder ganze Sammlungen bedeutenden Museen.

    Kunst nur als Investment zu kaufen, ohne die Werke zu schätzen und sich an ihnen zu erfreuen ist, aber sie dennoch als Satussymbol zu präsentieren, wird den erwünschten Status eben gerade nicht bringen.

    • artpate
    • 02. Januar 2012 11:50 Uhr

    @whateveryouthink
    1. "Manche vermachen dann auch einzelne Gemälde oder ganze Sammlungen bedeutenden Museen." - oft aus steuerlichen Gründen oder um den Wert der eigenen Sammlung/Werke zu steigern

    Es ging in dem Artikel um den Kunstmarkt und das bedeutet Kaufen + Verkaufen.
    Gegenüber 2010 musste der Markt schon ein wenig federn lassen. siehe hier:
    http://www.artinfo24.com/shop/artikel.php?id=886

    Die Sammlerschicht mit entsprechenden Vermögen ist einfach wesentlich breiter geworden. Richtig ist, das im sechstelligen Bereich es im letzten Jahr wesentlich schwieriger war Kunstwerke zu verkaufen. Schaut man sich die letzten Jahre/Jahrzehnte an kam der Knick im Kunstmarkt immer zeitverzögert zu den Finanzmärkten. Als die Lehmann-Pleite bekannt gegeben wurde, fand fast zeitgleich die Rekordauktion von Damien Hirst Werken statt.

    Also abwarten und Kunst kaufen oder einfach nur genießen.

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