Nach dem US-AbzugIn Feindschaft vereint

Nach dem Abzug der US-Truppen befürchten viele einen Zerfall des Iraks. Tatsächlich aber beschwören Sunniten, Schiiten und Kurden einen neuen Nationalismus.

Iraks Premier Nouri al-Maliki

Iraks Premier Nouri al-Maliki

Nach neun Jahren Besatzung sind die Iraker wieder mit sich allein . Sicher, da sind noch die 16.000 Bewohner der US-Botschaft in Bagdad. Doch sie sind nicht mehr als eine schwache Erinnerung an die Weltmacht, die 2003 im Irak mit einer halben Million Soldaten einmarschierte und dort bis vor Kurzem 150.000 Soldaten stationiert hatte. Nein, die Iraker sind jetzt wieder auf sich gestellt. Was aber bedeutet das?

Auf den ersten Blick nichts Gutes. Kaum war der letzte amerikanische Soldat über die Grenzen abgezogen, beschuldigte der Premierminister des Landes, Nouri al-Maliki, seinen Stellvertreter Tariq al-Hashemi des Terrorismus , worauf dieser sich in den Norden des Landes, nach Kurdistan, absetzte. Einen Tag nach der spektakulären Anklage Malikis gingen in Bagdad Bomben hoch und töteten mehr als siebzig Menschen. Es war der größte Anschlag seit mehreren Jahren. Das amerikanische Magazin Newsweek schrieb daraufhin: »Die US-Soldaten sind nicht mehr im Land, um ein Blutbad zu verhindern!« Kaum sind die Amerikaner weg, da fallen die Iraker wieder über sich her. Das war Tenor der Berichterstattung nach dem Abzug der US-Truppen. Ganz so, als explodiere der Irak wie eine Granate in den Händen von leichtsinnigen, allein gelassenen Kindern. Ganz so, als hätte die amerikanische Besatzung nicht maßgeblich beigetragen zum Blutbad nach dem Sturz Saddams.

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Der schwache Maliki entpuppte sich als durchsetzungsstark

Es besteht kein Zweifel, dass der Irak ein tief zerrissenes Land ist. Wie sollte es auch anders sein? Der Irak hat die mehr als dreißig Jahre währende Diktatur Saddam Husseins durchlitten, der vor allem Schiiten und Kurden brutal unterdrückte. Es folgten ein blutiger Krieg mit dem Nachbarn Iran (1980 bis 1988), ein Krieg gegen die USA und ihre Verbündeten (1991) und die Invasion der USA (2003). Darauf entflammte zwischen 2005 und 2008 ein Bürgerkrieg zwischen Schiiten und Sunniten. Dieser ist bis heute nicht bewältigt. Der Irak wird daher durch die Brille dieser Auseinandersetzung zwischen den beiden islamischen Glaubensrichtungen betrachtet. Als Maliki den Vizepräsidenten Hashemi des Terrorismus bezichtigte, wurde das sofort als Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten interpretiert, denn Maliki ist ein führender schiitischer Politiker und Hashemi eine führender Sunnit. Diese Interpretation ist verführerisch einfach, auch weil es dafür einen überzeugenden regionalpolitischen Hintergrund gibt. In dem seit der Invasion 2003 geschwächten Irak konkurrieren der schiitische Iran und das sunnitische Saudi-Arabien um regionale Vorherrschaft. Maliki steht im Ruf, ein Handlanger Teherans zu sein , Hashemi und seiner Partei, dem Iraqiya-Block, sagt man nach, die Interessen Riads zu vertreten.

Das klingt überzeugend einfach und verzerrt doch die Realität. Die innenpolitische Landschaft des Iraks lässt sich nicht allein entlang der Konfliktlinie Schiiten versus Sunniten erklären. Da ist zum Beispiel der Premier al-Maliki. Als er 2006 ins Amt kam, sagte der amerikanische Nahostexperte Kenneth Pollack: »Ein schwacher Mann für ein schwaches Amt!« Maliki war ein Verlegenheitskandidat, doch bald schon entpuppte er sich als durchsetzungsfähiger Politiker, der ein Ziel verfolgte: die maßlose Gewalt einzudämmen und den Staatsapparat zu stärken. Dazu ging er als Schiit zunächst vor allem gegen die schiitischen Milizen des Predigers Muqtada al-Sadr vor, die im Süden des Landes ihr Unwesen trieben. Mit einer Kombination aus harter Hand und politischen Angeboten band er sie in den politischen Prozess ein. Die Sadristen sind heute ein Teil der (allerdings sehr wackeligen) Koalitionsregierung. Maliki wies auch die Kurden in die Schranken. Er rang ihnen das Zugeständnis ab, dass sämtliche Ölkonzessionen, die in Kurdistan vergeben werden, zuerst von Bagdad abgesegnet werden müssen. Sein Vorgehen gegen die Sadristen und seine Unnachgiebigkeit gegenüber den Kurden machten Maliki auch unter Sunniten populär. Denn sie verstehen sich traditionell als Hüter der irakischen Nation. Maliki verfolgte jedenfalls in seiner ersten Amtszeit zwischen 2005 und 2009 die Politik eines irakischen Nationalisten, nicht die eines Mannes, der nur die Interessen der Schiiten verfolgt. Die Kraftquelle, die Maliki aufschloss, war das irakische Nationalgefühl.

Eine ganze Reihe anderer führender irakischer Politiker hat in den vergangenen Jahren versucht, sich als Verteidiger der irakischen Nation zu profilieren, nicht als Verteidiger ihrer jeweiligen Glaubensrichtung oder ihrer Ethnie. Der Prediger Muqtada al-Sadr wurde zwar in den westlichen Medien immer wieder als geradezu fanatischer Schiit beschrieben, doch durch seinen entschlossenen, mitunter blutigen Kampf gegen die amerikanische Besatzung erwarb er sich Respekt unter den Irakern, auch unter den Sunniten. Die führende sunnitische Partei al-Iraqiya ihrerseits ist aus der sogenannten Erweckungsbewegung hervorgegangen. Sie hat – ermuntert und finanziert von den Amerikanern – entscheidend dazu beigetragen, al-Qaida im Irak zu bändigen . Wer heute also auf die politische Elite des Landes blickt, sieht viele, die glauben, dass die Nation, nicht die Ethnie oder Glaubensrichtung ihnen Stärke geben kann. Das ist erstaunlich, denn die Iraker haben mit der Diktatur die Perversion des starken Staates erlebt. Wofür aber steht die irakische Nation heute? Was ist ihre Sehnsucht?

Souveränität. Es mag zwar sein, dass Iran und Saudi-Arabien heute im Irak großen Einfluss haben. Doch das bedeutet nicht, dass dies von den Irakern begrüßt wird. Im Gegenteil, es ist eher die Abwehr gegen diese mächtigen Nachbarn, welche die Iraker zusammenschweißt. Weder Sunniten noch Schiiten des Iraks wollen zu Satelliten degradiert werden. Daher hat sich Maliki, der gerne als eine Art Befehlsempfänger Irans dargestellt wird, in den letzten Jahren sichtlich um Distanz zu Teheran bemüht. Dasselbe gilt für die sunnitischen Politiker und ihr Verhältnis zu Riad. Selbst die Kurden, denen immer wieder Unabhängigkeitsgelüste unterstellt werden, scheinen vorerst verstanden zu haben, dass sie innerhalb des Iraks mehr Zukunft haben als in einem eigenen Staat. Die irakische Nation definierte sich in diesem Sinne ex negativo — da alle Alternativen schlechter sind, rauft man sich doch lieber zusammen, so schwer es auch sein mag.

Der kleinste gemeinsame Nenner aller Iraker ist ein starker irakischer Staat – gerade wegen der vielen gefährlichen Gegensätze, die das Land prägen. Zweifellos hat der Bürgerkrieg zwischen 2005 und 2008 den Graben zwischen den Sunniten und Schiiten vertieft. Die Extremisten haben es darauf angelegt, beide Gruppen zu trennen. Es gibt heute in Bagdad viele von der einen oder der anderen Seite »gereinigte« Stadtviertel. Die Grenze ist mit viel Blut gezogen worden. Doch der Regierung Maliki ist es gelungen, die Gewalt einzudämmen. Sicherheit zuerst – das war und ist das Motto.

Der zu verteilende Kuchen wird nach dem Abzug der USA kleiner

Sicherheit aber kann nur ein starker Staat geben, der über den Parteien steht. Die Iraker haben in der Vergangenheit unter dem Schirm ihrer Glaubensrichtung oder Ethnie Zuflucht gesucht, weil es keinen Staat mehr gab, der sie beschützen konnte. Dieser war durch die Invasion und das nachfolgende Besatzungsregime vollkommen aufgelöst worden. Die Sehnsucht nach einem starken Staat ist auch aufgrund des jüngsten Krieges populär im Irak. Das weiß auch Maliki. Er hat sich dementsprechend verhalten.

Das entscheidende Problem für den Irak nach der Besatzung ist, ob Männer wie Maliki mit der in den letzten Jahren angehäuften Macht verantwortlich umgehen werden. Können sie mit einer Opposition leben, oder werden sie versucht sein, diese auszuschalten? Wird der starke Staat in seinem Inneren Ethnien und Konfessionen kolonisieren, oder wird er sich von derlei Abhängigkeiten lösen können? Die Nachrichten der letzten Tage sind besorgniserregend. Es ist schwer zu sehen, wie der Bruch zwischen Maliki und seinem Stellvertreter wieder gekittet werden kann – doch in den vergangenen Jahren ist es den irakischen Politikern immer wieder gelungen, scheinbar ausweglose Situationen aufzulösen. Die Mittel dazu waren meistens Geld und Teilhabe an der Macht. Wer nicht zufrieden war, der bekam ertragreiche Posten für sich und die Seinen zugeschanzt und wurde so eingebunden. Eine Folge dieser Politik ist allerdings auch ein aufgeblähter, ineffizienter, vor allem aber korrupter Staat. Die Zahlen sind niederschmetternd. Auf dem Korruptionsindex der internationalen Organisation Transparency International liegt der Irak 2011 auf Platz 175 – von insgesamt 178 Ländern. An Geld zum Schmieren fehlte es nicht. Der Irak ist von der Besatzungsmacht Amerika in den vergangenen neun Jahren mit Milliarden überschwemmt worden. Kontrolle gab es so gut wie keine.

Doch mit dem Abzug der Soldaten versiegt auch der Geldfluss. Die wieder anlaufende irakische Ölproduktion wird diesen Einkommensausfall nicht abdecken können. Es wird also weniger zu verteilen geben. Darauf kann es nur zwei Antworten geben: Entweder verschärft sich der Kampf um den kleiner gewordenen Kuchen und zersetzt so das Nationalgefühl – der Konflikt zwischen Maliki und Hashemi könnte diesen Hintergrund haben; oder das Übrigbleibende wird effizienter verteilt. Das aber hieße, dass der Irak nicht nur ein starker, sondern auch ein wohl regierter Staat werden muss.

 
Leserkommentare
    • vOoiJe
    • 30.12.2011 um 21:49 Uhr
    1. Danke!

    Sehr interessanter Artikel. Der erste überhaupt, den ich zu dem Thema lese. Bitte mehr davon! Frohes Neues!

  1. Jaja, der Nationalismus als Heilmittel der Katastrophe im Irak. Wahrscheinlich auch für Libyen, Syrien und Ägypten, wie? Ich lächel müde zu dieser weisen Einsicht und erinnere daran, dass sämtliche Despoten, die unter Mithilfe des Westens aus dem Amt gejagt bzw. gebombt wurden, Nationalisten waren. Der Nationalismus ist jetzt weg vom Fenster und die Alternative lautet Islamismus. So siehts aus, denn diese Staaten eint NICHTS. Ihre Grenzen sind willkürlich, die Bevölkerung multiethnisch und konfessionell gespalten, mit hunderttausend offenen Konflikten.
    Im Irak haben gerade die USA fleissig mitgeholfen, mit den autonomen Kurdengebieten einen Staat im Staat zu etablieren. Der wird sich bald mit seinen Ölreserven absetzen und dann ist der Damm gebrochen.
    Mit viel Glück wird der Irak politisch überleben, aber sicher wird dazu wesentlich mehr Gewalt nötig sein, als unter Saddam und den USA angewendet wurde. Ähnliches gilt für Libyen und eventuell bald auch für Syrien, wo nun der letzte Nationalist des Nahen Ostens abgesägt werden soll.
    Die Analyse ist natürlich richtig, der Nationalismus wäre die einzige Kraft, die die Staaten des Nahen Ostens einen könnte und dies auch jahrzehntelang konnte. Für mich kann es deshalb kein Zufall sein, dass genau diese Kraft nun gründlich demontiert wurde, hauptverantwortlich durch den Westen, denn mit ein paar radikalislamischen Hitzköpfen wird man schon fertig. Mit potenten und im Öl schwimmenden Nationalstaaten wäre es schon etwas schwieriger.

    • Gagan
    • 31.12.2011 um 3:55 Uhr

    ... es wird um den Kuchen umso erbitterter gekämpft werden. Staaten in denen es wenig zu holen gibt, fangen nicht an sich zusammenzuraufen, das ist absurd. Wo es wenig zu holen gibt, wird umso härter darum gekämpft. Das sinnvollste wäre ein Aufbauprogramm für den Irak, aber leider "brauchen" die Finanzmärkte all unser Geld...

    Eine Leserempfehlung
  2. Ein starker Staat wird eher früher als später einen starken Mann im Irak gebären. Solange dieser macht, was Amerika will, wird der Westen ihn gewähren lassen. Trotzdem könnte sich die Geschichte wiederholen. Vor allem, dann wenn der neue starke Mann die Förderrechte westlicher Mineralölkonzerne beschneiden will um dafür zu sorgen, daß mehr des durch den Ölreichtum Irak's erwirtschafteten Geldes im eigenen Land bleibt. Das könnte einem dann bekannt vorkommen.

  3. Ein starker Staat wird eher früher als später einen starken Mann im Irak gebären. Solange dieser macht, was Amerika will, wird der Westen ihn gewähren lassen. Trotzdem könnte sich die Geschichte wiederholen. Vor allem, dann wenn der neue starke Mann die Förderrechte westlicher Mineralölkonzerne beschneiden will um dafür zu sorgen, daß mehr des durch den Ölreichtum Irak's erwirtschafteten Geldes im eigenen Land bleibt. Das könnte einem dann bekannt vorkommen.

    • HJ
    • 31.12.2011 um 12:51 Uhr

    Der Artikel ist sehr schön und "sachlich" geschrieben, wenn man das Land oder die Fakten nicht kennt.
    Zuerst, Tariq al-Hashemi ist Stellvertreter vom Präsidenten Talabani und nicht von Maliki.
    Die Sachen sind um einiges komplizierter und schwieriger als das, was man hier liest. Die Regierung von Maliki hat seit den letzten Wahlen nicht mal ein vollständiges Gestalt. Da fehlen wichtige Minister wie Verteidigung. Kann überhaupt so eine Regierung funktionieren?
    Außerdem, da fehlen jegliche Vertrauen zwischen den ethnischen Gruppen.
    Die Kurden haben eine eigene abgeschlossene Region und scheuen vor allen. Sunit oder Schiit spielt da keine große Rolle. Wenn ein Araber in die kurdischen Autonomiegebiete geht, dann braucht er eine Bürgschaft von einem Kurden, der ihn kennt, sonst bekommt er keinen Einlass. Das ist auch völlig zurecht aber manchmal auch übertieben von Kurden, denn sie haben eine bessere Verhältnisse für sich aufgebaut und das wollen sie nicht vom Terrorismus zerstören lassen.Im Gegenteil, wenn Kurden nach Süden oder in die Mitte gehen, werden gekidnappt. Dafür muss die Familie des Opfers mehrere hunderttausend US Dollars zahlen und wenn sie Glück haben, dann kriegen sie ihren Verwandten heil zurück, was eigentlich meistens tragisch endet. Ich hab noch viele Fakten, aber leider nicht genug Buchstaben ;)
    Fazit: Dieses Land existiert seit 90 Jahre. Es war nie eine Nation und wird nie sein. Es ist ein hoffnungsloser Fall.
    Ps: Ich war zuletzt vor zwei Monaten dort

    Eine Leserempfehlung
  4. Redaktion

    Da haben Sie natürlich Recht: Hashemi ist Vizepräsident, nicht Vizepremier, mit dem Maliki aber ein ähnliches Problem hat bzw. hatte.

    Ihr Fazit: Interpretationssache. Auch der Autor kennt das Land sehr gut und war sehr oft dort. Morgen fährt er wieder hin.

    Beste Grüße,
    Markus Horeld

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