Nach neun Jahren Besatzung sind die Iraker wieder mit sich allein . Sicher, da sind noch die 16.000 Bewohner der US-Botschaft in Bagdad. Doch sie sind nicht mehr als eine schwache Erinnerung an die Weltmacht, die 2003 im Irak mit einer halben Million Soldaten einmarschierte und dort bis vor Kurzem 150.000 Soldaten stationiert hatte. Nein, die Iraker sind jetzt wieder auf sich gestellt. Was aber bedeutet das?

Auf den ersten Blick nichts Gutes. Kaum war der letzte amerikanische Soldat über die Grenzen abgezogen, beschuldigte der Premierminister des Landes, Nouri al-Maliki, seinen Stellvertreter Tariq al-Hashemi des Terrorismus , worauf dieser sich in den Norden des Landes, nach Kurdistan, absetzte. Einen Tag nach der spektakulären Anklage Malikis gingen in Bagdad Bomben hoch und töteten mehr als siebzig Menschen. Es war der größte Anschlag seit mehreren Jahren. Das amerikanische Magazin Newsweek schrieb daraufhin: »Die US-Soldaten sind nicht mehr im Land, um ein Blutbad zu verhindern!« Kaum sind die Amerikaner weg, da fallen die Iraker wieder über sich her. Das war Tenor der Berichterstattung nach dem Abzug der US-Truppen. Ganz so, als explodiere der Irak wie eine Granate in den Händen von leichtsinnigen, allein gelassenen Kindern. Ganz so, als hätte die amerikanische Besatzung nicht maßgeblich beigetragen zum Blutbad nach dem Sturz Saddams.

Der schwache Maliki entpuppte sich als durchsetzungsstark

Es besteht kein Zweifel, dass der Irak ein tief zerrissenes Land ist. Wie sollte es auch anders sein? Der Irak hat die mehr als dreißig Jahre währende Diktatur Saddam Husseins durchlitten, der vor allem Schiiten und Kurden brutal unterdrückte. Es folgten ein blutiger Krieg mit dem Nachbarn Iran (1980 bis 1988), ein Krieg gegen die USA und ihre Verbündeten (1991) und die Invasion der USA (2003). Darauf entflammte zwischen 2005 und 2008 ein Bürgerkrieg zwischen Schiiten und Sunniten. Dieser ist bis heute nicht bewältigt. Der Irak wird daher durch die Brille dieser Auseinandersetzung zwischen den beiden islamischen Glaubensrichtungen betrachtet. Als Maliki den Vizepräsidenten Hashemi des Terrorismus bezichtigte, wurde das sofort als Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten interpretiert, denn Maliki ist ein führender schiitischer Politiker und Hashemi eine führender Sunnit. Diese Interpretation ist verführerisch einfach, auch weil es dafür einen überzeugenden regionalpolitischen Hintergrund gibt. In dem seit der Invasion 2003 geschwächten Irak konkurrieren der schiitische Iran und das sunnitische Saudi-Arabien um regionale Vorherrschaft. Maliki steht im Ruf, ein Handlanger Teherans zu sein , Hashemi und seiner Partei, dem Iraqiya-Block, sagt man nach, die Interessen Riads zu vertreten.

Das klingt überzeugend einfach und verzerrt doch die Realität. Die innenpolitische Landschaft des Iraks lässt sich nicht allein entlang der Konfliktlinie Schiiten versus Sunniten erklären. Da ist zum Beispiel der Premier al-Maliki. Als er 2006 ins Amt kam, sagte der amerikanische Nahostexperte Kenneth Pollack: »Ein schwacher Mann für ein schwaches Amt!« Maliki war ein Verlegenheitskandidat, doch bald schon entpuppte er sich als durchsetzungsfähiger Politiker, der ein Ziel verfolgte: die maßlose Gewalt einzudämmen und den Staatsapparat zu stärken. Dazu ging er als Schiit zunächst vor allem gegen die schiitischen Milizen des Predigers Muqtada al-Sadr vor, die im Süden des Landes ihr Unwesen trieben. Mit einer Kombination aus harter Hand und politischen Angeboten band er sie in den politischen Prozess ein. Die Sadristen sind heute ein Teil der (allerdings sehr wackeligen) Koalitionsregierung. Maliki wies auch die Kurden in die Schranken. Er rang ihnen das Zugeständnis ab, dass sämtliche Ölkonzessionen, die in Kurdistan vergeben werden, zuerst von Bagdad abgesegnet werden müssen. Sein Vorgehen gegen die Sadristen und seine Unnachgiebigkeit gegenüber den Kurden machten Maliki auch unter Sunniten populär. Denn sie verstehen sich traditionell als Hüter der irakischen Nation. Maliki verfolgte jedenfalls in seiner ersten Amtszeit zwischen 2005 und 2009 die Politik eines irakischen Nationalisten, nicht die eines Mannes, der nur die Interessen der Schiiten verfolgt. Die Kraftquelle, die Maliki aufschloss, war das irakische Nationalgefühl.

Eine ganze Reihe anderer führender irakischer Politiker hat in den vergangenen Jahren versucht, sich als Verteidiger der irakischen Nation zu profilieren, nicht als Verteidiger ihrer jeweiligen Glaubensrichtung oder ihrer Ethnie. Der Prediger Muqtada al-Sadr wurde zwar in den westlichen Medien immer wieder als geradezu fanatischer Schiit beschrieben, doch durch seinen entschlossenen, mitunter blutigen Kampf gegen die amerikanische Besatzung erwarb er sich Respekt unter den Irakern, auch unter den Sunniten. Die führende sunnitische Partei al-Iraqiya ihrerseits ist aus der sogenannten Erweckungsbewegung hervorgegangen. Sie hat – ermuntert und finanziert von den Amerikanern – entscheidend dazu beigetragen, al-Qaida im Irak zu bändigen . Wer heute also auf die politische Elite des Landes blickt, sieht viele, die glauben, dass die Nation, nicht die Ethnie oder Glaubensrichtung ihnen Stärke geben kann. Das ist erstaunlich, denn die Iraker haben mit der Diktatur die Perversion des starken Staates erlebt. Wofür aber steht die irakische Nation heute? Was ist ihre Sehnsucht?