Sachbücher 2011Grausamkeit und Kälte

Die Sachbücher des Jahres sind widerständige Kiesel im reißenden Strom.

Liao Yiwu in Berlin

Liao Yiwu in Berlin

Es war das Jahr, in dem Liao Yiwus überwältigendes Buch Für ein Lied und hundert Lieder erschien. Ein Dichter erzählt aus dem Gefängnis in China, Liao Yiwu führt in eine Welt von Härte, Grausamkeit, Kälte, es ist ein Werk von 600 Seiten mit dem Gewicht eines Klassikers. Lesen als Schockerlebnis! Dieses Buch erinnert an Gesänge vom Meer des Todes des jüdischen Dichters Abraham Sutzkever, der aus dem Wilnaer Ghetto erzählt, es verändert die geistige Landkarte so, wie Solschenizyn es mit dem Archipel Gulag tat. Liao Yiwu ist aus dem Verlies seiner Haft in die heimatlose Weite des Exilanten entlassen worden. Nun wohnhaft in Berlin. Gestern in München mit dem Geschwister-Scholl-Preis geehrt, heute zu Gast in Australien. So bodenlos also lebt es sich in einer Welt, in der ein Kontinent in der politischen Zeitrechnung einige Hundert Jahre hinter der Moderne herdriftet und niemand weiß, ob China je zur Ära der Menschenrechte aufschließen wird. Obwohl es doch vom abgewirtschafteten Europa sehnlichst als Heilsgestalt erwartet wird, jedenfalls als solventer Retter unseres gepumpten Wohlstands.

Bücher liegen in dieser aufgeregt strudelnden Welt wie widerständige Kiesel, man kann sie aufnehmen und spürt das Beharrungsvermögen des Wichtigen. Der in London gebürtige Philosoph Kwame Anthony Appiah hat Eine Frage der Ehre aufgeworfen , Untertitel: Wie es zu moralischen Revolutionen kommt, eine anregende Lektüre für alle, die sich den Arabischen Frühling erklären möchten oder das haltlose Gebaren von Politikern.

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Dass auf den Philippinen gerade 1.000 Menschen von Wassermassen hinweggespült wurden, mag im Tumult von Euro-Abstürzen und dubiosen Krediten untergehen, aber dann findet man Bücher wie das von Michael Hampe, Professor der Philosophie an der ETH Zürich, der unser Verhältnis zur Natur erforscht, in einem mäandernden, vollkommen unterhaltsamen, tief gründelnden Gespräch zwischen einem Biologen, einem Mathematiker, einem Philosophen und einem Physiker: Tunguska oder das Ende der Natur . Joachim Radkau, Professor der Geschichte in Bielefeld, durchforstet in Die Ära der Ökologie mit der Ruhe des Wissenschaftlers die Ideengeschichte des Naturschutzes, hier ist kein Copy-and-paste-Gehaste oder kopfloses Zusammengestoppel, sondern sorgfältiges Nachdenken über Spinozas Naturkult, Queen Victorias Liebe zu den Vögeln, den Environmentalismus der amerikanischen Ostküste oder den Fischschutz vor den griechischen Inseln und wie das wohl alles zusammengehört.

Im Bücherjahr 2011 gab es einen Überraschungsgast: Alice Schwarzer, Erfolgsautorin mit ihrer Autobiografie Lebenslauf , die gut gelaunt 60 Jahre Bundesrepublik durchkurvt, sich selbst im Fokus und die Frage der Frauen. Gerade hat Alice Schwarzer mit prominenten Mitkämpferinnen eine Berliner Erklärung abgegeben, die für Frauen 30 Prozent der Macht in deutschen Führungsetagen verlangt, so ewig gestrig also ist der Feminismus nicht, wie oft sehnsüchtig behauptet wird. Wenn das kein frischer Ausblick ist.

 
Leserkommentare
  1. und die guten Lesetips. Das Buch von Liao Yiwu habe ich - mit regelmäßigen Erholungspausen- durchgelesen. Was nützt es, die Realität dieser Welt zu verdrängen? Wenn einer so etwas durchleben mußte, sollten die anderen wenigstens noch so viel Mitgefühl aufbringen, daß sie sein großartiges, wenn auch erschreckendes Schriftwerk darüber zur Kenntnis nehmen und gründlich reflektieren. Wenn die Menschheit sich schon gegenüber dem Rest der Welt egoistisch wie nur irgend möglich und gleichzeitig achtungslos ausbeuterisch bis zum Geht-nicht-mehr abgegrenzt hat, so sollte sie jetzt nicht auch noch die artenspezifische Solidarität gänzlich fahren lassen und lieber von einer Plattform der gegenseitigen Anteilsnahme aus sich aus dieser ihrer homozentrierten Stellungnahme in der Welt endlich wieder zurückziehen und dem Rest der Welt wenigstens genauso viel Achtung entgegenbringen, wie der eigenen Art! das wünsche ich mir
    zum neuen Jahr!Prost allerseits!Prost Liao!

    • Mars7
    • 01.01.2012 um 5:12 Uhr

    Ich habe auf einer chinesischen Webseite(german.tibet.cn)ein Artikel mit dem Namen "Das Leben der tibetischen Bevölkerung setzt auf Entwicklung" gelesen. Ist es wirklich so?
    Im Jahr von 2006 bis 2010 während des 11. Fünf-Jahres-Plans hat die chinesische Regierung 137,8 Milliarden Yuan in Tibet investiert, um den Aufbau zu unterstützen. Die Investition von 2011 bis 2015 beträgt 330 Milliarden Yuan, im Vergleich zu 11. Fünf-Jahres-Plan sei diese Summe sich schon verdoppelt. Im Jahr 2011 beträgt die Gesamtsumme von Bruttoinlandsprodukt und Bruttosozialprodukt 60,5 Milliarden Yuan RMB, d.h. ein 12,6% Zustieg gegenüber dem im Vorjahr; das verfügbares Einkommen der Stadtbewohner werde 16.148 Yuan betragen, im Vergleich zu 2010 ist sich um 7,8% gestiegen. Wir legen auch großen Wert auf Hirten, die Lebensbedingungen in Tibet haben. In diesem Jahr belaufen sich die Pro-Kopf-Einkommen der Hirten 4700 Yuan, erhöhte sich um 13,6%, dies hat ein zweistelliges Wachstum verzeichnet.
    Vorkurzem habe die chinesische Zentralregierung die Armutsgrenze von 1196 Yuan RMB bis zu 2300 Yuan RMB erhöht, obwohl dies die Armutsbekämpfung unbedingt beschwert werde. Der neue Standard entspreche einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von 1 US$ (pro Tag), und sei höher als den geltenden internationalen Standard.

    • Mars7
    • 01.01.2012 um 5:13 Uhr

    Das Pro-Kopf-Nettoeinkommen der tibetischen Bauern und Nomaden betrage 4.700 Yuan RMB, das weiter höher als die nationale Armutsgrenze sei.
    Das Bildungs- und Gesundheitswesen Tibets haben auch schnelle Entwicklungen erlebt. Im Jahr 1951, also gerade nach der friedlichen Befreiung Tibets lag die durchschnittliche Lebenserwartung der tibetischen Bevölkerung bei 35,5 Jahren. Heute kann sie mit 69 Jahren rechnen. Und die Gesamtbevölkerungszahl habe sich von einem Million bis zu drei Millionen verdreifacht.
    Zhu sagt, die Zunahme der Bevölkerung liege nicht im Anstieg der Zahl von Han-Chinesen in Tibet. Nach der jüngsten Volkszählung 2010 betrage die Tibeter mehr als 92% der Gesamtbevölkerung in Tibet.

  2. "So bodenlos also lebt es sich in einer Welt, in der ein Kontinent in der politischen Zeitrechnung einige Hundert Jahre hinter der Moderne herdriftet"

    Wo bitte ist die Moderne? In Europa mit Bulgarien, Rumänien, Moldawien, dem erst kürzlich beendeten Schlachten in Bosnien? Oder in den USA? Mitnichten, wenn man die Bilder und Nachrichten von Guantanamo sieht und hört! Ach, nur Randerscheinungen mit denen Artikelschreiber und Kommentatoren nichts gemein haben. Und woher wissen die dann, wie es sich mainstream-gerecht in China lebt. China-Bashing at its best!

  3. Sie waren nicht gemeint, mars7, Sie setzen auf detailgenauere Auskünfte, die dann in die Relation zu setzen sind. Das wünscht man sich auch von Schreiberlingen wie Frau Mayer, die vielleicht grad mal ein Buch über China in die Hand bekommen haben. Von den wirklichen Schätzen der chinesischen Literatur hat sie keine Ahnung, wie schade...

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