Streit um VölkermordMehr Vergangenheit wagen

Die Türkei ist stark wie noch nie – jetzt sollte sie sich ihrer Geschichte stellen. von 

Vorbild für viele Araber: Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan

Vorbild für viele Araber: Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan  |  © Sean Gallup/Getty Images

Was ist eigentlich mit den Türken los? Fassen wir zusammen: Dem Land geht es wirtschaftlich blendend, besser als vielen EU-Ländern, das Wirtschaftswachstum beträgt zehn Prozent, die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie noch nie (neun Prozent), türkische Baufirmen können sich im In- und Ausland kaum vor Aufträgen retten. Politisch läuft es auch nicht schlecht: Premierminister Recep Tayyip Erdoğan wurde im Juni wiedergewählt , seine AKP regiert allein; er ist beliebt, als Aufsteiger aus einer der ärmsten Gegenden Istanbuls genießt er Respekt, nicht nur unter den frommen Türken, die sich durch ihn in der einst hygienisch unreligiösen türkischen Öffentlichkeit wieder sichtbar fühlen. Seit Beginn des Arabischen Frühlings und der rechtzeitigen Entscheidung für die Sache der Demonstranten und gegen einstige Verbündete wie Gadhafi, Mubarak und Assad sind sich viele Araber einig: Wir lieben nicht nur die Seifenopern dieser Türken, in denen Frauen fremdgehen und Männer auch mal weinen – nein, wir wollen auch einen "Leader" wie Erdoğan anstelle unserer verknöcherten Tyrannen.

Was soll also jetzt dieser Streit mit Frankreich ? Das Parlament in Paris verabschiedet ein Gesetz, das die Leugnung von Völkermorden unter Strafe stellt, also auch das Leugnen des Völkermords an den Armeniern 1915 in der Türkei – und prompt steigt in Ankara die Temperatur: Die Regierung zieht den Botschafter aus Frankreich ab. Erdoğan greift den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy , seinen Intimfeind, an: Er solle bitte zum Thema Völkermord erst einmal seinen Vater befragen, der als Fremdenlegionär in Algerien im Einsatz gewesen ist.

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Erst vor ein paar Monaten hatte die Türkei den israelischen Botschafter ausgewiesen und alle Militärkooperationen mit Israel gestoppt, weil die dortige Regierung sich nicht für neun getötete Gaza-Aktivisten auf dem türkischen Schiff Mavi Marmara entschuldigen wollte.

Und im Inland? Da machen preisgekrönte Journalisten ihren Job, recherchieren nämlich – und landen hinter Gittern. Einer von ihnen, Ahmet Şk, hat ein Buch über den Einfluss islamischer Prediger bei der Polizei geschrieben, das noch vor dem Erscheinen verboten wird. Aber Tausende Türken laden es aus dem Internet runter. Weil es wahr ist, was da drinsteht? Darum geht es gar nicht. Die Türken wollen die Freiheit haben, selbst zu lesen und zu urteilen, statt von ihrer Regierung entmündigt zu werden.

Warum nimmt die türkische Führung ihre Erinnerungspolitik nicht selbst in die Hand, statt nur beleidigter Zaungast ausländischer Parlamente zu sein, die auf der ganzen Welt Resolutionen über die türkische Armenierfrage verabschieden? Wäre das nicht auch ein Zeichen von Souveränität? Warum wird die schwierige Situation von regierungskritischen Journalisten, Intellektuellen oder Künstlern überall diskutiert, nur die türkische Politik tut so, als hätte das alles nichts mit ihr zu tun?

Leserkommentare
    • sickbu
    • 04. Januar 2012 23:28 Uhr

    Mir fallen bei der Lektüre die unzähligen gelöschten Posts auf. Dann gibt es hier wohl mehr Genozidleugner als einem lieb seien kann.

    Es war gut und richtig, dass Frankreich dieses Thema auf die Tagesordnung gebracht hat. Deutschland sollte sich klar auf die Seite Frankreichs in dieser Sache stellen.

    Falls die Türkei von Herrn Erdogan durch Drohungen jetzt die Wahrheit bekämpfen will, dann sollte die EU gemeinsamt mit den USA und Canada mit Wirtschaftssanktionen antworten. Diese Türkei ist in der EU nicht willkommen und in Deutschland ist Herr Erdogan erst recht nicht willkommen. Seine letzten Auftritte hier waren unsäglich.

  1. nissen zweifeln.
    Aus dem Artikel die Wiedergutmachung der BRD an den jüdischen Staat betreffend.

    """Nur weil man darüber nachdenkt, wie eine Aussöhnung aussehen könnte, nur weil man sich mit der Frage quält, wer man ist und sein will, heißt das nicht, dass man sein Land nicht liebt. Das haben die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg ganz gut hingekriegt. Es war ein schmerzhafter Prozess, der erst nach den Wirtschaftswunderjahren begann. Vorher wurde die Vergangenheit ausgeblendet, so wie jetzt in der Türkei. """""

    Konrad Adenauer hat bereits bevor er der erste Kanzler wurde, als Vorsitzender des "Parlamentarischen Rates" begonnen mit dem Staat Israel über eine Entschädigung zu verhandeln. (1947/1948)

    Nach zähen Verhandlungen..... unterzeichnete Konrad Adenauer am 10. September 1952 das Luxemburger Abkommen, in dem Warenlieferungen im Wert von 3,0 Milliarden DM an Israel und die Zahlung von 450 Millionen DM an die Jewish Claims Conference vereinbart wurde. Die Conference on Jewish Material Claims against Germany wurde 1951 als Gesamtvertretung von 52 jüdischen Organisationen in westlichen Ländern gegründet. Die Zahlungen, die in Israel zu starken Kontroversen und öffentlichen Protesten führten, wurden von Ministerpräsident David Ben Gurion als überlebenswichtig angesehen. Sie wurden...für die Eingliederung der Neueinwanderer aus Europa benötigt.

    Frau Topcu, wo sind ihre Geschichtskenntnisse???

    Wird einer solchen Elevin nicht der Artikel redigiert???

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    denn diese erfolgte tatsächlich bereits gegen Ende der vierziger Jahre,
    im übrigen, was nicht vergessen werden sollte, mit der hanebüchenen Begründung Adenauers in der von der "Macht der Juden" die Rede war -

    http://www.youtube.com/wa...

    - die tatsächliche Aufarbeitung des deutschen Genozids an den europäischen Juden erfolgte jedoch erst in den sechziger Jahren.

    Dies wird auch durch den Inhalt der Adenauer-Rede bezeugt, die verdeutlicht, dass der Fuchs Adenauer glaubte die Wiedergutmachung den Deutschen nicht anderes nahebringen zu können.

  2. 155. @Bert

    "alles andere ist doch nur das übliche leere gerede, dessen sich relativisten und geschichtklitterer befleissigen."

    Das ist schicht und einfach eine ganz billige Form der Argumentation. Sie wissen doch, dass es keinen einzigen seriösen Historiker beindrucken wird. Es ist vielmehr ein letzter Strohhalm, um seinen zweifelhaften Argumenten Nachdruck zu verleihen. Es ist eine Argumentationsform, der sich Politiker bedienen und keine Wissenschaftler.

    "zum politikum wurde die historische forschung wohl einzig in der türkei gemacht, wo jeder unabhängige forscher fürchten muß wegen beleidigung des türkentums verurteilt zu werden."

    Da mögen Sie recht haben, genauso werden Sie doch zustimmen, dass es ein Politikum ist die Historie von Dritten im eigenen Parlament im wahrsten Sinne des Wortes per Abstimmung niederzuschreiben. Als unparteiischer Diskutant sollten Sie allerdings nicht die Tatsache verschweigen, dass jede Person in Armenien strafrechtlich verfolgt wird, die einem Völkermord nicht zustimmt. Und genaus diese Art der einseitigen Informationen, die Sie bereitstellen, sind Sie nicht ernstzunehmen und disqualifizieren sich als Diskutant.

    Es hat keine Zweck, weitere Seiten der Kommentare zu schreiben. Ich kann den Armeniern raten vor einem internationalen Gerichtshof zu gehen oder einen Antrag auf Anerkennung in der UN zu stellen, andernfalls kann ich die Haltung der Türken sehr gut nachvollziehen.

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    da wurde ihnen vorschlagen doch begründete einwände gegen geschichtswissenschaftlichen beweise und dokumente des türkischen genozids, die ihnen hier zu hauf genannt wurden, zu artikulieren - umd sie nennen dies eine "ganz billige argumetation".
    das spricht für sich, finden sie nicht?
    bleibt festzustellen, dass sie keine sachlichen einwände haben und den vorwurf des leeren geredes weiter bestätigen.

    im unterschied zur seit 80 jahren währenden türkischen unterdrückung
    der unabhängigen forschung hinsichtlich des in der freien wissenschaft mittlerweile gut verifizierten türkischen genozids, stellt das schweizerische, kanadische, französische usw. verbot der genozidleugnung kein politikum dar, sondern, wie falle des holokausts, eine juristische maßnahme zum schutz der opfer und hinterblebenen dar.

    da sie zum wiederholten male ihren rückzug aus der debatte bekundeten, und von ihnen trotz meiner aufforderung, ihre einwände sachlich zu begründen, von ihnen nichts dergleichen kam, werde ich ihnen nunmehr die konsequenz erleichtern und von der weiterführung der debatte mit ihnen absehen

  3. da wurde ihnen vorschlagen doch begründete einwände gegen geschichtswissenschaftlichen beweise und dokumente des türkischen genozids, die ihnen hier zu hauf genannt wurden, zu artikulieren - umd sie nennen dies eine "ganz billige argumetation".
    das spricht für sich, finden sie nicht?
    bleibt festzustellen, dass sie keine sachlichen einwände haben und den vorwurf des leeren geredes weiter bestätigen.

    im unterschied zur seit 80 jahren währenden türkischen unterdrückung
    der unabhängigen forschung hinsichtlich des in der freien wissenschaft mittlerweile gut verifizierten türkischen genozids, stellt das schweizerische, kanadische, französische usw. verbot der genozidleugnung kein politikum dar, sondern, wie falle des holokausts, eine juristische maßnahme zum schutz der opfer und hinterblebenen dar.

    da sie zum wiederholten male ihren rückzug aus der debatte bekundeten, und von ihnen trotz meiner aufforderung, ihre einwände sachlich zu begründen, von ihnen nichts dergleichen kam, werde ich ihnen nunmehr die konsequenz erleichtern und von der weiterführung der debatte mit ihnen absehen

    Antwort auf "@Bert"
  4. in welche Wichtigkeitsstufe ich Ihre Weltmacht Türkei einordne.
    Der hier wieder einmal offen auftretende türkische Nationalismus ist einfach ... ab damit. Geäußert sicherlich oftmals, wenn nnicht in der Mehrheit, von ach so deutschen Mitbürgern, die hier so laut aufschreien, wenn man sie nicht wie deutsche Mitbürger sieht und behandelt
    aber einen so abgrundtief häßlichen, menschenverachtenden Türk- Nationalismus offenbaren sobald man die Schandtaten der Türkei anspricht: Armenier? Staatsfeinde auf Erholungsurlaub vom rechten Weg abgekommen - was natürlich nichts mit der falschen Religion und der gewünschten Reinheit des Mutterlandes zu tun hatte.
    Kurden? Den Kurden geht's doch gut. Wenn's die PKK nicht mehr gibt, und dafür sorgt die mörderische Innenpolitik per Armee, dann herrscht doch Ruhe.
    Menschen wurden totgebombt? Ist halt so im Krieg (stand hier bei ZO- Kommentare zu lesen). Waren nur Schmuggler (stand hier zu lesen bei ZO- Kommentare).
    Deutsche Türken äußern sich so menschenverachtend und fernab jeder Menschenrechtscharta - die gleichen oftmals, die die Deutschen des Rassismus und des Versagens der Menschenrechte für MigraHI-gründe in Deutschland anprangern wollen.
    Das Leben der türkischen Ehre fordert in der Türkei Todesopfer und Gefängnis bei kritischen Journalisten
    und mit solchen irrwitzigen Bandagen wird dieser Nationalismus hier hochgehalten. Und reicht im privaten Bereich bis hin zu Ehrenmorden.
    Wie sagten Sie: Lächerlich? Stimmt. Und Peinlich, hoch peinlich!

    Nehmen Sie Abstand von diffamierenden und verallgemeinernden Äußerungen. Die Redaktion/mak

    Antwort auf "@mahatmamueller"
    • eins2
    • 05. Januar 2012 9:48 Uhr

    sie nach deutscher Märchengeschichte, "Kreide gefr... haben". Sie erzählen den Leuten Lügen und stehen dazu. Verhandlungsparter einer westlichen Wertegesellschaft sind anders aufgestellt. Als strategische Komponente allerdings notwendig.
    Wir, sprich die deutsche Gesellschaft mit ihren Politikern und gesellschaftlichen Führern sind aus vielerlei Gründen nicht bereit, genug demokratische und rechtsstaatliche Flagge zu zeigen in Bereichen, wo sich Parallelgesellschaft gebildet haben, wo die Grundrechte und die Spielregeln einer offenen Gesellschaft keine Rolle spielen.
    Eine hinreichend aktive Politik, die auf tiefgreifende nachdrückliche und nachhaltig beobachtete und nachgehaltene Integration setzt, ist nicht erkennbar.
    Dabei wäre dies auch nicht zuletzt für die Betroffenen selbst notwendig, sich einer Vereinnahmung erwehren zu können oder davor bewahrt zu werden.
    Für ein friedliches Zusammenleben und eine gemeinsame Zukunft ist eine Einbindung mit der Ziel der wirklichen Integration unumgänglich.
    Dazu braucht es ggf. auch einen wehrhaften Rechtsstaat gegen Umtriebe, die ganz andere Ziele haben.

  5. denn diese erfolgte tatsächlich bereits gegen Ende der vierziger Jahre,
    im übrigen, was nicht vergessen werden sollte, mit der hanebüchenen Begründung Adenauers in der von der "Macht der Juden" die Rede war -

    http://www.youtube.com/wa...

    - die tatsächliche Aufarbeitung des deutschen Genozids an den europäischen Juden erfolgte jedoch erst in den sechziger Jahren.

    Dies wird auch durch den Inhalt der Adenauer-Rede bezeugt, die verdeutlicht, dass der Fuchs Adenauer glaubte die Wiedergutmachung den Deutschen nicht anderes nahebringen zu können.

    • fse69
    • 05. Januar 2012 13:09 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ls

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    "Mal davon ab, dass es sehr wohl eine ganze Reihe von Leuten gibt, die sich der Armenierfrage aus diesem einen Grunde widmen - nämlich "den Türk" endlich kriechend als sich selbst "kasteienden Büßer" erleben zu dürfen - kann ich es vielen Deutschen ja noch nachsehen, dass sie eine schier unüberwindlich scheinende Sperre im Kopf haben, durch welche die Einsicht in die an sich einfache Erkenntnis verhindert wird, dass der Großteil der Türken sich gegenüber dieser Frage schlicht aus ehrlicher und aufrichtiger Überzeugung so positioniert - meine Person inbegriffen (auch die eines Erdogans übrigens)."

    dass ein Ihrem unverholenen Selbstlob entsprechendes redliches und aufrichtiges Verhalten in Ihren Kommentaren nirgends zu finden ist - und schon gar nicht im verhalten des zwischen Doppelmoral,ungezogener Rumpelstilzchenmanier und islamistischer Ideologie taktierenden Erdogan,
    ist es genau dieses Erlebnis, was Sie "einer ganzen Reihe von Leuten" verschaffen, die die einschlägige Argumentation verfolgen, dass des - ich zitiere Sie - in unaufrichtiger Weise "kriechenden", sich in argumentativen Winkelzügen auf absurdeste Weise windenden türkischen Genozidleugners.

    Das "Bild vom unreifen und zur Selbstkritik unfähigen Türken," welches Sie Frau Topuc zu entwerfen unterstellen, wird allein durch ihre Rhetorik bestätigt.
    Und "nach dem Munde2 rdet nicht Frau Topuc, sondern Sie - und zwar der offiziellen türkischen Leugnungs- und Relativierungspropaganda.

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  • Schlagworte Nicolas Sarkozy | Völkermord | Türkei | AKP | Aufsteiger | Frühling
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