7. Richard Gutjahr – Netzjournalist des Jahres

Ich kenne Richard Gutjahr nicht persönlich, aber ich weiß ziemlich genau, was er im Januar und Februar 2011 gemacht hat, weil er Kurzmitteilungen (Tweets) aus dem stürmischen Zentrum des Ägyptischen Frühlings sandte.

@gutjahr – so sein Name bei Twitter – führt auch einen Blog. Dort teilt er am 30. Januar aus Israel mit: "Internet, Handynetze – nachdem heute auch noch Al Jazeera abgeschaltet wurde, habe ich spontan beschlossen, mich nach Kairo durchzuschlagen, um selbst dort die Situation zu beobachten."

Spannend und präzise schildert er von da an Atmosphäre und Geschehen auf den Straßen Kairos mithilfe seines Mobiltelefons. Jede seiner Meldungen hat nicht mehr als die Tweet-üblichen 140 Zeichen. Mubaraks erste Rede wird nach tagelangen Protesten live auf den Tahrirplatz übertragen. Die freundliche Stimmung kippt. Die Menschen packt die Wut. Dem Berichterstatter wird es mulmig.

Ich schaltete den Fernseher ein, um mehr zu erfahren. Aber es gab nichts zu sehen... So nahm ich mein Handy und wartete auf den nächsten Tweet.

Twitter gab mir in jenen Tagen das Gefühl, persönliche Livesendungen mitzuerleben, Kairo in meiner Küche, auf dem Wochenmarkt, in meinem Büro. Ich hatte die Arabische Revolution immer bei mir. Mittlerweile sind die historischen Tweets aus dem Netz verschwunden. Aber Richard Gutjahr ist vom Medium Magazin zu einem der "Journalisten des Jahres" gewählt worden, und es lohnt einen Blick in sein Blog, um sich die Ereignissse noch einmal zu vergegenwärtigen.

Jutta Schein