Bücherjahr 2011Liebe und Trost

Die philosophischen Bücher waren die krisenfesteste Ware des Jahres. von Alexander Cammann

Ewige Fragen stellte sich mancher auch im stürmischen Jahr 2011 und suchte seine Antworten wie eh und je in Büchern, die sich einmal mehr als äußerst krisenfeste Ware erwiesen. Warum Liebe wehtut wollten überraschend viele Leser von der israelischen Soziologin Eva Illouz wissen, deren in knallige Magentafarben gehülltes Buch die ziemlich hoffnungslosen emotionalen Tücken unserer Liebesverhältnisse in der konkurrenzgeprägten, permanent auf Optimierbarkeit hin getrimmten kapitalistischen Moderne sezierte. Trost konnte man stattdessen finden, wenn man unsere Verhältnisse spielerischer anging: Der Kunsthistoriker Andreas Tönnesmann hat die architektur- und kulturgeschichtlichen Hintergründe des urkapitalistischen Brettspiels Monopoly aufgedeckt. Regeln, Normen und Werte werden, anders als in der Realität, zumindest am Wohnzimmertisch befolgt – und was sagt die Philosophie heute dazu? Martin Seel hat in 111 Tugenden, 111 Laster einen Reigen von Mini-Essays präsentiert, die zusammengenommen eine – zudem stilistisch brillante – hochaktuelle Tugendlehre ergeben, gehaltvoll, aber ohne akademische Schwerfälligkeit. Überhaupt fiel stilistische Kunstfertigkeit bei unseren Philosophen auf: Der eigentlich sehr anspruchsvollen Frage nach dem Wesen der Natur widmete sich Michael Hampe in Tunguska oder Das Ende der Natur, indem er sich originellerweise ein imaginäres Gespräch von vier Gelehrten darüber ausdachte, ein ganzes Buch lang. Für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse, der im März wieder vergeben wird, ist also reichlich Auswahl vorhanden, auch wenn es – anders als 2010 mit Henning Ritters hinreißenden Notizheften – diesmal nicht das Sachbuch des Jahres gibt.

Intellektueller Knabberstoff wurde reichlich geboten: Die Leser konnten sich durch Axel Honneths Hauptwerk Das Recht der Freiheit ackern oder sich mit Jürgen Habermas’ Zur Verfassung Europas über die demokratischen Legitimitätsprobleme unseres Kontinents aufregen. Es war also ein reichhaltiges Sachbuchjahr – und gerade weil die großen, alles platt wälzenden Aufregerbücher wie 2010 Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab oder die Studie Das Amt über die NS-Belastung des Auswärtigen Amtes diesmal fehlten, konnten ganz unterschiedliche Stoffe erblühen.

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Und was kommt 2012? Theoriefreunde dürfen auf den Lebensrückblick des Philosophen Robert Spaemann gespannt sein, den dieser in einem großen Gespräch versucht. Oder sie überprüfen, was Herbert Schädelbach von all den vielen philosophischen Erkenntnissen heute für absolut wahr und nicht mehr bezweifelbar hält. Aus Amerika rollt im Sommer Ronald Dworkins 800-Seiten-Wälzer Gerechtigkeit für Igel heran, in dem der Philosoph die moralischen Einstellungen der Menschen untersucht, die Grundlage unserer Werte und unseres Handelns sind. Und im Herbst dann wird in Frankfurt erstmals der Deutsche Sachbuchpreis vergeben, der analog zum Deutschen Buchpreis jeweils das beste deutsche Sachbuch des Jahres küren soll: Man darf gespannt sein, ob und wie Popularität und Intellektualität dabei austariert werden und welche Kraft der Preis auf dem Buchmarkt entfalten kann.

Langweilig wird das kommende Lesejahr nicht – und wer dennoch nicht fündig wird, der greife zu einem der geistvollsten Bücher des Jahres: Sibylle Lewitscharoffs Roman Blumenberg, der eigentlich weniger vom Philosophen Hans Blumenberg handelt, sondern vielmehr eine Meditation über die menschliche Vergänglichkeit und den verführerischen Eros des Denkens ist, der verdammt gefährlich werden kann. Aber Bangemachen gilt nicht: Geben wir uns dieser Verführung dennoch so oft wie möglich hin.

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