IndienSchlagende Verbindung

Im nordindischen Ladakh ist Eishockey Volkssport. Jetzt kämpfen auch muslimische und buddhistische Mädchen um den Puck – 4.000 Meter hoch im Gebirge. von Oliver Schulz

In Pargive senkt sich die Nachmittagssonne über die schneebedeckten Berge des westlichen Himalaya . Saida Hadi und ihre Freundin Zahara gleiten auf Kufen über das Eis des Chiktan-Flusses und kämpfen um ein Stück Wurzelholz, das ihnen als Puck dient. Lachend und keuchend jagen die Mädchen um dicke Pappeln, die aus dem gefrorenen Strom ragen.

Auf einer einfachen Tribüne aus Betonplatten hat sich eine Gruppe Jungs versammelt. Sie hantieren mit ihren Handys, manchmal schaut einer von ihnen zu den Mädchen hinüber. Ein paar Kinder mit selbst gebastelten Schlitten aus zurechtgebogenen Benzinkanistern rutschen johlend einen zugefrorenen Seitenfluss hinab. Andere üben Schüsse mit selbst geschnitzten Schlägern aus Weidenzweigen auf ein Tor, das sie mit Felsbrocken markiert haben. Zwei Yaks suchen im Flussbett nach trockenen Gräsern. Eine Alte sammelt Brennholz im kahlen Gestrüpp.

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Es ist eine typische Szene für Ladakh . Eishockey hat in dieser entlegenen Hochgebirgsregion im Norden Indiens Tradition. Allerdings wurde diese jahrzehntelang ausschließlich von Männern geprägt. Die ersten öffentlichen Eishockeyspiele der Gegend trugen die Ladakh Scouts, ein Bataillon der indischen Armee, in den siebziger Jahren auf einem zugefrorenen Wasserreservoir in der Verwaltungshauptstadt Leh aus. Die lokale Bevölkerung war begeistert, zumal es im strengen Winter an Abwechslung mangelte.

Bald ließen auch die Ladakher aus der nordindischen Stadt Shimla Kufen einfliegen, wo sich zwei chinesische Handwerker auf die Herstellung spezialisiert hatten, und schraubten sie unter ihre Winterschuhe. Mit gewöhnlichen Hockeystöcken und Gummipucks, die aus den Hacken von Armeestiefeln geschnitten waren, lieferten sie sich auf dem Wasserreservoir im Zentrum Lehs die ersten zivilen Wettkämpfe.

Heute ist Ladakh Indiens Eishockey-Hochburg. Knapp 20 Klubs gibt es vom muslimischen Westen bis hinauf in das von tibetischen Nomaden bewohnte Hochland im Osten. Manchmal kommen sogar Touristen im Winter nach Ladakh, um Eishockey zu spielen. Das Team der kanadischen High Commission aus Delhi tritt jedes Jahr im Stadion von Leh gegen eine lokale Auswahl an. Freiwillige Trainer aus Kanada und den USA verbringen den Winter in der Region, um den ladakhischen Nachwuchs zu coachen.

Als vor ein paar Jahren immer mehr Mädchen begannen, sich die Schläger ihrer Brüder zu greifen, um damit übers Eis zu toben, waren die lokalen Klubs zunächst entsetzt. Das gehöre sich einfach nicht, lautet das altväterliche Argument. Doch der indische Eishockeyverband mit Sitz in Delhi hält dagegen und fördert die Spielerinnen intensiv mit Ausrüstung und Trainern. Man will eine Damenmannschaft aufstellen, für internationale Turniere. Bisher wurde dieses ambitionierte Ziel zwar noch nicht erreicht, aber die Chancen steigen mit jedem Winter: Inzwischen gibt es in Ladakh bereits fünf Amateurinnen-Teams.

Am nächsten Morgen verabschiedet sich die Eishockeyspielerin Saida aus dem Dorf Pargive in Westladakh von ihren Eltern und macht sich in einem Sammeltaxi auf den 180 Kilometer weiten Weg nach Phey, nahe der Verwaltungshauptstadt Leh. Dort besucht sie eine weiterführende Schule und spielt Eishockey im Team des Students’ Educational and Cultural Movement of Ladakh (Secmol) , einer Nichtregierungsorganisation. Die 19-Jährige wirkt erleichtert. »In Phey ist mehr los als in meinem Dorf. Wir haben dort immer Strom, auch nachts. Und wir treffen Leute aus dem ganzen Land, manchmal sogar Touristen.«

Saida ist Muslimin. Sie trägt einen traditionellen knielangen Umhang aus Wolle und türkisfarbene Pluderhosen. Ihre Fingernägel sind orange lackiert. Sie sagt, sie wolle später einmal Lehrerin werden, »um den Armen in meinem Dorf Lesen und Schreiben beizubringen«. Oder Reiseleiterin. Auf gar keinen Fall will Saida Hausfrau werden wie ihre Mutter. Und die hat nichts dagegen, Saida ihren eigenen Weg suchen zu lassen.

Selbst das sportliche Hobby ihrer Tochter betrachtet die Mutter mit Wohlwollen. Mit sieben Jahren stand Saida das erste Mal auf Schlittschuhen, mit neun Jahren spielte sie bei Minusgraden schon Hockey auf dem Fluss, der ihr Dorf teilt. »Ich mag es, zu kämpfen«, sagt Saida, »hart ranzugehen, meinen Körper einzusetzen.« Sie lacht breit. Dann zitiert sie die Worte ihrer Mutter: »Deine Brüder haben in der Armee gespielt. Jetzt spielst du in der Schule. So ist das eben. Die Zeiten haben sich geändert.«

Karte Indien Ladakh
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Klicken Sie auf das Bild, um die Karte zu vergrößern.  |  © ZEIT-Grafik

Nach einer halben Stunde Fahrt erreicht das Sammeltaxi das erste buddhistische Dorf. Auf der Hauptstraße wehen Gebetsfahnen zwischen Strommasten. In der Nacht ist etwas Schnee gefallen, doch nun klettert die Morgensonne rasch in den tiefblauen Himmel. Die schattigen Flanken des Himalaya sind verschneit bis ins breite Tal hinab, die flacheren Hänge des Karakorum im Norden fast kahl. Das Taxi überquert komplett vereiste Flüsse und Bäche, ganze Wasserfälle sind in der Bewegung erstarrt.

Bei einem Zwischenstopp telefoniert Saida mit ihrer Mutter, die ihr noch ein paar Anweisungen für die Reise mit auf den Weg geben will. Die junge Frau plappert in ihr Handy, lacht laut auf, die rechte Hand in die Hüfte gestützt, und wirkt stark, beinahe aufmüpfig zwischen den alten Herren, die in roten oder braunen Roben über die Hauptstraße des Ortes flanieren. Der Sport gibt den Mädchen ein Selbstbewusstsein, das vielen Ladakhern mit ihrem traditionellen Rollenverständnis Angst macht. Besonders hier auf dem Land und bei der älteren Generation.

Nach weiteren zwei Stunden Fahrt bricht der Zanskar-Fluss aus einer Schlucht im Himalaya, hellblau zwischen den braunen Füßen der Berge und weitgehend bedeckt von einer Eisschicht. Im Januar und Februar benutzen die Einheimischen ihn als kurzen Weg in das monatelang von der Außenwelt abgeschnittene gleichnamige Tal. Unter verwegenen westlichen Wanderern ist der gut eine Woche dauernde Treck mittlerweile als spektakuläre Winterwanderung beliebt.

Als der Bus am Abend Leh erreicht, bleiben Saida nur wenige Stunden Zeit zum Ausruhen: Ein Eishockeyturnier steht an, in einem Ort nahe der chinesischen Grenze. Beim gemeinsamen tibetischen Salztee in der Gemeinschaftsküche ihres Wohnheims erklärt Saidas Teamkollegin Padma, warum den Frauen die Zukunft des Eishockeys in Ladakh gehört: »Weil wir mehr Feingefühl haben als die Jungs. Weil wir das Technische besser draufhaben.« Die anderen Mädchen lachen zustimmend. An fehlendem Selbstvertrauen jedenfalls werden Indiens Eishockeyspielerinnen nicht scheitern.

Am nächsten Morgen fährt Saida im Bus zusammen mit den Secmol Girls in Richtung Karakorum-Gebirge, vom breiten Indus-Tal hinauf in eine enge, tief verschneite Schlucht. Die Freude über den Ausflug ist den Mädchen kaum anzumerken, aber vielleicht liegt das auch nur an der frühen Morgenstunde. Viele sind an der Schulter ihrer Nachbarin eingeschlafen, nur einige tuscheln miteinander. Bei einer Pause auf dem Chang-Pass lässt sich Saida von einer Mitspielerin vor einem gelben Markierungsstein ablichten: »5.300 Meter«, steht auf Englisch darauf. »Der höchste befahrbare Pass der Welt.«

Jenseits der Bergkette liegt die Region Lalok mit dem Hauptort Tangtse, knapp 4.000 Meter hoch. Ein Tal fast ohne Vegetation, mit deutlich weniger Schnee. Tangtse markiert den westlichen Rand des Changthang, einer Hochebene, die sich bis tief nach Tibet hineinzieht. Die Region wird fast ausschließlich von Nomaden bewohnt, die ihre Yak- und Schafherden durch die Hochgebirgswüsten treiben.

Seit dem frühen Morgen laufen die Vorbereitungen für das Turnier. Unebenheiten werden mit einem Stück Wellblech vom Eis gekratzt. Ein Mann mischt Farbe in aufgeschnittenen Milchtüten und pinselt die Spiellinien auf das Eis. Lautsprecher werden getestet. Eine Gruppe Streifengänse marschiert schnatternd um das Spielfeld herum. Von der Ehrentribüne wird ein roter Teppich hinabgerollt.

Um neun Uhr soll der Wettkampf eigentlich beginnen, doch die Männerteams treffen erst eine Stunde später ein. »Die Jungs in Ladakh sind manchmal etwas träge«, lästert Padma. »Hoffentlich ist das Feld nicht in der Sonne geschmolzen, bis wir am Nachmittag dran sind.« Sportbegeisterte Soldaten in Zivil, Jugendliche und alte Mütterchen aus den umliegenden Dörfern tummeln sich auf den Rängen.

Bis zum Nachmittag hat sich unter der gleißenden Hochgebirgssonne tatsächlich eine große Pfütze in der Spielfeldmitte gebildet. Die Mädchen treten unter deutlich schlechteren Bedingungen als die Jungen an. Saida spielt außen rechts, sie bewegt sich kantig, fast männlich, eines der größten Mädchen auf dem Platz. Nach zehn Minuten Spielzeit steht es 2:0 für die Secmol Girls, und es ist Saida, die kurz vor Abpfiff den letzten Treffer platziert, ein Schuss aus der Tiefe des Raums, mit voller Kraft an der rechten Schulter der gegnerischen Torhüterin vorbei.

Stolz über den Sieg verlassen die Mädchen den Platz. Während sie einander lachend in die Arme fallen, feiern die Jungs aus Leh ihren Sieg mit »Secmol!«-Rufen. Als Saida ihren Helm abschnallt, scheint damit auch die Anspannung von ihr abzufallen. »Wenn wir verloren hätten«, sagt sie, »hätte ich geweint.«

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Leserkommentare
  1. schön mal einen artikel, der werde das drittwelt-grauen noch das unrealistische IT-supermacht klischee bedient! Schöne ausnahme in der sonst manchmal etwas einfältigen Indien-Berichterstattung...

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