Gesichtsprothesen Zweites Gesicht
Künstliche Augen, Ohren oder Nasen geben Krebskranken und Kriegsverletzten ein Stück ihrer Identität zurück.
Das erste neue Auge wurde Lisa Beyer noch auf die Haut geklebt. »Im Sommer ist mir der Klebstoff die Wange runtergelaufen, als würde ich weinen. Mit den Druckknöpfen, die dann kamen, war es schon angenehmer.« Vor 20 Jahren verlor Beyer ihr linkes Auge wegen eines Tumors. Sie erhielt eine sogenannte Epithese, um die leere Augenhöhle zu füllen.
Ein Gesicht stiftet Identität. Eine Entstellung im Gesicht entstellt sozial. In Deutschland sind es überwiegend Tumorkranke, denen Teile des Gesichts amputiert werden. Aber auch Unfälle, Hundebisse oder genetisch bedingte Fehlbildungen können eine Rekonstruktion nötig machen, bei der künstliche Körperteile entworfen und angepasst werden. In den USA werden für großflächig verwundete Soldaten bereits komplette Gesichtszüge entworfen. Weltweit loten die Epithesen-Fachleute das Potenzial der immer besseren Arbeitsmaterialien aus.
Mittlerweile ist die Technik so ausgereift, dass man mit einer Epithese auch Model werden kann, ohne aufzufallen, wie das Beispiel der Schweizerin Johanna Schäfer* zeigt. Die 35-Jährige lebt seit ihrer Kindheit mit einem künstlichen Ohr. Als sie zwei Jahre alt war, riss sie sich von der Hand ihrer Mutter los, rannte auf die Straße und wurde von einem Auto erfasst – sie verlor ihr Ohr, heute erinnert nur die Epithese an den Unfall. Das Kunstohr ist so unauffällig, dass Johanna Schäfer lange Zeit als Model für Kleidungskataloge arbeitete. »Ich weiß nicht mehr, wann das letzte Mal jemand mein Ohr erkannt hat«, sagt Schäfer.
Alle paar Jahre fertigt das Labor der Epithetikerin Sylvia Dehnbostel für Johanna Schäfer ein neues Ohr an. Mit der Zahl der Epithesen ist auch der Bedarf an Spezialisten gestiegen, etwa 40 arbeiten derzeit in Deutschland. Seit fast 20 Jahren schon versorgt Dehnbostel in ihrem Institut betroffene Patienten. Wenn sie an die ersten Einzelimplantate denkt, muss sie lächeln. »Es war damals unfassbar aufwendig.« Das Prinzip lasse sich mit dem heutigen kaum noch vergleichen – Loch in den Knochen, Dübel rein, Epithese drauf. Der neueste Schrei: Epithesen, die sich auch bewegen. »Jetzt will man mit Mikrochips das Augenlid regelmäßig klimpern lassen«, sagt Dehnbostel. Doch nicht immer muss es Hightech sein. So fertigt sie vielen Patienten zwei Kunstohren in unterschiedlichen Tönungen an, eines für den Winter, eines für den Sommer.
Prothesen für in Afghanistan und im Irak verwundete US-Soldaten
Die größten Gesichtsdefekte verursachen Kriegsverletzungen. Die Schäden bei Soldaten sind manchmal so groß, dass man sich bei der Konstruktion nur noch an alten Fotos orientieren kann. Manchmal nutzen die Epithetiker ihre gestalterische Freiheit dann für ganz besondere Wünsche. »Wenn jemand zu uns kommt, der beide Ohren verloren hat, und sagt, er möchte die Ohren von Clint Eastwood, dann kriegen wir das hin«, sagt Jose Villalobos, Leiter des Labors für Gesichtsprothetik in Texas, der US-Soldaten betreut. Vor den jüngsten Kriegen in Afghanistan und im Irak kümmerte sich sein Labor fast nur um Krebs- und Unfallschäden, die langjährige Erfahrung kommt Villalobos heute bei der Wiederherstellung der Soldaten zugute.
In Deutschland sind solche Fälle selten. »Bislang gab es bei der Bundeswehr noch keinen einzigen Fall, in dem ein größerer Defekt im Gesicht als Folge einer unmittelbaren Waffeneinwirkung durch eine Epithese versorgt werden musste«, sagt Matthias Tisch, Leiter der Poliklinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde am Bundeswehrkrankenhaus Ulm.
- Datum 30.12.2011 - 13:14 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.12.2011 Nr. 01
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