In den Jahresrückblicken der israelischen Presse werden zwei Bilder unseres Landes am häufigsten zu sehen sein: Das eine ist das Bild der Demonstration für soziale Gerechtigkeit, an der im Sommer etwa eine halbe Million Bürger teilgenommen haben. Das zweite Bild ist das jüdischer Siedler, die im vergangenen Monat in einen Armeestützpunkt eindrangen und den Kommandanten und seinen Stellvertreter mit Steinen bewarfen. Es werden auch die Bilder von ultraorthodoxen Juden sein , die zurzeit eine Geschlechtertrennung in Bussen und auf öffentlichen Plätzen fordern. Beide Bilder unserer Gesellschaft stehen für eine ähnliche Situation: Die Menschen sind frustriert und wütend über das Verhalten ihrer politischen Führung. Doch die Bilder verkörpern zwei völlig unterschiedliche Richtungen, in die Israel in nächster Zukunft gehen könnte. Sie verkörpern die zwei Gesichter Israels .

Am 14. Juli 2011 beschlossen ein paar junge Leute, als Protest gegen die Wohnungsnot Zelte auf einer zentralen Tel Aviver Allee aufzuschlagen . Diese jungen Leute schafften es, Hunderttausende Menschen zur größten Protestdemonstration in der Geschichte des Landes mitzureißen, während führende Politiker sie beschimpften und lächerlich machten. Sie definierten ihren Protest selbst als gesellschaftlich und apolitisch, sie forderten ökonomische Verbesserungen für alle, es ging ihnen um bezahlbare Wohnungen und soziale Unterstützung für alte Menschen. Aber jeder, der wirklich hinhörte, konnte aus den Proteststimmen zahlreiche politische Botschaften heraushören. Die Demonstranten sprachen eine neue, andere Sprache, die vom wohlbekannten israelischen Diskurs der Rechten wie der Linken abwich, sich aber durchaus auf die gleichen alten Probleme bezog. Statt Parolen gegen die Besetzung der Palästinensergebiete und Diskriminierung von Arabern formulierten die Demonstranten Parolen für soziale Gerechtigkeit und Unterstützung von Minderheiten.

Durch das Motto der sozialen Gerechtigkeit gelang es der Bewegung, viele auf die Straße zu bringen, die von den altbekannten linken Parolen abgeschreckt waren. Die Demonstrationen waren keine kleine Bedrohung für die gegenwärtige Rechtsregierung, denn all diese jungen Mittelschichtler, die wochenlang auf den Plätzen in ihren Zelten ausharrten, riefen unverblümt dazu auf, das amtierende Staatsoberhaupt Benjamin Netanjahu abzusetzen.

Parallel zu diesen gewaltlosen Massendemonstrationen begann sich heimlich, still und leise ein gesellschaftlicher Protest der anderen Art zu entwickeln. Ein beschränkter, widerrechtlicher und hochgradig gewalttätiger. Die »Hügeljugend«, die wilden jungen Siedler, begann, gegen die Auflösung und Räumung illegaler Stützpunkte durch die Armee Sturm zu laufen. Auch sie organisierte sich. Unter dem Motto »Preisschild« forderte sie, dass die Palästinenser »bezahlen«. Das bedeutete: Für jede von der israelischen Armee zerstörte illegale jüdische Siedlung wird palästinensisches Eigentum zerstört – als von den Palästinensern zu bezahlender Preis. Muslimische Friedhöfe wurden geschändet, Moscheen angezündet, Militärfahrzeuge zerstört, das Leben linker Aktivisten wurde bedroht und der Armeestützpunkt angegriffen.

Obwohl es sich um zwei komplett getrennte Phänomene handelt, kann man in dem Kampf für soziale Gerechtigkeit und den »Preisschild«-Aktionen der Siedlergruppen zwei Seiten derselben Medaille sehen, die von Benjamin Netanjahus zauderndem Konterfei geprägt ist. In der gegenwärtigen Amtsperiode haben Netanjahu und die Politveteranen seiner Partei Likud gesehen, wie ihnen die Führungszügel aus den Händen glitten. Der ultrarechte Außenminister Avigdor Lieberman machte den Anfang, als er immer wieder, verbissen und kämpferisch, das genaue Gegenteil von dem erklärte, was Netanjahu und die restliche Regierung wollten. Lieberman war schlicht der Erste, der Netanjahus Schwäche erkannte, und allmählich begannen junge Parlamentsabgeordnete von den Hinterbänken der Likud-Fraktion den Ton anzugeben. Eine Flut neuer Gesetze wurde beschlossen. Ihr Ziel war es, die Kompetenzen des Obersten Gerichtshofs und die Meinungsfreiheit einzuschränken, die arabische Minderheit zu schädigen und im Grunde jedes demokratische Fundament in der israelischen Gesellschaft zu schwächen, das möglicherweise der regierenden Rechten entgegenstehen könnte. Ein Teil dieser Gesetze kam mit Netanjahus schwächlicher Unterstützung zustande, viele wegen der schwachen Opposition.