Jahreswechsel Her damit – Weg damit

Welche Werte, Kunstwerke, Ereignisse brauchen wir dringend im neuen Jahr? Und vor allem: Was brauchen wir auf keinen Fall mehr? 16 Antworten im Feuilleton der ZEIT.

Auf manches will man im Neuen Jahr verzichten, anderes sehnt man sich herbei. Feuerwerk über dem Brandenburger Tor in Berlin, in der Silvesternacht zu 2011

Auf manches will man im Neuen Jahr verzichten, anderes sehnt man sich herbei. Feuerwerk über dem Brandenburger Tor in Berlin, in der Silvesternacht zu 2011

Kein Angeberquatsch

Was ganz schön nervt und gerne mal aufhören könnte, ist die ständige Angeberei im gehobenen Herrensegment. So was wie Harald Schmidts » Late Night kann ich konkurrenzlos.« Oder Guttenbergs »... irgendwas in unserer Familiengeschichte muss über die Jahrhunderte dazu geführt haben...« Natürlich sind solche rhetorischen Einstecktüchlein über die Jahrhunderte konkurrenzlos geworden, aber was soll der ganze Angeberquatsch uns noch ein paar Jahrhunderte lang begleiten? Davon wird er auch nicht besser. Eine Abnahme solcher gespreizter Bescheidwisserei wäre doch sehr schön. Wie leicht lebte es sich, müsste man diese zum Platzen aufgepumpten Gockeleien im Stil von »ein Rex Germaniae ist im religiös gespaltenen Deutschland eine Unmöglichkeit geworden« nie wieder lesen und hören. Nicht mehr dieses Deutschland-geht-es-soundso. Dafür vielleicht lieber ein bisschen mehr Traurigkeit. Und auch ein bisschen mehr Daniil Charms. Iris Radisch

Glutbürger vor!

Was wäre ein neues Jahr ohne neue Feindbilder? Nachdem es nun vielleicht doch ein bisschen langweilig geworden ist, bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die sogenannten Wutbürger einzudreschen, weil diese immer nur demonstrieren und sich dem so dringend ersehnten Fortschritt in den Weg stellen, ist es höchste Zeit, sich nach frischen Verunglimpfungsopfern umzuschauen. Wie wäre es mit den Glutbürgern (die immer und überall ihre qualmenden Grills aufbauen)? Oder mit Brutbürgern (die mit ihren Blagen meinen, sie genössen überall Sonderrechte)? Schlimm auch die Schnutbürger (mit muffigem Gesicht vermiesen sie allen das Leben). Oder die Akutbürger, die newshungrig immerzu auf ihre Handys starren. Oder die Auf-der-Hut-Bürger, die sich hinter ihren Sicherheitszäunen verschanzen. Da sind einem die trinkfrohen Absolutbürger mit schweren Wodka-Fahnen doch lieber. Oder die Sud-, die Flut- und von mir aus auch die Knutbürger, obwohl man erst im neuen Jahr herausfinden wird, was es mit diesen neologistischen Kreaturen eigentlich auf sich hat. Hanno Rauterberg

Das Glück des Unglücks

Muss das sein? Es muss wohl sein. »Lebensratgeber« sind in Buchhandelskettenläden die großen Renner, all die Anleitungen zum Glücklichsein, Jungsein, Fitsein, Schlanksein, Starksein, Schönsein, Nützlichsein. Der Lebensratgeber ist der »persönliche« Aufbauhelfer für die leidende Seele, er flüstert »Denk positiv!«, er sagt Leben und meint Überleben. Beten gegen Burn-out, Lesen gegen die Kälte, Fasten gegen die Verzweiflung. Dieser Zwangsoptimismus ist die Nährlösung der Therapiegesellschaft, er spendiert ihr die tägliche Dosis Sinn. »Leben? Es hätte schlimmer kommen können.« Der Lebensratgeber will den Menschen freundlich, aber bestimmt, zart, aber hart. Er vertreibt die Angst, überflüssig zu sein; er füttert die Hoffnung auf allzeitige Daseinsverwendungsfähigkeit. »Unterm Strich zähl ich.« Wer noch nie depressiv war, der kann es hier werden.

Gegen den Zwangsoptimismus der »Lebenshelfer« hilft nur eins: Man muss wieder die Apokalyptiker ins Regal stellen, die Verzweiflungsschriftsteller und Schwermelancholiker. Für Einsteiger hat sich der Schwarzmaler Robert Burton bestens bewährt; Fortgeschrittene greifen bitte zum großen Weltverneiner Fernando Pessoa. Sein sterbend hingehauchter letzter Satz »Ich weiß nicht, was der morgige Tag bringt« hat so manche vom Ehrgeiz zerfressene Seele vorm sicheren Untergang bewahrt. Auch Günter Kunert ist ein zuverlässiger Saboteur der Zuversicht und hat wunderbar aussichtslose Gedichte geschrieben. Wem das Think positive! der Lebensberater, Wachstumsnarren und Sinnstifter dann noch schlaflose Tage bereitet, der lasse Ulrich Horstmanns Das Untier von der Kette. Voller Liebreiz erzählt das Buch, wie Menschen seit Jahrtausenden ihren Artgenossen die Kehle durchschneiden und sich das Leben zur Hölle machen. Nur der dunkeldeutsche Diamant Schopenhauer hat stark nachgelassen, nachdem ihn die neualte Bürgerlichkeit in ihren Erbauungs-Tabernakel gesperrt hat – also Finger weg. Lebendig wie am ersten Tag sind dagegen die suizidalen Aphorismen des Reaktionärs Emile Cioran, schon die Titel seiner Bücher sind zum Sterben schön. Vom Nachteil geboren zu sein , Gevierteilt , Die verfehlte Schöpfung – sinnloser kann man es nicht sagen. Sollte trotzdem noch ein Funken Hoffnung glühen, nehme man sich Ciorans Lebensmotto zu Herzen: »Ich kenne niemanden, der nutzloser und unverwendbarer wäre als ich.« Solche Sätze machen glücklich. Wer danach noch immer depressiv ist, sollte einen Arzt aufsuchen. Thomas Assheuer

Besser fernsehen

Worauf ich 2012 gut verzichten kann, ist blödes Fernsehen. Blödes Fernsehen ist grausam, menschenverachtend, ein echter Fall von pain in the ass , wie wir Popkritiker zu sagen pflegen. Wobei mit blödem Fernsehen nicht unbedingt das sogenannte Unterschichtsfernsehen gemeint ist, sondern lebenszeitkillende Primetimeschmonzetten wie Familie Dr. Kleist , Historientrashdramen mit Veronika Ferres oder öffentlich-rechtlich produzierte Tatort -Krimis, die – sorry, Eva Mattes – den Stand der Theateravantgarde von vor zehn Jahren wiedergeben. Das unblöde Fernsehen, das ich mir stattdessen wünsche, sollte sich an den zu Recht gepriesenen amerikanischen Pay-TV-Serien wie The Wire, Breaking Bad oder Dexter orientieren, was in ökonomischer Hinsicht bedeutet, dass für Qualität gegebenenfalls bezahlt werden müsste. Marktstrategisch brächte dies die einmalige Chance, den Druck der Quote irgendwo liegen zu lassen und so von Sujet, Approach und Erzählweise her zuerst ein Vordringen in Bereiche des Nichtblöden zu ermöglichen. Insgesamt handelte es sich um ein Fernsehen, das, wie Teile des Kinos oder inzwischen sogar der Popmusik, von Erwachsenen für Erwachsene gemacht würde. 2012, sei doch bitte so nett! Es wäre ein kleiner Schritt für das Medium, aber ein großer für die Menschheit. Thomas Groß

Keine Styropor-Romane

Wir wollen weniger episches Styropor, aus dem die meisten Romane zu neunzig Prozent bestehen. Weniger staubige Fiktionsbeglaubigungsdetails. Diese ganze überflüssige Wirklichkeitsdeko, das Ausstattungshafte, diese Kulissenschieberei, die den Protagonisten auf Schritt und Tritt begleiten, als wäre der Erzähler eine Überwachungskamera, die einfach alles aufzeichnet, was ihr vor die Linse kommt. Diese Romane, bei denen wir genau erfahren, wie der Protagonist den Knopf des Aufzugs drückt, wie sich die Türen lautlos öffnen, wie er dann in den 5. Stock fährt, wobei das schummerige Licht und die Fahrstuhlmusik selbstverständlich nicht unerwähnt bleiben und auch der sorgenvolle Gesichtsausdruck des Helden noch ein besorgtes Adjektiv abbekommt. Das braucht es alles nicht, weg mit den überflüssigen Narrationskilos, weg mit dem Erzählspeck. Die Literatur achte auf ihren Body-Mass-Index. Wir wollen schlanke, sehnige Romane, durchtrainierte Gedanken, verdichtete Metaphern, harte Schnitte. Ijoma Mangold

Die "Pioneer 10" passiert den Jupiter – zumindest in dieser künstlerischen Darstellung. Die letzten Daten der 1972 gestarteten Weltraumsonde empfing die NASA am 31. März 1997 in Mountain View, Kalifornien.

Die "Pioneer 10" passiert den Jupiter – zumindest in dieser künstlerischen Darstellung. Die letzten Daten der 1972 gestarteten Weltraumsonde empfing die NASA am 31. März 1997 in Mountain View, Kalifornien.

»Pioneer 10« kehrt zurück

Eine Zeitungsmeldung, die ich mir für 2012 wünsche: Die Weltraumsonde Pioneer 10 , die von den Amerikanern im Jahr 1972 Richtung Jupiter losgeschickt worden ist, kehrt nach vierzig Jahren völlig unerwartet und wundersam zur Erde zurück. Pioneer 10 ist unter all den von Menschen erbauten Flugobjekten dasjenige, das sich am weitesten von der Erde entfernt hat. Es trägt für den Fall, dass es auf seiner Reise mit Außerirdischen in Kontakt kommt, eine goldene Plakette mit sich, auf der die Zeichnung zweier nackter Menschen, eines Mannes und einer Frau, zu sehen ist – so wissen die Außerirdischen, mit wem sie es zu tun haben. Pioneer 10 hat längst den Kontakt zu ihren Erfindern verloren und schwebt immer weiter hinaus ins All, und das Wunder, dass ich mir wünsche, besteht darin, dass die Sonde eines Nachts plötzlich wieder da sein und im Wüstensand Arizonas weich landen möge. Und bei der Bergung des Flugkörpers sollen die Forscher der Nasa entdecken, dass die an Bord befindliche Menschenskizze im Verlauf der Reise von einer höheren Intelligenz mit zarten grafischen Korrekturen und lobenden Kommentaren (in bestem Englisch) versehen worden ist. Als wollten die Außerirdischen sagen: Gar nicht schlecht. Weiter so!

Ein Requisit, das ich mir wegwünsche, und zwar aus den Theatern, ist der Apfel: Wenn nämlich auf einer deutschen Bühne ein Bösewicht kurz davor steht, auf schmutzigen Wegen an die Macht zu kommen, kann damit gerechnet werden, dass der Mann voller Vorfreude auf all das Gemeine, das er nun unbehelligt tun kann, sich einen Apfel schnappt und öffentlich hineinbeißt. Der krachende Apfel, zermahlen vom Pferdegebiss der Macht, ist das robusteste Klischee des deutschen Theaters. Lasst den Apfel in Frieden! Lasst ihn faulen, inhaliert seinen Duft, wie Schiller es tat. Zeigt uns stattdessen die Schlange selbst, die hinter allem Bösen steckt. Und wenn es schon sein muss: Beißt ihr den Kopf ab! Peter Kümmel

Es lebe der Kranich

Ein Kranich, wie die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA vermeldete, sei dreimal um eine Statue von Kim Jong Ils Vater Kim Il Sung geflogen und habe, da nun beide für immer ruhen, schließlich eine »eindeutige Trauerhaltung« eingenommen. Solche Meldungen wollen wir im neuen Jahr öfter lesen, aber bitte nicht mehr nur von der notorisch unzuverlässigen Propagandapresse Nordkoreas (wer weiß, ob nicht in Wahrheit eine Taube kreiste oder ein Schmetterling). Auch der Kapitalismus hat Tiere, die etwas zu sagen haben. Man muss nur zuhören und überhaupt öfter mit Neugierde in den Himmel blicken. Worauf man im neuen Jahr wiederum ab und an gut verzichten könnte: das Reden über das Burn-out, über Geschlechterrollen, das Klagen über den Kapitalismus. Zumindest ein Tag in der Woche ohne Kapitalismuskritik, bitte! Wir leben ja nicht in Nordkorea. Noch nicht. Das Jahr 2011 war das Jahr des Burn-outs, das Jahr 2012 aber sollte das Jahr des Kranichs werden. Adam Soboczynski

Loriots Lebensweisheiten als Pflichtfach: "Bitte sagen Sie jetzt nichts." Vicco von Bülow bei der Verleihung des Lola-Filmpreises im April 2009.

Loriots Lebensweisheiten als Pflichtfach: "Bitte sagen Sie jetzt nichts." Vicco von Bülow bei der Verleihung des Lola-Filmpreises im April 2009.

Loriot als Pflichtfach

Her mit der Lehre Loriots als Pflichtfach an alle Grund-, Haupt- und Realschulen, an Gymnasien und Gesamtschulen. Lebenskunde mit Dr. Klöbner, Hoppenstedts, Hildegard und den Möpsen – für Schüler, Eltern, Lehrer und Hausmeister. Weg mit dem Gefällt-mir-Button als Illustration bei Internetthemen aller Art in Presse, Funk und Fernsehen. Und wo wir gerade dabei sind: Weg mit der Facebookisierung der Alltagssprache. Sofort ausloggen, wenn alle »I like!« kreischen (Loriot, 1. Buch, 1. Kapitel, Satz 1: »Bitte sagen Sie jetzt nichts.«).Nina Pauer

Wer braucht Ohrwürmer?

Der klassische Konzert- und Opernbetrieb, ohnehin krankend an der Verengung des musikalischen Erbes auf einige wenige Namen – immer Johann Sebastian Bach, kaum jemals seine Söhne! –, hat darüber hinaus die ungesunde Neigung, auch noch das Werk der verbliebenen Komponisten zu reduzieren. Dass Mozart 25 Klavierkonzerte schrieb, lässt sich nur mehr Büchern und Schallplatten entnehmen, der Konzertsaal kennt allein vier oder fünf davon. Wir fordern, das unvermeidliche d-Moll KV 466 endlich einmal durch das mindestens ebenso düstere C-moll KV 493 zu ersetzen, das serene C-Dur KV 467 durch die mindestens ebenso heiter plaudernden Konzerte B-Dur KV 450 oder Es-Dur KV 449 – nur als Anfang einer Lockerung des eisernen Fantasieverbotes, das sich die Konzertagenten für ihre Programme offenbar auferlegt haben. In einem zweiten, zugegebenermaßen härteren Schritt könnte man sich überlegen, Mendelssohns obligatorisches e-Moll-Violinkonzert durch das in d-Moll zu ersetzen – ganz zu schweigen von Tschaikowskys Streichquartetten, die durchaus an die Stelle der Nussknackersuite treten könnten. Weg mit den Ohrwürmern – her mit der Abwechslung! Man muss klassische Musik nicht nach dem Muster der Popcharts betreiben. Jens Jessen

Mehr Wut

Verzichtbar ist das Berlinbild, an das man außerhalb der Hauptstadt glaubt. Eine Handvoll gut vernetzter Medienfuzzis und Kreativer redet dem Rest der Welt ein, janz Berlin sei eine Wolke und irre offen. In ihre kollektiv autistische Perspektive, die noch schärfer begrenzt ist als die Dörfer, aus denen diese Stadt besteht, gerät keiner der Zehntausende, die sich am Existenzrand durchschlagen. Schon gar nicht die Putzfrauen aus Polen, die trotz kaputter S-Bahnen pünktlich zur Reinigung der akademischen Parkettböden antreten.

Gewünscht: Nachdem 2010 der Begriff »Wutbürger« zum Wort statt zum Unwort des Jahres ernannt worden war, wurden Demonstranten über 35 zum publizistischen Abschuss freigegeben wie Problembären. Den idealen Revolutionär wünscht man sich hierzulande jung, arm, gewaltbereit und im Ausland. Wenn aber der akademische Nachbar demonstrieren geht, wird er verdächtigt, auf der Straße nur den eigenen Wohlstand zu verteidigen. Sonst müsste man sich nämlich ein Beispiel an ihm nehmen. Wäre schön, wenn genau Letzteres geschähe. Volker Hagedorn

Sofas nein, Müller ja

Weg, bitte, mit dem Sofa (gleich welcher Farbe) als Literatur-Gesprächsmöbel. Insbesondere im Sinne des Naturschutzes: bloß keine blauen Sofas mehr in der freien Wildbahn (gilt vor allem für die Spedition Herles). Die spannendsten literarischen Gespräche im Fernsehen gehören, das lernen wir mit Ina Müller in der Nacht, sowieso an die Bar. Überhaupt und a propos Ina Müller: Ist nicht das berühmteste Telesofa der Republik gerade vakant? Sie ahnen, was jetzt kommt, wetten, dass? Also: Müller hin auf die Gottschalk-Couch!

PS: Weg, bloß weg, mit Wetten, dass...?-Wortspielen. Moritz Müller-Wirth

Unselds Weine

Was dringend her muss, sind Unselds Weinbestellungen. Siegfried Unseld, der leider nicht mehr lebt, war der größte Verleger unserer Breiten, so wie Goethe, der leider nicht mehr lebt, der größte Dichter unserer Breiten war. Unseld hat Goethe geliebt, und Goethe hätte Unseld geliebt, wäre dieser sein Verleger gewesen. Und so, wie vor Jahren ein Bändchen mit den Weinbestellungen Goethes eine empfindliche Lücke gefüllt hat, so könnte ein Band mit den Weinbestellungen Siegfried Unselds endlich Aufschluss darüber geben, ob Unseld, der gerne aus güldenem Becher trank, auch hier mit Goethe gleichgezogen hat. Es ist ja, nachdem wir von Unseld alles haben, seine Briefe, Tagebücher und nachgelassenen Schriften, die letzte Lücke, eine empfindliche naturgemäß. Was dringend weg muss, sind die elenden Versuche, Romane der Weltliteratur auf die Theaterbühnen zu bringen, als ob Goethe nicht Manns genug gewesen wäre, aus den Wahlverwandtschaften ein Schauspiel zu machen, wenn er es denn gewollt hätte. Keine Romane mehr auf die Bühne! Es sei denn, man spielte Unselds Weinbestellungen, das wäre natürlich was ganz anderes. Ulrich Greiner

Mehr Neurosen bitte! So, wie der dänische Regisseur Lars von Trier es in seinem Film "Melancholia" 2011 gezeigt hat.

Mehr Neurosen bitte! So, wie der dänische Regisseur Lars von Trier es in seinem Film "Melancholia" 2011 gezeigt hat.

Triers Gelächter

Mit seinem Film Melancholia hat Lars von Trier im zu Ende gehenden Jahr triumphal bewiesen, dass man mit abgefahrenem Autorenkino und der Aufarbeitung einer neurotischen Depression ein Publikum erreichen kann. Nun muss er einen therapeutischen Schritt weiter gehen! Nachdem er moralische Parabeln, pornografische Gleichnisse, ein Todesstrafendrama, einen Horrorfilm und eine Apokalypsen-Fantasie gedreht hat, ist nun endlich mal was Lustiges dran. Zum Beispiel eine rasante Slapstick-Komödie mit all den Schauspielerinnen, denen er einiges zugemutet hat: Lars von Triers The Women, starring Emily Watson, Björk, Nicole Kidman, Charlotte Gainsbourg und Kirsten Dunst. Kein Zweifel, eine dänische Depression ist auf der Leinwand ungleich unterhaltsamer als eine deutsche Regression. Also weg mit den Klamauk-Klamotten, die international kein Schwein interessieren. Keine Typen mehr auf der Leinwand, die sich als Hitler oder als Frau verkleiden. Keine Männer, die mal so richtig Mann sein wollen, und keine Frauen, die zum inneren Weibchen finden. Weg mit der Verklemmtheit! Und her mit den Neurosen, die darunter liegen! Katja Nicodemus

Schlümpfe, trollt euch!

Kinderfilmregisseure interessieren sich oft nur für sich selbst, für jene ideologische Welt der Erwachsenen, in die sie die Kinder möglichst schnell eingliedern wollen. Das beste Beispiel: Die Schlümpfe . Eigentlich sind das alberne Wesen, die glücklich in den Tag leben, »jeder nach seinen Fähigkeiten«, wie es, einerlei, Marx oder ein Markt-Liberaler sagen würde. In der neuen Kinoverfilmung werden sie nun aus ihrem präideologischen Paradies vertrieben und geraten nach New York, als Erfüllungsgehilfen eines kruden Konsumkapitalismus: Dort gelingt einem Werber dank ihnen ein Marketing-Coup, der sich sogleich für sein Familienglück auszahlt (und sicherlich auch für eine jener neuen Spielekonsolen, in die er seine Freizeit investiert). Als Antidot brauchen wir deshalb mehr Filme wie Hayao Miyazkis Ponyo . Der kennt kein System, sondern nur die alten Schicksalsmächte: Liebe, jenseits von Berechnung, und Habsucht, die zerstört. Maximilian Probst

Keinen Mädchenmist

Zu den großen Furchtbarkeiten unserer Zeit gehört die fortschreitende Infantilisierung aller Lebensbereiche. Als besonders schlimm erweist sich dabei schon seit einigen Jahren der inflationäre Gebrauch des Wortes »Mädchen« in Kombinationen womit auch immer: Restaurants, in denen keineswegs Halbwüchsige speisen, nennen sich »Mädchenitaliener« oder »Mädchen ohne Abitur«, im »Mädchenladen« machen Designerinnen Mode für gestandene Frauen im vierten und fünften Lebensjahrzehnt, die womöglich beim Shoppen dort allenfalls ihre zwei Mädchen bändigen. Überhaupt ist das Mädchenhafte immer stärker zum kulturellen Leitbild geworden: Auch wir bald vierzigjährigen Boys sollen androgyn sein und unsere Anzüge möglichst boyish aussehen. Insofern: Macht endlich Schluss mit der Weiblichkeitsverniedlichung – her mit den Frauen!

Und wenn wir gerade beim Abräumen sind, sollten wir auch endlich mit jenen Unterüberschriften über unseren Texten aufhören, die Ihnen, liebe Leser, beispielsweise erklären wollen, »warum wir solche Meinungen haben und weshalb wir dennoch ganz nett sind«. Dieses Sesamstraßen-Niveau »wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt, bleibt dumm!« werden wir im kommenden Jahr hoffentlich ab und zu überschreiten. Alexander Cammann

Diese silberne Schraube

Es ist ja so, das meiste kann weg, bis auf die wenigen Dinge, die gerade irgendwo in all dem Überflüssigen unauffindbar versteckt sind, die winzige silberne Schraube zum Beispiel, die der Ohrring bräuchte, um zu halten, Yasmina Rezas Le dieu du carnage als rotes Reclam-Heftchen mit den Notizen am Rand oder die Live-Aufnahme von Olga Scheps’ Ruhr-Konzert, die wohl in einer der zahlreichen anderen CD-Hüllen gelandet sein muss, und wenn man Zeit zum Suchen hätte, fände man sie. Dann könnte fast der ganze Rest weg. Wenn man Zeit zum Suchen hätte, hätte man auch Zeit zum Baumkuchenbacken. Weg könnten dann die augenblicks selbst backenden Fertigkuchenpackungen, und her müsste nur noch ein wenig Quittengelee, durch Erhitzen wieder flüssig gemacht, zum endlichen Bepinseln der allerobersten Schicht. Her müsste dafür natürlich zuerst etwas Geduld, um die luftige Baumkuchenteigmasse Minute für Minute, Millimeter für Millimeter mit dem Pinsel aufzutragen, die Form immer raus aus dem Backofen, wieder rein in den Backofen, unmöglich, nebenbei Mails zu checken, unmöglich auch das Momentchen, mal kurz ans Telefon zu gehen, ungeteilte Aufmerksamkeit also, her damit. Dann noch her mit ein wenig Zartbitterschokolade (weg mit dem Kuvertüre-Klumpen), die würde man geschmolzen auf die endlich fertigen Baumkuchenwürfel tropfen, inzwischen wäre der eine oder andere Mensch zum Zusehen, zum Erzählen, zum Probieren in die Küche gekommen und wäre wieder gegangen, dann wäre das neue Jahr auch beinahe schon da, und irgendwo in allem, was weg kann, ruhte wohl, bis auf Weiteres, diese winzige silberne Schraube. Elisabeth von Thadden

 
Leser-Kommentare
    • Morbox
    • 30.12.2011 um 9:04 Uhr

    Ich persönlich hielt Melancholia ja für grandios überbewertet. Ein Film besteht schließlich nicht nur aus Mise en scène und Schauspielerei. Ja, hatte gute Seiten und die Stimmung war...speziell. Aber naja. Jedenfalls finde ich die präsentierte Idee extrem gut: Warum die Kömödie immer nur denen überlassen, die denken, dass sie sich damit auskennen? Vielleicht könnte von Trier mit einer dieser Personen kooperieren? Aus der Depression und der Manie, aus der Tiefe und der Plattheit könnte so eine wirklich interessante Mischung entstehen. Schließlich ist Rekombination das wichtigste Werkzeug der Kunst.

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    Überbewertet? Dazu kann ich nur sagen, dass sie sich wahrscheinlich nicht ausreichend damit beschäftigt haben?! Nicht nur die Opernadaption ist großartig, sonder auch sämtliche biblische, gesellschaftliche und psychologische Aspekte. Man sollte nicht den Fehler machen diesen Film zu unterschätzen, da er so viel Konsistenz besitzt, wie ich es selten gesehen habe und wahrscheinlich auch lange nicht mehr sehen werde. Natürlich ist alles eine Geschmacksfrage, nur das Argument, dass außer Montage und Schauspielerei nichts weiter gezeigt wird (so habe ich es verstanden), kann ich nicht unkommentiert gelten lassen.

    Überbewertet? Dazu kann ich nur sagen, dass sie sich wahrscheinlich nicht ausreichend damit beschäftigt haben?! Nicht nur die Opernadaption ist großartig, sonder auch sämtliche biblische, gesellschaftliche und psychologische Aspekte. Man sollte nicht den Fehler machen diesen Film zu unterschätzen, da er so viel Konsistenz besitzt, wie ich es selten gesehen habe und wahrscheinlich auch lange nicht mehr sehen werde. Natürlich ist alles eine Geschmacksfrage, nur das Argument, dass außer Montage und Schauspielerei nichts weiter gezeigt wird (so habe ich es verstanden), kann ich nicht unkommentiert gelten lassen.

  1. Überbewertet? Dazu kann ich nur sagen, dass sie sich wahrscheinlich nicht ausreichend damit beschäftigt haben?! Nicht nur die Opernadaption ist großartig, sonder auch sämtliche biblische, gesellschaftliche und psychologische Aspekte. Man sollte nicht den Fehler machen diesen Film zu unterschätzen, da er so viel Konsistenz besitzt, wie ich es selten gesehen habe und wahrscheinlich auch lange nicht mehr sehen werde. Natürlich ist alles eine Geschmacksfrage, nur das Argument, dass außer Montage und Schauspielerei nichts weiter gezeigt wird (so habe ich es verstanden), kann ich nicht unkommentiert gelten lassen.

  2. 3. Oh je

    Wir fordern, das unvermeidliche d-Moll KV 466 endlich einmal durch das mindestens ebenso düstere C-moll KV 493 zu ersetzen, das serene C-Dur KV 467 durch die mindestens ebenso heiter plaudernden Konzerte B-Dur KV 450 oder Es-Dur KV 449 ..

    Merkt man eigentlich, wenn man sich schreibenderweise total verläuft?

  3. - Weniger Nullnachrichten aus Politikerbetroffenheitsgeschwätz. "Angela Merkel verurteilt den Terroranschlag", ist keine Schlagzeile. Das Gegenteil war eine: "..freue mich über den Tod von.."

    - Behauptungen von Politikern müssen in der dritten Person *immer* in den Konjunktiv gesetzt werden, [...] (Bei Politikern, die die Zeit nicht mag, funktioniert das schon ganz gut.)
    Im übrigen sind von Pressesprechern gefilterte Politikerworte fast immer irrelevant, da auf ihre Wählerwirkung hin optimiert. Beleuchtet, wann immer möglich, Taten, nicht Worte!

    - Weniger Politikerportraits als Illustration. Jeder weiß, wie unsere wichtigsten Politiker aussehen. Es braucht nicht das hunderttausendste Merkelbild. Es scheint ja eine ganze Politikerphotographierindustrie geben, um allein den Bedarf der Zeit zu decken.

    - Arbeitet gegen die Modethemenflut. Manchmal scheint ihr nach der Maxime zu arbeiten: "Es wurde alles gesagt, aber noch nicht von jedem." Dann gibt es wochenlang Hauptartikel zum selben Thema, die sich inhaltlich kaum unterscheiden. Extrem war das jüngst zum Thema Wulff zu beobachten.

    - Fordert von euren Autoren die gleiche Sachlichkeit und die gleichen "vertrauenswürdigen Quellen" wie von euren Kommentatoren. Tut ihr das nicht, dann seid wenigstens duldsamer mit den Kommentaren zu den entsprechenden Artikeln.

    - Und natürlich: Hört auf, Maßregelungen von Kommentatoren mit einem "Danke" abzuschließen. Das ist nicht höflich, sondern unverschämt.

    Bitte formulieren Sie Kritik ohne pauschale Herabwürdigungen. Ohne Danke, die Redaktion/fk.

  4. doch die schreiber sind

  5. So recht Sie mit ihrer Fernsehschelte auch haben, DEXTER hat auf einer Liste neben THE WIRE und BREAKING BAD aber so gar nichts verloren - dramaturgisch liegen dazwischen Welten, und wenn Michael C. Hall noch so brillant dagegen anspielt. Außerdem ist bei dem Amerikanern nicht alles Gold, was glänzt. Bekommt TREME eine vierte Staffel, auch wenn es nicht so viele gucken wie das ebenfalls fantastische GAME OF THRONES? Bleibt THE WALKING DEAD auf dem mühsam erreichten Niveau, nachdem Frank Darabont des Produktionsbudgets wegen von AMC gefeuert wurde?

    Und warum immer nur Amerika? In England wird mit wenig Geld (hallo ARD und ZDF!!!!) vorgeführt, wie es auch geht: kurze Staffeln, BLACK MIRROR oder LIFE'S TOO SHORT allein dieses Jahr. Aber Experimente bei uns? Schon am ehesten auf dem KiKa mit ALLEIN GEGEN DIE ZEIT - da ist deutlich mehr los als beim TATORT, und dafür zu Recht mit der ersten Staffel für einen Emmy nominiert gewesen.

    Deutsches Fernsehen ver- und behindert Kreativität - bitte mal Hintergrundberichte dazu in 2012, uns nicht nur mosern ;-)

    • Wisien
    • 02.01.2012 um 9:14 Uhr

    »Denk positiv!« ist nichts anderes als eine Worthülse. Im Pessimismus à la Schopenhauer Trost zu suchen, wäre aber gleichfalls verhängnisvoll. Sich durch das Missgeschick anderer Menschen sowie das Wiederholen von Leerformeln, wie z.B. »Es könnte schlimmer sein« erheitern zu lassen, zeugt davon, dass man den Sinn des Lebens überhaupt nicht begriffen hat. Was der Mensch wirklich braucht, ist eine Rückbesinnung auf die tradierten christlichen Werte, auf denen Deutschland zu Adenauers Zeiten aufzubauen wissen mochte.

    Beschäftigung mit anderen erheitert. Beschäftigung mit sich selbst verstimmt. Daher die Schwermut verschlossener Menschen.

    Joseph Joubert

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