Martenstein: "Der Satz war in den Kritiken ausdrücklich gelobt worden"
Harald Martenstein über Kabarettisten, die aus dem Internet abschreiben
Eine meiner letzten Kulturveranstaltungen des Jahres 2011 war ein Besuch bei einem Kabarettisten. Ich mag Kabarett nicht sonderlich. Er hatte mir aber eine nette Mail geschrieben und mich zu seinem Gastspiel eingeladen. Den zahlreichen Lesern, die sich jetzt garantiert wieder melden werden und sich darüber beklagen, dass gewisse Typen gewisse Dinge geschenkt kriegen, Rotwein, Eintrittskarten, sie selber aber nicht, all diesen verbitterten Menschen da draußen also sage ich: Ja, gewiss, das Leben ist ungerecht. Beklagt euch bei eurem Schöpfer oder bei der SPD, die sollen das regeln. Ich dagegen nehme, solange es nicht verboten ist, was ich kriegen kann, ob ich es nun verdient habe oder nicht. Ich bin kein Heiliger, ich bin ein Talent. Deswegen lebe ich so gern. Liebe Kinder, das, was ich ständig mache, solltet ihr bitte nicht nachmachen.
Der Kabarettist sagte, es gebe ein Spencersches Gesetz. Das Spencersche Gesetz gehe so: Je hysterischer ein Thema in den Medien diskutiert werde, desto unwichtiger sei es. Zum Beispiel heiße es in den Medien, die Eisbären stürben aus – sagt man das so: stürben? –, aber in Wirklichkeit habe sich die Zahl der Eisbären in den letzten 50 Jahren verfünffacht. Zu Hause wollte ich das nachrecherchieren. Hin und wieder recherchiere ich mal was, nicht aus Pflichtbewusstsein, mehr so zum Spaß. Laut Wikipedia gab es in den sechziger Jahren 5000 bis 10.000 frei lebende Eisbären, heute gibt es 20.000 bis 25.000. So ein Eisbär hat es offenbar gern warm, obwohl er ein weißes Fell hat. Beurteilt nie ein Tier nach seiner Fellfarbe, das ist diskriminierend. Wenn aber wir Deutschen uns in Eisbären verwandeln könnten, dann gäbe – oder gübe? – es endlich genug Nachwuchs und kein Rentenproblem. Mein Vorsatz für 2012: Ich lerne den Konjunktiv.
Dann habe ich »Spencersches Gesetz« gegoogelt und landete auf der Seite »Toluna«, wo ein gewisser »Rikibu« im April 2011 geschrieben hat: »Das Spencersche Gesetz besagt, je hysterischer ein Thema in den Medien diskutiert wird, desto unwichtiger sei es. Ein schönes Beispiel ist das angebliche Aussterben der Eisbären. Dabei hat sich der Eisbärenbestand in den letzten 50 Jahren verfünffacht.«
Es war wörtlich aus dem Programm! Wer hat hier von wem abgeschrieben? Der Mann, der im Auftrag der EU-Kommission über solche Fragen in Zukunft wacht, ist ja der Herr Guttenberg . In der Parteiendemokratie gelten nämlich die gleichen Prinzipien wie bei amerikanischen Militäreinsätzen, no man is left behind .
Der zweite Satz, der mir aus dem Kabarettprogramm in Erinnerung geblieben war, hieß: »Demokratie ist, wenn zehn Füchse und ein Hase darüber abstimmen, was es zum Abendessen gibt.« Der Satz war in den Kritiken wegen seiner Pfiffigkeit auch ausdrücklich gelobt worden. Also habe ich mich im Internet auf die Suche nach diesem Satz gemacht, ich wollte mal wissen, wie es sich anfühlt, Guttenberg zu sein, der neue Internetfuchs. Die älteste Quelle findet sich auf der Seite »Lust-Scout. Das Hurengänger-Forum«. Dort äußert ein Charakter namens »Lustwandel« am 1.November2010 diesen Satz, interessanterweise aber mit der Zahlenangabe »fünf Füchse und ein Hase«. Der Kabarettist hatte aus den fünf Füchsen einfach zehn Füchse gemacht, aber ich, als Guttenberg, habe es natürlich trotzdem herausgefunden. Was ich bei diesen ganzen Sachen nicht verstehe, ist das unkreative Vorgehen. Um wirklich die Spuren zu verwischen, könnte man einfach schreiben: »Demokratie ist, wenn zehn Eisbären und ein Schneehase darüber abstimmen, was es zum Abendessen gibt.«
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Bis vor kurzem habe ich geglaubt ich habe der Kolumne von Herrn Martenstein viel in meinem Leben zu verdanken. Bis ich meine neue Software »How to catch the plagiator« der Firma »Verschwendo« installiert habe. (Empfohlen und zertifiziert von Herrn zu Gutti). Resultat der Schnellüberprüfung aller bisher erschienen Artikel des Herrn Martenstein. Alle Wörter von A-Z sind nachweisbar Plagiate aus dem Internet. (Nachzulesen auf Martenplag.de)
Die einzigen Ausnahmen sind Ausdrücke wie sprüngte oder vergüße oder hölfe. Ich bin zutiefst enttäuscht und überlege, ob ich mein Abonnement meiner geliebten Zeit kündigen soll und stattdessen nur noch Bilder anschaue. Auf Wörter ist ja kein Verlass mehr in der heutigen Zeit.
Es tut mir leid, dass ich mich nochmal melden muss. Bitte erstellen sie eine korrekte Wunschform: ... (Putzen) doch endlich mal jemand meine Windschutzscheibe! Ich (blicken) dann viel besser durch. Ich (rollen) in Zukunft nie wieder auf dem Bürgersteig und (knallen) und (bumsen) nie wieder gegen Laternenstangen.. Ich (schneiden) keine Kurven, (stürzen) keine Abhänge hinab, (reißen) keine Mülltonnen um und (streifen) keine Passanten. Ich (erlangen) zukünftig unauffällig mein Ziel und (verbringen) keine Zeit mehr im Krankenhaus.
Neben dem an- oder aus- oder dringlich einwärts stehenden Konjunktiv-Training des Kolumnisten könnte seine kreative Pointe (»Demokratie ist, wenn zehn Eisbären und ein Schneehase darüber abstimmen, was es zum Abendessen gibt«) mit Wonne (oder: Wünne?) oder mit Lust (oder Gelüsten?) variiert werden (warum nicht "würde" als Konjunktiv I)):
Treffliche Kolumnistenkritik ist es, wenn fünfeinhalb Eisbären und ein halber Leser ... - mit einer Schrottflinte bewaffnet... - etc.
... um denselben Kabaretisten handelt, von dem Sie sich in einer anderen Kolumne einmal verfolgt fühlten, dann haben ich denselben ebenfalls bereits beim Plagiieren einiger Saetze erwischt, die seit geeraumer Zeit bereits in englischer Sprache in verschiedenen Foren kursierten.
Konjunktiv ist out. Oder sollte er wieder hip werden? Man gebraucht ihn doch nur noch selten. Oh ja! Alle lernen ihn, um nicht als Deppen dazustehn. Aber wer befleissigt sich denn der Hoeflichkeit, bei der man erlaubterweise, die Modalverben und die Hilfsverben beim Schopfe packend, den K2 benutzen duerfte? Ohne K2 ist es hoeflich genug. Wer, in dieser rauhen Zeit gibt Freunden noch einen Rat, wo er sich doch hervortun will mit Perfektionismus? Wer, ja wer traeumt denn noch heutzutage? Die Traeume, die die Menschen heute haben scheinen doch alle erfuellbar zu sein.
Wenn es nicht so spaet gewesen waere, haette ich das Komma nicht vergessen.
Eine lässliche Sünde.
Eine lässliche Sünde.
Oder die alles entscheidende Frage zum Jahreswechsel: Plagiats-Kolumne vs. Kreativ-Kabarett: Bin ich lieber originell oder ordinär ?
Was hier wie ein a-T-T im ö-r-F (aufmerksamerheischendes Talk-Thema im öffentlich-rechtlichen-Fernsehen) klingt, sich aber nur bedingt für Gespräche in den Talkrunden von Lanz, Maischberger und Jauch eignet, beinhaltet eine viel tiefer gehende Bedeutung.
Ein origineller Gedanke hat ja zumeist den Charakterzug (kann man bei Gedanken von Charakterzügen sprechen ?) etwas Erfrischendes, Neues, noch nie dagewesenes zu sein. Ein Mensch, der ein Original erschafft, zeigt, das er kreativ ist und sich seine eigenen Gedanken macht. Indem der kreative Geist einen neuen Gedanken kreiiert und dies der Welt mitteilt, legt er den Beweis für die Descartes'sche Philosphie ab: Cogito ergo sum - Ich denke, also bin ich.
Doch, bin ich es immer noch, wenn niemand sonst außer mir meinen Gedanken mitbekommt ? Und wenn nein, wer bin ich sonst ? Bin ich und der Gedanke, den ich gefasst habe, existent oder schweben wir gemeinsam, der Gedanke und ich, im bewußtseinsleeren Raum ?
Dem kreative Geist, der hier an die Grenzen seiner Existenz stößt, benötigt Koordinaten im Weltensystem, um sich seiner selbst bewußt zu sein. Und genau in diesen Koordinaten liegt das Ordinäre, bzw. eben die Ordinate.
Mit der Ordinate, wir kennen Sie aus dem Mathematik-Unterricht als Y-Achse, kann der kreative Geist sein ICH-Sein lokalisieren (Voraussetzung: X-Achse sei Zeit Einheit t)
Indem der kreative Geist also seinen Gedanken ordinär in den Kooridnaten verortet, kann er den Nachweis bringen, das er existiert - der Gedanke, nicht der kreative Geist.
Damit aber der kreative Geist sich seiner selbst bewußt ist, muss er sich selbst im Spiegel sehen. Für höher entwickelte Tiere, wie z.B. Menschenaffen, gibt es den sogenannten Spiegeltest. Indem der Schimpanse in den Spiegel schaut und sich selbst darin erkennt und anfängt sich seine Wimpern zu zupfen, zeigt er dem wissenschaftlichen Beobachter: Ich erkenne mich, also bin ich.
Nichts anderes erfährt der kreative Geist, wenn ordinäre Geister sich seines Gedankens annehmen und plagatieren, vervielfältigen.
In jeder Kopie, in jedem Gedankenspiegel, der von seinem seinem originellen Gedanken gemacht wird, erkennt sich der kreative Geist selbst.
Für die Einen ist es Plagiatskunst - Für die Anderen die wahrscheinlich umständlichste Selbsterkenntnissmethode der Welt.
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