Edward St. Aubyn: "Ich hatte das Glück, dass mein Vater starb"
Der Schriftsteller Edward St. Aubyn über seinen Vater, der ihn missbrauchte – und die Überwindung seiner Not durch Literatur.
ZEITmagazin: Herr St. Aubyn, Ihre Romane spielen in der britischen Oberschicht. Obwohl Sie diese Welt als einen Horrortrip beschreiben, genießen wir Leser den Esprit, Witz und Snobismus, die dort herrschen.
Edward St. Aubyn: Ich wollte das, was zweifelsohne eine schmerzhafte Erfahrung war, in ein vergnügliches literarisches Abenteuer verwandeln. Mir geht es um das Vergnügen mit dem Text, nicht darum, den Leser zu quälen. Dialoge in Romanen sollten brillanter sein als in der Wirklichkeit, sonst unterhalten sie nicht. Ich fürchte, Sie wären ziemlich enttäuscht, wenn Sie in London bei einer realen Party dabei wären.
ZEITmagazin: Sie sind der Sohn einer der ältesten englischen Adelsfamilien. In Ihren Romanen erzählen Sie auf ebenso kunstvolle wie schockierende Weise davon, wie Sie als Kind von Ihrem Vater sexuell missbraucht wurden und wie Ihr Leben dann zwischen Drogen, Depressionen und Selbstmordgedanken verlief. Hat das Schreiben Sie gerettet?
51, wurde in London in eine wohlhabende Adelsfamilie hineingeboren. Dieses Milieu hat er in mehreren Romanen dargestellt, deren Helden Patrick Melrose er als sein Alter Ego bezeichnet. St. Aubyn, vom Vater missbraucht, war heroinabhängig. Vor Kurzem ist bei Piper der fünfte und abschließende Roman der Melrose-Saga erschienen: Zu guter Letzt.
St. Aubyn: Nicht das Schreiben selbst. Ich leide furchtbar, wenn ich schreibe, weil ich diese dunkle Materie dann noch einmal durchleben muss. Der Leser ist der Schlüssel: Erst wenn das Buch gelesen wird, beginnt der Prozess der Befreiung. Dann werde ich von einem anderen menschlichen Wesen verstanden und nicht zurückgestoßen. Als Kind war ich ein leidenschaftlicher Leser. Ich war sehr isoliert, und ich erinnere mich gut, wie ich durch die Lektüre die Verbindung zu einer anderen empfindsamen Intelligenz herstellte. Anders gesagt: Das Schreiben selbst ist höchst unangenehm, die Befreiung kommt danach. Ich begann mit den Melrose-Romanen in einer persönlichen Notsituation, die ich über zwanzig Jahre und fünf Romane langsam aufgelöst habe, indem ich versuchte, durch Kommunikation die Isolation aus Scham, Horror, Tabu, Geheimnis, Depression und Selbstmordgedanken aufzulösen. Damals dachte ich: Das bringt dich um, wenn du es nur berührst! Ich war in einem permanenten Zustand des Alarms, dass diese unerträglichen Erinnerungen über mich kommen könnten. Die sind jetzt tatsächlich entschärft.
ZEITmagazin: Ihr Vater hatte Ihnen gedroht, Sie zu töten, wenn Sie je darüber reden oder schreiben würden.
St. Aubyn: Das war ganz primitiver Terror. Als ich Schöne Verhältnisse zu schreiben begann, war mein Vater schon gestorben. Trotzdem war ich in einem großen Konflikt, ob ich das Buch veröffentlichen sollte oder nicht. Ich hatte regelrechte Ohnmachtsanfälle vor dieser Entscheidung. Einerseits sehnte ich nichts mehr herbei, als die Wahrheit zu erzählen, andererseits fürchtete ich nichts mehr, als diesen Schritt zu tun.
ZEITmagazin: Hätten Sie »Schöne Verhältnisse« geschrieben, wenn Ihr Vater noch lebte?
St. Aubyn: Nein, solange er lebte, waren all meine Kräfte gebunden in dem Krieg mit dieser realen Person. Ich hatte das Glück, dass mein Vater starb, als ich 25 war. Ich weiß nicht, wie es mit mir weitergegangen wäre ohne seinen Tod, denn es war kein gesundes Leben, das ich damals führte.





..."nobel".
Nach der Lektüre des Interviews mußte ich sofort nachschauen, ob das Hörbuch, das ich vor einiger Zeit gehört hatte, tatsächlich der Roman "Schöne Verhältnisse" von St.Aubyn ist. So lässig gekonnt kommt die Stimme von Matthias Schweighöfer daher, so souverän der Stil der Prosa, dass mir die Dramatik in diesem Upper Class- Geschehen dazu noch vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen des Autors gar nicht richtig bewußt wurde. Ein hervorragender Autor, dessen Romane ich unbedingt lesen muss. Ein sehr gutes Interview!
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