DDR-GeschichteMeine Mutter, die Spionin

Potsdam 1984: Eine Frau verschwindet aus dem Leben ihres kleinen Sohnes – dass sie ihn vielleicht nie wiedersehen wird, ist ihr egal. Ein Vierteljahrhundert später konfrontiert er sie damit von 

Wie wäre das: Ein Junge von acht Jahren sein, und eines Tages ist die Mutter fort. Erst aus der Ehe, dann aus dem Haus, schließlich aus dem Land – einem märchenhaft eifersüchtigen Land, das seinen Bewohnern bei Strafe verbietet, es zu verlassen, und dessen Grenzsoldaten auf jeden schießen, der es dennoch versucht . Der Junge wächst beim Vater auf, ihm hat die Mutter noch vor ihrem Auszug das Sorgerecht vor die Füße geworfen.

Das Leben ist eigentlich schön: das Haus im Park, die alten Bäume, die Sternwarte. Den kurzen Weg dahin geht der Vater jeden Morgen. Er ist Physiker und leitet dort eine Abteilung. Seitdem die Mutter fortging, ist sie für den Sohn so unerreichbar wie die Sterne, die sein Vater erforscht. Ihm bleiben Bilder der schönen, kalten Frau Mama.

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Bilder wie dieses: Der Junge steht vor der Eisdiele, ein Freund stößt ihn an: »Da, schau mal, deine Mutter.« Sie ist gut zu erkennen in ihrem roten Ford Taunus, auffälliger geht es kaum – eine hübsche Frau in den Dreißigern in einem roten Westauto im grauen Potsdam der achtziger Jahre. Natürlich ist das eifersüchtige kleine Land, in dem sich das alles zuträgt, die DDR . Der Name des Jungen ist Christian. Seine Mutter hat in ihrem Leben mehrere Namen getragen, vier standesamtliche und einen klammheimlichen, konstant bleibt nur der Vorname: Barbara.

Eine andere Erinnerung heißt »Muttertag«: Eine Topfblume auf dem Gepäckträger, radelt Christian zur Wohnung seiner daheim ausgezogenen Mutter. Er trifft sie nicht an. Auf dem Rückweg überholt sie ihn im Auto, hält aber nicht. Hat sie ihn nicht bemerkt? Doch, hat sie. Aber erst als eine rote Ampel sie zum Halten nötigt, setzt sie zurück.

»Das Einzige, was Du für mich übrig hattest, war ein Klaps auf den Kopf und der Spruch, dass wir uns am Sonntag zum Besuchertag sehen würden. So schnell, wie Du mit Deinem schicken Westauto an mir vorbeirauschtest, so schnell warst Du auch wieder davongefahren. Den kleinen Topf auf dem Gepäckträger habe ich wieder mit nach Hause genommen.« Das steht in einem Brief, den er seiner Mutter sehr viel später schreibt.

Bevor sie ganz verschwindet, schafft sie es, ihre automobile Auffälligkeit noch einmal zu steigern. Statt im roten Ford fährt sie nun in einem weißen Saab durch Potsdam. Im Sommer 1984 ist sie am Ziel. Sie ertrotzt vom Staat die Erlaubnis, den Schweden, der ihr den Saab geschenkt hat – einen Ingenieur, der für seine Firma in der DDR tätig ist und mit dem sie zuletzt die Wochenenden in den Interhotels von Berlin, Potsdam und Rostock verbracht hat –, zu heiraten und als dessen Ehefrau auszureisen. Wie sie das erreicht hat, bleibt ihr Geheimnis. Sie nimmt es mit in den Westen.

Ein Vierteljahrhundert vergeht. Der verlassene Sohn wird zum Mann, der verlassene Ehemann zum Pensionär, das verlassene Land ist nur mehr Erinnerung. Sie aber, die alle verließ, ist 66, lebt in Hamburg mit ihrem dritten, schwedischen Mann und hat Grund zu glauben, ihr Geheimnis sei immer noch eines.

Das alles liegt so weit zurück im November 2009, es ist kaum mehr wahr: das Leben hinter der Mauer, das zermürbende Warten auf einen Tisch im Restaurant, auf etwas Westgeld, auf den richtigen Westmann, auf die Ausreise; das Spinnweb aus Heimlichkeiten und konspirativen Treffen, Namen, Geschäften – nur noch eine staubige Truhe auf dem deutschen Dachboden, deren Deckel unwiderruflich zugeknallt ist.

Da erhält sie einen Brief, zehn Seiten lang, eng getippt. »Hallo Kim«, so beginnt er, und schon diese Anrede macht klar, dass der Absender ihr Geheimnis kennt – ihren geheimen Namen. Es folgen zehn Seiten voller Fragen, bitterer Erinnerungen, verwundeter Anklagen. »Wieso wolltest Du damals das Erziehungsrecht für mich nicht mehr?«

»Wieso warst Du ständig unterwegs?«

»Wieso hast Du mich in den 20 Jahren seit der Wende bis heute nicht einmal gefragt, wie es mir in der DDR ergangen ist?«

»Wieso hast Du keine Freunde mehr?«

Leserkommentare
  1. Absonderungen wie "Und der private Handwerker kriegt die besten Autos und die schönsten Frauen." waren schon 1984 nicht mehr salonfähig. Frauen und Männer sind gleich viel wert, es ist inakzeptabel, Menschen mit Dingen gleich zu setzen.
    "X konsumiert die besten Weine und schönsten Männer" will auch niemand lesen.

  2. Die DDR gibt es nicht mehr, sie brauchen keine Angst mehr haben, heute darf man die Wahrheit schreiben. Haben Sie immer noch Angst vor ihren Parteifreunden?

    "toller Artikel"

    erst lesen dann schreiben...

    Gruß Micha

  3. wirklich sehr bewegend und schön geschrieben.

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  • Schlagworte Ford | Erich Honecker | Saab | DDR | Schweden | Sorgerecht
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