In Pargive senkt sich die Nachmittagssonne über die schneebedeckten Berge des westlichen Himalaya . Saida Hadi und ihre Freundin Zahara gleiten auf Kufen über das Eis des Chiktan-Flusses und kämpfen um ein Stück Wurzelholz, das ihnen als Puck dient. Lachend und keuchend jagen die Mädchen um dicke Pappeln, die aus dem gefrorenen Strom ragen.

Auf einer einfachen Tribüne aus Betonplatten hat sich eine Gruppe Jungs versammelt. Sie hantieren mit ihren Handys, manchmal schaut einer von ihnen zu den Mädchen hinüber. Ein paar Kinder mit selbst gebastelten Schlitten aus zurechtgebogenen Benzinkanistern rutschen johlend einen zugefrorenen Seitenfluss hinab. Andere üben Schüsse mit selbst geschnitzten Schlägern aus Weidenzweigen auf ein Tor, das sie mit Felsbrocken markiert haben. Zwei Yaks suchen im Flussbett nach trockenen Gräsern. Eine Alte sammelt Brennholz im kahlen Gestrüpp.

Es ist eine typische Szene für Ladakh . Eishockey hat in dieser entlegenen Hochgebirgsregion im Norden Indiens Tradition. Allerdings wurde diese jahrzehntelang ausschließlich von Männern geprägt. Die ersten öffentlichen Eishockeyspiele der Gegend trugen die Ladakh Scouts, ein Bataillon der indischen Armee, in den siebziger Jahren auf einem zugefrorenen Wasserreservoir in der Verwaltungshauptstadt Leh aus. Die lokale Bevölkerung war begeistert, zumal es im strengen Winter an Abwechslung mangelte.

Bald ließen auch die Ladakher aus der nordindischen Stadt Shimla Kufen einfliegen, wo sich zwei chinesische Handwerker auf die Herstellung spezialisiert hatten, und schraubten sie unter ihre Winterschuhe. Mit gewöhnlichen Hockeystöcken und Gummipucks, die aus den Hacken von Armeestiefeln geschnitten waren, lieferten sie sich auf dem Wasserreservoir im Zentrum Lehs die ersten zivilen Wettkämpfe.

Heute ist Ladakh Indiens Eishockey-Hochburg. Knapp 20 Klubs gibt es vom muslimischen Westen bis hinauf in das von tibetischen Nomaden bewohnte Hochland im Osten. Manchmal kommen sogar Touristen im Winter nach Ladakh, um Eishockey zu spielen. Das Team der kanadischen High Commission aus Delhi tritt jedes Jahr im Stadion von Leh gegen eine lokale Auswahl an. Freiwillige Trainer aus Kanada und den USA verbringen den Winter in der Region, um den ladakhischen Nachwuchs zu coachen.

Als vor ein paar Jahren immer mehr Mädchen begannen, sich die Schläger ihrer Brüder zu greifen, um damit übers Eis zu toben, waren die lokalen Klubs zunächst entsetzt. Das gehöre sich einfach nicht, lautet das altväterliche Argument. Doch der indische Eishockeyverband mit Sitz in Delhi hält dagegen und fördert die Spielerinnen intensiv mit Ausrüstung und Trainern. Man will eine Damenmannschaft aufstellen, für internationale Turniere. Bisher wurde dieses ambitionierte Ziel zwar noch nicht erreicht, aber die Chancen steigen mit jedem Winter: Inzwischen gibt es in Ladakh bereits fünf Amateurinnen-Teams.

Am nächsten Morgen verabschiedet sich die Eishockeyspielerin Saida aus dem Dorf Pargive in Westladakh von ihren Eltern und macht sich in einem Sammeltaxi auf den 180 Kilometer weiten Weg nach Phey, nahe der Verwaltungshauptstadt Leh. Dort besucht sie eine weiterführende Schule und spielt Eishockey im Team des Students’ Educational and Cultural Movement of Ladakh (Secmol) , einer Nichtregierungsorganisation. Die 19-Jährige wirkt erleichtert. »In Phey ist mehr los als in meinem Dorf. Wir haben dort immer Strom, auch nachts. Und wir treffen Leute aus dem ganzen Land, manchmal sogar Touristen.«