Politik und Lyrik Nr. 43 : Alte Tante Politik

Jede Woche veröffentlicht die ZEIT Gedichte über Politik. Diese Woche widmet sich Nora Bossong der "Alten Tante Politik".

Seit dem 10. März  versuchen wir im Politikteil der ZEIT, Politik von einer anderen Seite und auf  andere Art wahrzunehmen.  Elf Lyrikerinnen und Lyriker  verfassen eigens für die ZEIT Gedichte, sie zeigen uns ihre Sicht auf die Politik. Mal schreiben sie  unabhängig von den  Ereignissen, mal gehen sie direkt auf politische  Erlebnisse ein. Womit wir anfangs nicht  gerechnet hatten, das ist die Fülle und Dichte der  Ereignisse, wie wir sie seit  Anfang dieses Jahres  erleben. Die Gedichte  wurden dabei häufig sehr aktuell, einige am Tag nach  politischen Entscheidungen oder nach Katastrophen  verfasst. Diese Woche  widmet sich Nora Bossong der »Alten Tante Politik«.

Nora Bossong: Alte Tante Politik

Sie wohnt feudal, doch im Nebenraum:

Nationalgalerie, zweiter Stock links. Dort

steckt sie fest in einem Bild von sich selbst,

kommt nicht heraus, nicht vor, nicht zurück,

ein Porträt, das versucht zu gehen, Öl ohne Feuer.

Ihre Nahrung Tee und lang getunkte Kekse, das Licht

der Wächter, die sichern, dass sie keiner stiehlt.

Ihre Zeit streckt sich maßlos, dieses graue Tier

mit elastischem Rücken und ein Kratzen im Hof

hält sie wach, sie ist alt, sie ist endlos müde, träumt

vom Rücktritt, würde gern in den Farben untergehen.

Doch sie bleibt und da hängt sie: Raum zwölf, zweite

von rechts. Das ist ihr Aufstand nach Vorschrift.

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