Solange wir noch die Trümmer der Vergangenheit besuchen können, so lange hat das Leben immer auch noch eine Farbe«, hat Heinrich von Kleist einmal gesagt. Heute finden wir die Zeugnisse unserer Geschichte – Glanz wie Elend – in unseren Museen. Aber auch über ihnen liegen Licht und Schatten, und die Schatten zeigten sich selbst in dem spektakulären Museumsjahr 2011, in dem eine Reihe der renommiertesten Häuser ihren Geburtstag feierte: den 175. die Alte Pinakothek in München, den 150. die Berliner Nationalgalerie und das Wallraf-Richartz-Museum in Köln, den 25. die Kunsthalle Emden und das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt immerhin den 20.

Auf den ersten Blick eine Erfolgsgeschichte: Deutsche Museen verzeichnen jährlich konstant über einhundert Millionen Besucher, 2009 war es die zweithöchste Besucherzahl seit Beginn der statistischen Gesamterhebung vor dreißig Jahren. Allerdings: Während in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Besuche um rund zehn Prozent anstiegen, wuchs im gleichen Zeitraum die Anzahl der Einrichtungen um ein gutes Drittel, auf derzeit 6256 Museen und 486 Ausstellungshäuser.

Die Hauptsorge der Museen dreht sich heute um Wasser, Strom, Heizung

»Was im alten Europa die Kirchen waren – Gelegenheit zu Prachtbauten, die den Namen des Architekten berühmt machten –, das sind jetzt die Museen«, stellte dazu im Mai dieses Jahres Martin Mosebach fest. Es scheine manchmal, so spöttelte der Schriftsteller in seiner Rede zur Wiedereröffnung des Museum Kunstpalasts in Düsseldorf über die vielen, nicht selten spektakulären Neubauten, als genüge sich der Museumsbau selbst, als sei er die eigentliche Sensation: »Die Exponate vermögen da eigentlich nur noch zu stören.«

Tatsächlich stehen die Sammlungen als eigentliche Kernaufgabe des Museums immer häufiger im Schatten der Aufmerksamkeit, die Architektur und Sonderausstellungen genießen. Unter dem Druck der Haushaltspläne drohen Museumsschließungen und der Verkauf von Museumsinventar, es steigt die Abhängigkeit von Drittmitteln und von privaten Sammlern. Schon vor einigen Jahren ist die »Boom-Krise« benannt worden. Der Journalist Hanno Rauterberg etwa sah 2006 die Museumslandschaft in einen »Museumsdschungel«, einen »Urwald des Schönen und der Erinnerung« verwildert. Denn viele Kommunen hätten zwar Geld für Planung und Bau, die Mittel für das Gehalt der Mitarbeiter oder die Heiz- und Sicherheitskosten würden aber fehlen: »Und so wird teuer gebaut und billig betrieben.« Der Direktor des Leipziger Museums der bildenden Künste Hans-Werner Schmidt sah angesichts enormer Betriebskosten gar die museale Trias aus Sammeln, Bewahren und Erforschen ersetzt durch: »Wasser, Strom, Heizung«.

Der gefeierte Neubau des Essener Folkwang-Museums kostete 55 Millionen Euro, bezahlt wurde er komplett von der Krupp-Stiftung als private Schenkung. Aber die Stadt muss nun für die gestiegenen Unterhalts- und Betriebskosten aufkommen. An welcher Stelle im städtischen Haushalt dieser Betrag eingespart wird, ist noch völlig offen: im Kulturetat bei anderen Einrichtungen – Oper, Theater, Ballett, Bibliotheken? Oder bei Schul- oder Sozialausgaben? Angesichts solcher Szenarien plädiere ich für die Selbstverpflichtung von Bund, Ländern und Kommunen, Neubauten von Museen – wie übrigens auch Neubauten von Bibliotheken, Konzerthäusern und Theatern – nur dann zuzulassen, wenn zugleich die sich daraus ergebenden jährlichen Folgekosten geregelt sind. Wo dies unterbleibt, geht der Neubau entweder auf Kosten anderer bereits existierender (Kultur-)Einrichtungen oder aber er muss durch eine Ausdünnung des Arbeitsprogramms eben derjenigen Institution selbst refinanziert werden, deren Arbeitsbedingungen man eigentlich spektakulär verbessern wollte.

Der Deutsche Museumsbund appelliert gern an das Bekenntnis zum Museum durch die Zivilgesellschaft, so wie man es in Hamburg angesichts der drohenden Schließung des Altonaer Museums erlebt hat. Die Verankerung des Museums in der Bürgergesellschaft gehört zu seiner Genese und ist in Zukunft genauso wichtig wie einst. Man muss gelegentlich daran erinnern: Die reiche deutsche Museumslandschaft ist das Resultat einer glücklichen Verbindung von privatem und öffentlichem Engagement. Deshalb steht die öffentliche Hand weiter in der Verantwortung, Museen finanziell so auszustatten, dass neben Betrieb und Ausstellen auch die Sammlungspflege möglich ist. Denn der Zweck eines Museums ist der kontinuierliche und sinnvolle Ausbau seiner Bestände. Dies gilt gerade auch für Museen der Gegenwartskunst.

Die Museumsrealität sieht oft anders aus. So verfügt etwa das Museum für Moderne Kunst Frankfurt über keinen festen Ankaufs- und Ausstellungsetat und ist auf Spenden und Schenkungen angewiesen. Gleiches gilt in der Hauptstadt für die Berlinische Galerie, deren Wirtschaftsplanung kein Budget für Ankäufe vorsieht. Beides sind keine spektakulären Ausnahmen, andere Museen sind in vergleichbarer Lage. Eine aktuelle Umfrage der Zeitschrift Art unter deutschen Kunstmuseen offenbarte, dass jedes Museum unter anderen Bedingungen sammelt. Über feste Budgets verfügen noch am ehesten kleinere Häuser, wohl auch deshalb, weil sie es sehr viel schwerer haben, zusätzliche private Mittel über Sponsoren zu beschaffen. Dass es übrigens bislang keine Statistik darüber gibt, wie sich die Ankaufsetats in den Jahrzehnten des Museumsbooms entwickelt haben, ist ein aufschlussreiches Defizit.