Politik und Lyrik Nr. 43 Alte Tante Politik
Jede Woche veröffentlicht die ZEIT Gedichte über Politik. Diese Woche widmet sich Nora Bossong der "Alten Tante Politik".
Seit dem 10. März versuchen wir im Politikteil der ZEIT, Politik von einer anderen Seite und auf andere Art wahrzunehmen. Elf Lyrikerinnen und Lyriker verfassen eigens für die ZEIT Gedichte, sie zeigen uns ihre Sicht auf die Politik. Mal schreiben sie unabhängig von den Ereignissen, mal gehen sie direkt auf politische Erlebnisse ein. Womit wir anfangs nicht gerechnet hatten, das ist die Fülle und Dichte der Ereignisse, wie wir sie seit Anfang dieses Jahres erleben. Die Gedichte wurden dabei häufig sehr aktuell, einige am Tag nach politischen Entscheidungen oder nach Katastrophen verfasst. Diese Woche widmet sich Nora Bossong der »Alten Tante Politik«.
Nora Bossong: Alte Tante Politik
Sie wohnt feudal, doch im Nebenraum:
Nationalgalerie, zweiter Stock links. Dort
steckt sie fest in einem Bild von sich selbst,
kommt nicht heraus, nicht vor, nicht zurück,
ein Porträt, das versucht zu gehen, Öl ohne Feuer.
Ihre Nahrung Tee und lang getunkte Kekse, das Licht
der Wächter, die sichern, dass sie keiner stiehlt.
Ihre Zeit streckt sich maßlos, dieses graue Tier
mit elastischem Rücken und ein Kratzen im Hof
hält sie wach, sie ist alt, sie ist endlos müde, träumt
vom Rücktritt, würde gern in den Farben untergehen.
Doch sie bleibt und da hängt sie: Raum zwölf, zweite
von rechts. Das ist ihr Aufstand nach Vorschrift.
- Nora Bossong
geboren 1982 in Bremen. Studium der Kulturwissenschaften, Philosophie und Literatur in Berlin, Leipzig und Rom. Zuletzt erschienen ihr Roman Webers Protokoll (FVA 2009) und ihr Gedichtband Sommer vor den Mauern (Hanser 2011). Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Kunstpreis Literatur 2011 der Akademie der Künst.
- Datum 16.01.2012 - 10:08 Uhr
- Serie Politik & Lyrik
- Quelle DIE ZEIT, 29.12.2011 Nr. 01
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