Kürzlich fragte mich eine Freundin in Kanada , ob die Protestbewegung der 1960er Jahre denn keine entscheidenden Lehren an die Occupy-Bewegung weiterzugeben hätte. Ich antwortete ihr: Zu dem wenigen, was mir von der Zeit vor 45 Jahren noch deutlich in Erinnerung ist, gehört mein inbrünstiges Gelübde, niemals zu einem alten Sack zu werden, der große Botschaften verkündet. Doch sie ließ nicht locker, sodass mich die Frage am Ende selbst neugierig machte. Was habe ich eigentlich gelernt in einem Leben als linker dilettierender Aktivist?

Zweifellos bin ich ein Experte darin, ein Flugblatt in Tausenderauflage auf einer billigen Matrize zu hektografieren. Ich habe meinen Kindern versprochen, ihnen irgendwann einmal im Museum eine dieser Höllenmaschinen zu zeigen, die die Bürgerrechtsbewegung am Laufen hielten. Aber sonst? Unsere Sit-ins vor 46 Jahren waren Guerillaangriffe; doch was wir heute erleben, ist die erfolgreiche Belagerung der Wall Street durch die Liliputaner. Die Wut der unter dem Dach "Occupy the World" versammelten jungen Leute mag momentan zwar noch auf Gandhischer Sparflamme köcheln. Doch wir haben bereits erlebt, dass die Banken nur ausreichend viele Amerikaner um ihre Häuser und Karrieren bringen müssen, damit etwas gewaltig Neues sich Bahn bricht.

Das Faszinierende der gegenwärtigen Erhebung besteht schlichtweg darin, dass sie die Straße besetzt und sich mit den Obdachlosen identifiziert hat. Ehrlich gesagt, hätte meine Generation als Erstes daran gedacht, sich in die Bürotürme zu hocken und darauf zu warten, dass uns die Polizei rausknüppelt. 1965, als ich gerade 18 war und für die Students for a Democratic Society arbeitete, organisierte ich eine Sitzblockade in der Chase Manhattan Bank. Sie spielte damals eine entscheidende Rolle bei der Finanzierung des südafrikanischen Apartheidregimes, das friedliche Demonstranten massakrierte. Es war der erste Protest an der Wall Street seit einer ganzen Generation, und die 41 Teilnehmer wurden von der New Yorker Polizei aus der Bank geschleift.

Ich halte es immer noch für eine blendende Idee, die Wolkenkratzer zu stürmen, allerdings erst in einer späteren Phase des Kampfes. Das Geniale an den Wall-Street-Revolutionären ist einstweilen, einige der teuersten Grundstücke der Welt in einen öffentlichen Ort des Protests verwandelt zu haben. Obwohl alte Radikale wie ich nur allzu gern jedes neue Baby zum Messias erklären, trägt dieses Kind namens Occupy wirklich das Zeichen des Regenbogens. Ich sehe hier die Wiedergeburt einer moralischen Haltung, die die kleinen Leute aus der Generation meiner Eltern auszeichnete. Es war ein weitherziges, spontanes Mitgefühl, das aus der Ära der Great Depression stammte und auf einer simplen egalitären Ethik beruhte: Halte dein Auto jederzeit für arme Tramper an. Werde nie zum Streikbrecher, auch wenn deine Familie kein Geld mehr für die Miete hat. Höre hin, was jene stillen Menschen sagen, die alles verloren haben außer ihrer Würde. Klau Milch, wenn deine Kinder keine haben, und gib die Hälfte den Nachbarskindern – meine Mutter hat das 1936 oft getan.

Davon abgesehen, erinnere ich mich vor allem an die Ermahnungen älterer Kameraden, die ich mir als meine persönlichen zehn Gebote gemerkt habe. Es sind Handlungsmaximen, wie man sie auch in einem Diätratgeber oder einem inspirierten religiösen Traktat finden kann. Was auch immer sie wert sein mögen, hier sind sie:

1. Kategorischer Imperativ. Organisiert euch, und helft anderen Leuten, sich zu organisieren! Das Feuer entfachen ist gut, eine Einheitsfront schmieden ist besser.

2. Eure Anführer dürfen nur Anführer auf Zeit sein. Ihr müsst sie abberufen können. Die Aufgabe einer wirklich guten Organisation besteht darin, sich selbst überflüssig und nicht etwa unentbehrlich zu machen.

3. Ihr müsst den unheilvollen Hang der Medien zum Personalisieren unterlaufen – also die Neigung, das Ganze des Protests auf eine Person zu reduzieren, die Gruppe auf ein Individuum. Ist es nicht bizarr, dass wir in den Vereinigten Staaten keinen "Tag der Bürgerrechtsbewegung" feiern, sondern nur einen " Martin Luther King Day "? Sprecher der Revolte sollten regelmäßig rotieren – und falls nötig erschossen werden. Kleiner Scherz.