JahresrückblickGraue Zellen leuchten

Gottschalk ist reif für den MDR, Merkel gibt die Cinderella – und die Besten sterben still: So war 2011 für Schriftsteller Clemens Meyer von Clemens Meyer

Das Jahr der Neutrinos. Schneller als das Licht flitzen sie durch Raum und Zeit, lassen Gottschalks Haar über Nacht ergrauen, durchdringen Baron Guttenbergs Augen und lassen graue Zellen leuchten, wenn Udo Reiter den MDR hinter die Bühne rollt, die Leipziger hätten am liebsten Peter Sodann und Peter Degner als Doppelspitze ihres Provinztheaters, und währenddessen graben braune Zellen Stollen (DIE SINN ABER NISCH AUS DRÄSDN!!!) unters Land, wie einst die Wismut unters Erzgebirge, das vorerzgebirgliche Zwickau versinkt bereits langsam im Grund an den Rändern dieser kleinen Stadt, fünfzig S-Bahn-Minuten vor oder hinter Leipzig, vom Zauberberg zum Zauderberg des BND fährt der V-M-Express in Rekordzeit, hin und zurück, 2011, Televisionen auf den Rücken der reisenden Neutrinos.

The Show must go on, ob mit Jauch oder Gottschalk, Kai der Pflaume, Uns-Udo oder ... »Meine Damen und Herren, begrüßen Sie mit riesigem Applaus unseren nächsten Gast... JA I FREU MI, Bildungsminister Wöller!«

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Neutrino 1 zu Neutrino 33: »Who the fuck is Bildungsminister Wöller, und wer ist das moderierende Mädchen, das sich als Frau verkleidet hat?«

Das ZDF hat Wetten, dass...? an den MDR abgeschoben, Florian Silbereisen singt mit Tränen der Ehrlichkeit in den Augen die Wetten an, spektakulär werden die Wildecker Herzbuben in Blätterteig gerollt, und wenn man mal nicht ganz preiswert »heim ins Reich« nach Bozen im schönen Südtirol ausweicht (»Begrüßen Sie mit mir unseren Sondergast... Mr. Bingo Bunga Berlusconi!«), findet das Spektakel im Citytunnel Stadt, weil statt der Bahn der Bohrer, den die honorigen Leipziger Bürger »Leonie« getauft haben (»ISCH FREU MISCH!«), in endlosen Verspätungsschleifen Richtung Wismut aufbricht; braune Zellen aller Länder, vereinigt euch, Norwegen ist das Ziel, auch wenn Günter Grass und Günther Jauch den Kopf synchron wiegen in greiser Besorgnis.

Und die Neutrinos weinen, wenn Kugeln aus Schnellfeuerwaffen durch Raum und Zeit und Leiber blutige Schneisen schlagen. Vom Norden weht ein Wind aus Eis, der Styx steht still und schweiget, und aus dem Nebel steiget... Ragnarök? Thors Hammer kracht in die Wall Streets der Welt, vom Olymp steigt ölig Zeus hinunter, teilen sich die alten Götter die Reste der alten Europa?, oder tanzt Cinderella Merkel ein wenig plump mit einem Schirm aus blitzendem Glas (»Perlen zu verkaufen, kauft funkelnde Perlen, Leute!«) durchs Zischen der Meteoriten?

Warum ist Helmut Schmidt eigentlich nie unser Bundespräsident geworden?, gelber Rauch über Bellevue, habemus Helmut, derweil Baptist Kerner ihm auflauert vorm River Styx, jetzt wissen wir endlich, wer Guttenbergs Haargel geklaut hat, zweckentfremdet fürs Gesicht und für die Hände, Spuren zieht er durch unser schönes blühendes Land, das von Bauersuchenden Frauen, Fernsehrichtern, Messiealarm auf RTL (Nicht der Fußballer!), Britt am Mittag, dem Familiengericht, der Supernanny und anderem Unterricht for the Unterschicht zugrunde gerichtet wird. Aber wir bieten nur Qualitätsfernsehen in unserer Show 2011:

Kleistjahr etwa! Des Meisters Krisen suchen uns heim. Das große Erdbeben von und zu. Heinrich, der Wagen bricht! Und der Mensch zerschlägt, was die Natur noch übrig ließ. Durban, Südafrika, unterm Ozonloch, wir müssen die Sterne erobern oder in der Zeit reisen, um den Automobilen zu entkommen. »Sehen Sie, meine Damen und Herren, wir nehmen unseren Bildungsauftrag wahr!«

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