NahostDie zwei Israels

Religiöse Eiferer gegen säkulare Demonstranten: Der Kampf um die Zukunft des Landes hat begonnen. von Etgar Keret

Gegen Geschlechtertrennung im öffentlichen Leben: In Jerusalem demonstrieren Menschen für die Gleichberechtigung von Frauen.

Gegen Geschlechtertrennung im öffentlichen Leben: In Jerusalem demonstrieren Menschen für die Gleichberechtigung von Frauen.  |  © GALI TIBBON/AFP/Getty Images

In den Jahresrückblicken der israelischen Presse werden zwei Bilder unseres Landes am häufigsten zu sehen sein: Das eine ist das Bild der Demonstration für soziale Gerechtigkeit, an der im Sommer etwa eine halbe Million Bürger teilgenommen haben. Das zweite Bild ist das jüdischer Siedler, die im vergangenen Monat in einen Armeestützpunkt eindrangen und den Kommandanten und seinen Stellvertreter mit Steinen bewarfen. Es werden auch die Bilder von ultraorthodoxen Juden sein , die zurzeit eine Geschlechtertrennung in Bussen und auf öffentlichen Plätzen fordern. Beide Bilder unserer Gesellschaft stehen für eine ähnliche Situation: Die Menschen sind frustriert und wütend über das Verhalten ihrer politischen Führung. Doch die Bilder verkörpern zwei völlig unterschiedliche Richtungen, in die Israel in nächster Zukunft gehen könnte. Sie verkörpern die zwei Gesichter Israels .

Am 14. Juli 2011 beschlossen ein paar junge Leute, als Protest gegen die Wohnungsnot Zelte auf einer zentralen Tel Aviver Allee aufzuschlagen . Diese jungen Leute schafften es, Hunderttausende Menschen zur größten Protestdemonstration in der Geschichte des Landes mitzureißen, während führende Politiker sie beschimpften und lächerlich machten. Sie definierten ihren Protest selbst als gesellschaftlich und apolitisch, sie forderten ökonomische Verbesserungen für alle, es ging ihnen um bezahlbare Wohnungen und soziale Unterstützung für alte Menschen. Aber jeder, der wirklich hinhörte, konnte aus den Proteststimmen zahlreiche politische Botschaften heraushören. Die Demonstranten sprachen eine neue, andere Sprache, die vom wohlbekannten israelischen Diskurs der Rechten wie der Linken abwich, sich aber durchaus auf die gleichen alten Probleme bezog. Statt Parolen gegen die Besetzung der Palästinensergebiete und Diskriminierung von Arabern formulierten die Demonstranten Parolen für soziale Gerechtigkeit und Unterstützung von Minderheiten.

Anzeige

Durch das Motto der sozialen Gerechtigkeit gelang es der Bewegung, viele auf die Straße zu bringen, die von den altbekannten linken Parolen abgeschreckt waren. Die Demonstrationen waren keine kleine Bedrohung für die gegenwärtige Rechtsregierung, denn all diese jungen Mittelschichtler, die wochenlang auf den Plätzen in ihren Zelten ausharrten, riefen unverblümt dazu auf, das amtierende Staatsoberhaupt Benjamin Netanjahu abzusetzen.

Etgar Keret
Etgar Keret

ist ein israelischer Schriftsteller, seine Bücher wurden in neun Sprachen übersetzt. Auf Deutsch erscheint jetzt Plötzlich klopft es an der Tür, S. Fischer Verlag, 2012.

Parallel zu diesen gewaltlosen Massendemonstrationen begann sich heimlich, still und leise ein gesellschaftlicher Protest der anderen Art zu entwickeln. Ein beschränkter, widerrechtlicher und hochgradig gewalttätiger. Die »Hügeljugend«, die wilden jungen Siedler, begann, gegen die Auflösung und Räumung illegaler Stützpunkte durch die Armee Sturm zu laufen. Auch sie organisierte sich. Unter dem Motto »Preisschild« forderte sie, dass die Palästinenser »bezahlen«. Das bedeutete: Für jede von der israelischen Armee zerstörte illegale jüdische Siedlung wird palästinensisches Eigentum zerstört – als von den Palästinensern zu bezahlender Preis. Muslimische Friedhöfe wurden geschändet, Moscheen angezündet, Militärfahrzeuge zerstört, das Leben linker Aktivisten wurde bedroht und der Armeestützpunkt angegriffen.

Obwohl es sich um zwei komplett getrennte Phänomene handelt, kann man in dem Kampf für soziale Gerechtigkeit und den »Preisschild«-Aktionen der Siedlergruppen zwei Seiten derselben Medaille sehen, die von Benjamin Netanjahus zauderndem Konterfei geprägt ist. In der gegenwärtigen Amtsperiode haben Netanjahu und die Politveteranen seiner Partei Likud gesehen, wie ihnen die Führungszügel aus den Händen glitten. Der ultrarechte Außenminister Avigdor Lieberman machte den Anfang, als er immer wieder, verbissen und kämpferisch, das genaue Gegenteil von dem erklärte, was Netanjahu und die restliche Regierung wollten. Lieberman war schlicht der Erste, der Netanjahus Schwäche erkannte, und allmählich begannen junge Parlamentsabgeordnete von den Hinterbänken der Likud-Fraktion den Ton anzugeben. Eine Flut neuer Gesetze wurde beschlossen. Ihr Ziel war es, die Kompetenzen des Obersten Gerichtshofs und die Meinungsfreiheit einzuschränken, die arabische Minderheit zu schädigen und im Grunde jedes demokratische Fundament in der israelischen Gesellschaft zu schwächen, das möglicherweise der regierenden Rechten entgegenstehen könnte. Ein Teil dieser Gesetze kam mit Netanjahus schwächlicher Unterstützung zustande, viele wegen der schwachen Opposition.

Leserkommentare
    • 2sheba
    • 04. Januar 2012 11:11 Uhr

    "Die rassistische Rechte und die fundamentalistischen, jüdisch-religiösen Strömungen sind die Hauptdarsteller in der aktuellen politischen Arena Israels. Sie haben kein Interesse daran, die demokratischen Grundprinzipien ihres Landes zu verteidigen."

    Es ist doch schön, dass dort beide Seiten ihre Meinungen sagen dürfen - egal, ob sie mit der REgierung konform gehen oder nicht. In den anderen Staaten im Nahen-Osten wären Demonstrationen, die NICHT nach Meinung der Regierung bzw Regimes entsprechen, brutal niedergeknüppelt worden.

    Aber das hier:

    " hoffe ich, dass mein Land seine neurotische Existenzangst"

    ist eine Beleidigung aller Opfer von Anschlägen, die ihr Leben lassen mussten, weil die Existenz eben nach wie vor nicht anerkannt wird von den umliegenden Staaten.
    Erklären Sie das doch mal den Angehörigen der Opfer, wenn diese sich nach wie vor nicht sicher fühlen können.

    "Stell dich mal nicht so an, mit deiner neurotischen Existenzangst..."

    Schade, sehr einseitiger Text und spielt den Israel-"Kritikern" wieder nur in die Hände, die sich darauf beziehen werden, mit dem Beisatz "Wenn DIE das sogar sagt/schreibt?!"

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Was Herr Keret sagt, halte ich für durchaus richtig.Israels Existensangst ist durchaus neurotisch. Kein Land im Nahen Osten ist in der Lage, sich militärisch mit Israel zu messen. Niemand ist in der Lage, Israel zu vernichten, wie es dem Iran beispielsweise unterstellt wurde. Das es sich hierbei um eine falsch Übersetzung gehandelt hat, wissen die wenigsten.

    http://www.ag-friedensfor...

    Und wo sie gerade bei Einseitigkeit waren.
    Erklären sie doch mal den Menschen in Gaza, warum diese sich nach wie vor nicht sicher fühlen können.

    • xpeten
    • 04. Januar 2012 12:37 Uhr

    darüber freuen können, dass "rassistische Meinungen" öffentlich "vertreten" werden dürfen. Mit solchen Dingen muss man als Demokrat wohl oder übel leben, so wie manche Menschen mit ihren Hämorrhoiden leben müssen.

    Allerdings hat man als Demokrat dann aber auch das Recht und die Pflicht, jegliche Formen von Rassisten, Fremdenfeinden und Antidemokraten, sowie Intoleranz, Hass und Ausgrenzung predigende Religiöse entschieden zu bekämpfen.

    • fse69
    • 04. Januar 2012 13:38 Uhr

    Sie zitieren den Autor mit den Worten:

    "..."Die rassistische Rechte und die fundamentalistischen, jüdisch-religiösen Strömungen sind die Hauptdarsteller in der aktuellen politischen Arena Israels. Sie haben kein Interesse daran, die demokratischen Grundprinzipien ihres Landes zu verteidigen."..."

    ... und kommentieren das wie folgt:

    "...Es ist doch schön, dass dort beide Seiten ihre Meinungen sagen dürfen - egal, ob sie mit der REgierung konform gehen oder nicht. ...."

    Diese "beiden Seiten" - also die rassistische Rechte und fundamentalistische religiöse Strömungen - SIND Teil der aktuellen Regierung.

    palästinensische Häuser zu zerstören als Rache für die Zerstörung illegaler Siedlungen, Moscheen und Friedhöfe zu schänden, Palästinenser mit Steinen und Abfällen zu bewerfen etc. Die Herren und Damen Rassisten beschränken sich eben nicht aufs bloße Meinen!

  1. einer derjenigen Israelis zu Wort kommt, der mit Nachdenklichkeit, Intelligenz und Verantwortungsbewußtsein kommentiert.
    Es gibt viele dieser jüdischen Stimmen, man hört sie viel zu selten !

    13 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • 2sheba
    • 04. Januar 2012 11:42 Uhr

    Israelische oder Jüdische Stimme?!

    Damit haben Sie schon verraten, was Ihnen eigentlich vorschwebt und WELCHE Aussagen Sie hören wollen...

    • colca
    • 04. Januar 2012 11:26 Uhr
    3. Sorge

    "...hoffe ich, dass mein Land seine neurotische Existenzangst eines Tages überwinden und zu einem Ort für Menschen werden wird, die Gleichheit und Leben wollen,"

    Dieser Hoffnung des Autors kann ich mich nur anschließen.
    Aber die Gefahr, dass sich Israel mittelfristig in die andere Richtung zu einem von Fundamentalismus und Radikalität geprägten Gewaltstaat entwickelt, ist real und sie wächst.
    Sollte es der israelischen Zivilgesellschaft nicht bald gelingen, die radikalen Landräuber und die fundamentalistischen Ultrafrommen in die Schranken zu weisen, dann werden diese das Land ruinieren.

    Eigentlich macht mir das Wohlergehen eines asiatischen Kleinstaates keine grundsätzlichen Sorgen. Wenn aber die Gefahr besteht, dass radikale Spinner ihre Finger an das israelische Atomwaffenpotenzial oder auch nur an die konventionellen High-Tech-Waffen des Landes bekommen - dann ist das ein sehr realer Grund zur Beunruhigung. Zumal das Land ja in der Vergangenheit nie Skrupel oder Zögerlichkeit bei der Ausübung von exzessiver Gewalt gegen Staaten, Organisationen oder Einzelpersonen gezeigt hat.

    Dagegen ist jede angebliche Gefahr durch den angeblich nach Atomwaffen strebenden Iran der reine Kindergeburtstag...

    8 Leserempfehlungen
    • 2sheba
    • 04. Januar 2012 11:42 Uhr

    Israelische oder Jüdische Stimme?!

    Damit haben Sie schon verraten, was Ihnen eigentlich vorschwebt und WELCHE Aussagen Sie hören wollen...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    will sich mir leider nicht erschließen.
    Es gibt weltweit jüdische Stimmen wie die von Keret,
    aber eben nicht nur weltweit, sondern auch in Israel
    selbst.
    Das ist positiv und es bleibt zu hoffen, dass diese
    Stimmen lauter werden und auch in den Medien zunehmend
    Gehör finden.

    Mir scheint, mit solcherlei Vorwürfen wird viel zu leicht um sich geworfen. Jemandem aufgrund einer bloßen Formulierung, die schlicht Stilmittel sein kann, diffus eines Antisemitismus oder Antiislamismus zu bezichtigen (was von beiden, wird nicht ganz klar), ist unfair, zwecklos und kontraproduktiv.

  2. Was Herr Keret sagt, halte ich für durchaus richtig.Israels Existensangst ist durchaus neurotisch. Kein Land im Nahen Osten ist in der Lage, sich militärisch mit Israel zu messen. Niemand ist in der Lage, Israel zu vernichten, wie es dem Iran beispielsweise unterstellt wurde. Das es sich hierbei um eine falsch Übersetzung gehandelt hat, wissen die wenigsten.

    http://www.ag-friedensfor...

    Und wo sie gerade bei Einseitigkeit waren.
    Erklären sie doch mal den Menschen in Gaza, warum diese sich nach wie vor nicht sicher fühlen können.

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • 2sheba
    • 04. Januar 2012 13:30 Uhr

    klingt nicht weniger freundlich...

    Wenn ich Ihnen sage, dass ich gerne Ihre Familie von den Seiten der Geschichte löschen würde, würden Sie denken, ich wäre Ihnen freundlich gesinnt?

    Merken Sie jetzt selbst, oder?

    • 2sheba
    • 04. Januar 2012 13:35 Uhr

    von der Hamas.

    Ich hoffe, das beantwortet Ihr latent provokante Frage

    "Erklären sie doch mal den Menschen in Gaza, warum diese sich nach wie vor nicht sicher fühlen können.
    "

    • TomFynn
    • 04. Januar 2012 11:55 Uhr

    dann sehen wir hier den Beginn des *israelischen* Frühlings. Das lässt doch hoffen. Denn soweit ich das überblicke, sind 70% der Menschen im Nahen Osten den Wahn müde, 20% sind dabei daran gut zu verdienen und 10% sind komplett durchgeknallt. Auf beiden Seiten. Wenn die Vernünftigen jetzt den Aufstand proben, ist das genau das, was die Welt braucht.

    PS: Gut, dass die Propheten anscheinend Sendepause haben. Wie die Geschichte zeigt, hat man mit denen nichts als Ärger...

    4 Leserempfehlungen
  3. meiner Ansicht nach wieder einmal das, worüber bei der ganzen Problematik auch hier brav geschwiegen wird: Der Einfluss und die Interessen der USA!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • 2sheba
    • 04. Januar 2012 13:38 Uhr

    haben sicherlich Interesse am dauerhaften Frieden in der Region und haben hoffentlich weiterhin Einfluss auf die Verhandlungen.

    Bitte verzichten Sie auf rassistische und pauschalisierende Äußerungen.

    • xpeten
    • 04. Januar 2012 12:37 Uhr

    darüber freuen können, dass "rassistische Meinungen" öffentlich "vertreten" werden dürfen. Mit solchen Dingen muss man als Demokrat wohl oder übel leben, so wie manche Menschen mit ihren Hämorrhoiden leben müssen.

    Allerdings hat man als Demokrat dann aber auch das Recht und die Pflicht, jegliche Formen von Rassisten, Fremdenfeinden und Antidemokraten, sowie Intoleranz, Hass und Ausgrenzung predigende Religiöse entschieden zu bekämpfen.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service