Cubus von der "Ambassador Band" probt in der Gemeinde Judah Square. An der Wand hängt ein Bild von Haile Selassie, dem letzten Kaiser von Äthiopien. © Mirco Lomoth für DIE ZEIT

Ein Schlagbaum. Rot-gelb-grün gestreift wie die Flagge, die darüber weht. Bei Windstößen ist der gekrönte Löwe Judas darauf zu sehen. Es läuft laute Reggae-Musik. Im Schatten unter einem Holzverschlag sitzen Gestalten mit wilden Rasta-Mähnen, sie schauen mich teilnahmslos an. Einer steht auf, kommt zu mir herüber, er trägt schulterlange Dreadlocks und ein Muskelshirt mit dem Aufdruck »God made Grass«. Der Mann ist bestimmt schon Mitte fünfzig. Etwas in seinen Augen irritiert mich. Unfassbar sanft blicken sie in die Welt. Dann lächelt er, grüßt mich – »Ahoi!« –, öffnet den Schlagbaum und winkt mich herein.

Judah Square. Eine Rastafari-Gemeinde in der Township Khayalethu am Rande der geleckten Küstenstadt Knysna an Südafrikas Garden Route . Die Straße endet auf einem Hügel, von oben sieht man hinter den bunten Häuschen der Township das Meer. Um die 30 Rasta-Familien leben hier. Sie haben Gärten angelegt, es gibt eine Kirche, einen Kindergarten und eine Pension mit zwei Zimmern. Hier können sich Touristen für ein paar Tage unter die Rastas mischen. Deswegen bin ich hier.

Sista Kerri streckt mir ihre Faust entgegen. So begrüßt man sich hier, Faust an Faust und Faust aufs Herz. Jah, Rastafari! Sie ist meine Gastgeberin, eine hagere Frau, 57 Jahre alt, weiß. Auf dem Kopf trägt sie einen stattlichen Haarsack. Er ist grob gehäkelt und prall gefüllt mit ihren locks. Sie rückt ihn oft zurecht und fummelt herausgefallene Strähnchen zurück hinters Ohr. Kerri hat gekocht, es gibt jamaikanische Bohnen mit Reis. Vegan und ungesalzen. »Wir versuchen, gesund zu leben«, sagt sie. Das ist Teil der Rasta-Weltanschauung.

Wir sitzen in ihrem Esszimmer, an der Wand hängen Bilder von Bob Marley und Haile Selassie . Den letzten Kaiser von Äthiopien , gekrönt 1930, verstorben 1975, sieht man überall in Judah Square. Die Rastafaris halten ihn für eine Reinkarnation Jesu Christi. Ihm, der als Ras Tafari Makonnen geboren wurde, verdanken sie ihren Namen. Und an ihn knüpfen sie ihre Hoffnung, eines Tages als schwarze Israeliten ins Paradies Zion einzuziehen.

Schon in Psalm 18 steht: »Rauch quoll aus seiner Nase«

»Ich war schon immer sehr religiös«, sagt Sista Kerri. In ihrer Heimat Australien wuchs sie als Katholikin auf. Rasta ist sie, seit sie vor 33 Jahren auf Barbados bei einer Rasta-Familie gelebt hat. »Es war eine Wiedergeburt für mich. Ich spürte damals: Das ist mein Weg.« Sie ließ ihr Haar wachsen, mittlerweile reicht es bis auf den Boden. Für Rastafaris sind ihre Dreadlocks ein Bekenntnis zu Gott. »Sie sollen wachsen wie die Wurzeln eines Baumes«, sagt Kerri. Viele Jahre zog sie um die Welt, bevor sie 1994 nach Südafrika kam und in Judah Square eine neue Heimat fand. Vor drei Jahren eröffnete sie dann die Pension. Ein Förderprogramm der Stadt Knysna verschafft ihr Gäste, die ein wenig Geld in das Armenviertel bringen und im Gegenzug etwas über Rastafari lernen. »Wer kommt, kann Fragen stellen«, verspricht Sista Kerri, »wir sind eine sehr offene Gemeinde.«

Am nächsten Morgen erwartet mich Brah Zebulon, er ist offizieller Gästeführer von Judah Square, ausgebildet von der regionalen Tourismusbehörde. Zebulon ist ein zierlicher Mann, dem der Haarsack bis zu den Kniekehlen reicht. Für ein Foto nimmt er ihn ab, seine Haar ist zu einem wulstigen Schlauch verfilzt. Ich folge ihm, er hält die ganze Zeit eine südafrikanische Flagge in der Hand. Wir laufen durch Gärten, begutachten Marihuana-Pflänzchen und Malereien auf Betonwänden: Haile Selassie, der Löwe Judas, Bob Marley. Im Gemeindebüro erzählt Zebulon, wie Judah Square gegründet wurde. Früher lebten die Rastas in der Township von Knysna verstreut. Nach dem Ende der Apartheid organisierten sie sich und forderten Land von der Stadt. Das bekamen sie 1993. Heute wird Judah Square als eigenständige Gemeinde anerkannt und als Tourismusziel beworben. »Sie vermarkten uns als kulturelles Erbe«, sagt Zebulon, »aber wir verkleiden uns nicht dafür. Wir sind so, wie wir sind.«

Er legt die Flagge auf den Tisch, sortiert darauf ein Häufchen Marihuana und rollt sich einen dicken Joint in einer trockenen Zwiebelschale. »Man muss sie anlecken«, sagt Zebulon, »noch besser ist Knoblauchschale.« Er zieht, unterdrückt ein gewaltiges Husten, behält den Rauch sekundenlang in der Lunge und atmet durch die Nase aus. »Wie bei König David in Psalm 18.« Da steht: »Rauch quoll aus seiner Nase.«