Bücherjahr 2011 Gier und Ehre

Auf die politischen Bücher des Jahres war in der Hektik des Geschehens Verlass.

Selten kommt es vor, dass ein Buch dicht an die politische Realität heranrückt, als habe die Historie, als habe all das Denken und Forschen doch einen Nutzen fürs Leben. Im vergangenen Jahr 2011 ist dies bemerkenswerterweise gleich mehrfach geschehen, quer durch die Genres politischer Bücher: Ein gelehrter Wälzer, eine kleine Kampfschrift, ein eleganter Essayband zur politischen Philosophie, ein wuchtiger dokumentarischer Klotz, sie alle, und nicht nur sie, gelangten in die Buchhandlungen, als man sie gerade brauchte. Wenn das prestissimo des politischen Geschehens einem den Atem nehmen wollte, konnte es einem so vorkommen, als sei immerhin auf die Bücher Verlass.

Kurios, fast unheimlich aktuell erschien Joachim Radkaus Ära der Ökologie in den Märztagen, als sich in Fukushima die Katastrophe ereignete; eine enzyklopädische, eine erzählfreudige Weltgeschichte der Umweltbewegung, die mit dem Satz schloss: »Wer weiß, vielleicht erleben wir einen solchen Augenblick schon bald« – den geschichtlichen Augenblick nämlich, wenn »das Trägheitsmoment bestehender Strukturen durchbrochen wird und manches möglich wird, was bis dahin als unmöglich galt«. Die Abkehr von der Atomkraft, die sogenannte Energiewende, setzte ein, als habe sich die Realität angesichts von Fukushima in Radkaus Buch fortgebildet. Und erging es nicht jener kleinen zornigen Schrift Empört Euch! des alten Stéphane Hessel ganz ähnlich? Kaum war sie da, steckte sie millionenfach in den Hosentaschen der Demonstranten, ob in Spanien im Mai oder vor der Europäischen Zentralbank im Oktober, als hätten die Empörten just nach dieser kleinen, praktischen Streitschrift gesucht, um besser gegen die durchgedrehte Finanzwelt auftreten zu können.

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Eine Art Begleitbuch zum Spektakel des Guttenberg-Rücktritts hat, ohne Absicht, ein philosophischer Kosmopolit aus Princeton verfasst, Kwame Anthony Appiah, der vermutlich von dem deutschen Minister nie gehört hatte: Er lieferte mit seinem Buch Eine Frage der Ehre eine besonders elegante gedankliche Kür zu den moralischen Standards, die Gesellschaften leiten und die sie, um nicht eines Tages lächerlich zu erscheinen, immer wieder erneuern müssen. Wer in jenen Tagen wissen wollte, ob die Ehre des Ministers schon als ungedeckter Scheck oder noch als harte Währung zu gelten hat, der war bei Appiah bestens bedient.

Als dann das Jahr schon herbstlich wurde, der Nachmittag dunkler und die Nervosität um die Weltwirtschaft täglich zunahm, erschien ein wuchtiger Buchklotz, ganz in Schwarz, der wie ein Märchenbuch der menschlichen Geschichte, an Gegenständen entlang, erzählte, wie es um die Gier, die Liebenswürdigkeit und die Gewaltlust seit zwei Millionen Jahren bestellt ist. Neil MacGregors Geschichte der Welt in 100 Objekten ist ein Buch, das in langer, geduldiger Arbeit von ungezählten Experten entstanden ist. Ihre Froschungen gingen um die ganze Erdkugel und ließen der Gegenwart des Jahres 2011 nur wenig Raum. In diesem Buch erscheint sie als zwar liebenswürdig fußballbegeistertes, doch historisch einmaliges CO₂-Monster, das sich jetzt zügig nach neuer Energie umsehen sollte. Prestissimo.

Es müssen verrückte Zeiten sein, in denen man sich auf neu erscheinende Bücher verlassen kann wie auf alte Freunde, die sicher bald vorbeikommen werden. Es müssen zivilisierte Zeiten sein, die stetig Bücher hervorbringen, in denen so viel hellwache Geduld steckt.

 
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