Bücherjahr 2011Furcht und Leere

Die Romane des Jahres 2011 kommen uns merkwürdig bekannt vor. von 

Das Jahr vorbei. Jorge Semprún tot. Agota Kristof tot. Christa Wolf tot. Die neuen Bücher des neuen Jahres sind schon da, stapeln sich vor den Fenstern und versperren die Sicht auf die verregnete Stadt, auf das vergangene Jahr. Ein Roman von Rainald Goetz. Das Lebensbuch von Péter Nádas. Große Ereignisse, die Bugwellen vor sich hertreiben.

Und was war gestern? Haben wir etwas gelesen, das wir noch nie gelesen haben? Etwas gedacht, das wir noch nie gedacht haben?

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Zum zweiten Mal eroberte Charlotte Roche mit ihren intimen Bekenntnissen die Lesermassen, die sie zu Voyeuren macht. Ihr ganzes Leid, ihre ganze Trauer, ihren großen sexuellen Ehrgeiz, ihre Mutternöte, ihre Madenwürmer, ihre sympathische Empörung, ihren nervigen Perfektionismus – das alles warf sie uns noch einmal vor die Füße. Als könnte sie ihre inneren Gespenster, in dem sie sie öffentlich macht, loswerden. Als könnte sie ihr Herz oder welches Körperteil auch immer, indem sie es so weit wie möglich aufreißt, erleichtern. Ein Verfahren, das seinen therapeutischen Zweck in der Literatur noch weniger erfüllt als in der Seelensprechstunde, aber viele Schaulustige an diese Unfallstelle zog.

Einen ebenfalls sehr stabilen Nischenplatz auf den Bestsellerlisten hatte das ganze Jahr über ein Buch, das eigentlich das genaue Gegenteil zu Roches rückhaltloser Selbsterkundungs- und Bekenntnisliteratur, aber auf seine Weise ebenfalls ein Déjà-vu aus den siebziger Jahren ist: Umberto Ecos große Bibliotheksfantasie Der Friedhof von Prag . Ein labyrinthisches Buch, in dem sich alles darum dreht, wie aus Büchern wieder Bücher werden, wie man Texten nachjagen und aus Zettelkästen europäische Geschichte machen kann. Eine alles in allem recht papierne Angelegenheit.

Das Ältliche und Altvertraute, das diese Erfolgsbücher verströmen, fand sich in anderer Weise auch in den auffallend beliebten Familienromanen dieses Jahres wieder. In den jeweils drei Generationen umfassenden autobiografischen Romanen von Josef Bierbichler und Eugen Ruge kamen die für die Literatur schon verloren geglaubten patrilinearen Verwandtschaftsverhältnisse wieder zu neuen Ehren. Die junge polnische Autorin Joanna Bator zeigte in dem vielleicht schönsten Roman des Jahres, Sandberg , wie sich in Osteuropa, nicht zuletzt als Folge des alkoholbedingten Verschwindens der Männer, auch starke matrilineare Familiengeschichten erzählen lassen. Und all dies sogar ohne größere literarische Pantoffelseligkeit.

Die Angst, am Rand einer kippenden Scheibe zu leben und demnächst wie Mary Poppins mit nichts als einem Rettungsschirm in der Hand durch die Luft zu sausen, treibt so manchen um. Ein stimmungsvoller Satz wie der des belgischen Situationisten Raoul Vaneigem, »Worunter wir leiden, ist das Gewicht der Dinge in der Leere«, erstmals veröffentlicht vor einem halben Jahrhundert und wegen akuter Aktualität gerade wieder aufgelegt, trifft diese Stimmung, trotz seiner vornehmen zeitlosen Unverbindlichkeit.

Beißend und gegenwärtig war demgegenüber das unerschütterlich Zuversichtliche in dem utopischen Roman Schimmernder Dunst über Coby County von Leif Randt . Hier gibt es bis in alle Ewigkeit gute Laune, Eis und Pizzaservice für alle und das sichere Gefühl, »dass wir uns eigentlich vor nichts fürchten brauchen«. Vor nichts, außer vor uns selber und vor unserem eisernen Frohsinn.

Das Gefühl des Jahres: ins Leere zu kippen und einfach nicht aufzuprallen. Gehalten von einem Bungee-Seil aus vertrauten Geschichten, Genealogien und Ritualen.

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf polemische und unsachliche Äußerungen und bemühen Sie sich um eine konstruktive Diskussionskultur. Die Redaktion/mak

  2. Das Schicksal hätte uns Menschen so einen Lese-Verschleiß-Mechanismus implantieren sollen. Damit bei ungenügender Sorgfalt bei der Auswahl des Lesestoffes die Sehkraft allmählich schwindet. Nicht zu schnell natürlich, man sollte sich auch rehabilitieren dürfen (besonders wichtig für KritikerInnen).
    Aber(!): Schon bei Ausruf der Autorensilbe „Ro…“ sollte ein unwillkürlicher Fluchtreflex einsetzen. Mehr wünsche ich mir nicht fürs neue Jahr.
    Guten Rutsch und immer schön an das kleine Kommas für zwischendurch denken.

  3. Meine Äußerungen waren in keiner Weise polemisch! Wie könnten sie auch, wo ich Frau Radisch nur wörtlich (!) zitiert habe? Wenn überhaupt ist Frau Radischs Ansicht zu Männern polemisch und unsachlich. Aber das ich dafür verantwortlich gemacht werde ist sehr seltsam und lässt einiges über das Weltbild der ZEIT-"Journalisten" erahnen!

  4. ist vollkommen unbegreiflich. Selbst Kinskis "Erdbeermund" aus den 70ern ging tiefer und authentischer in dieses Thema.
    Insofern kann man die Frage "Haben wir etwas gelesen, das wir noch nie gelesen haben?" mit "Nein" beantworten.

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  • Schlagworte Christa Wolf | Charlotte Roche | Josef Bierbichler | Leif Randt | Rainald Goetz | Rettungsschirm
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