Zeitschrift "Merkur" Ein Kreuzzug gegen das provinzielle Denken
Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel verlassen nach dreißig Jahren den "Merkur". Was wird ihr Nachfolger aus dem renommierten Heft machen?

Genialische Höhenflüge: Kurt Scheel (links) und Karl Heinz Bohrer prägten die intellektuelle Zeitschrift "Merkur" mehr als 30 Jahre.
Vertrauenerweckend sieht er nicht aus, dieser Fahrstuhl, seine klapprigen Resopalwände verströmen einen Hauch von Wladiwostok mitten im alten Berliner Westen. Das Kind einer barbarischen Modernisierung der späten sechziger Jahre mutet heute selbst nostalgisch an: ein bewahrenswerter Exotismus im sonst kunstvoll renovierten Altbau der Jahrhundertwende. In der Charlottenburger Mommsenstraße unweit des Kurfürstendamms gehören solche Stilfragen, die Haltungen symbolisieren und Wandel reflektieren, zum Kerngeschäft. In der Wohnung mit Stuck und hohen Decken residiert seit 1998 die Redaktion des Merkurs. Die 1947 gegründete Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken ist noch immer die bedeutendste intellektuelle Monatsschrift hierzulande, auf den Schreibtischen von ungefähr fünftausend Gebildeten zu Hause.
Dieser Tage erlebt sie ihren Epochenwechsel. Die beiden Herausgeber Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel hören nach drei Jahrzehnten auf; von 2012 an übernimmt der Kunsthistoriker Christian Demand die Regie, gemeinsam mit seinem Redakteur Ekkehard Knörer. Besteht Renovierungsbedarf? Wie frisch oder klapprig ist der Merkur?
Unzeitgemäßer könnte eine solche Zeitschrift zunächst kaum sein: ausschließlich Essays und Kritiken zu Ästhetik und Politik, ohne Abbildungen; es gilt das gedruckte Wort – und das Ganze auch noch in einem für das Internetzeitalter komplett entschleunigten Erscheinungsrhythmus. Hinzu kommt, dass Schaltzentralen des Diskurses, die Kulturzeitschriften seit der Aufklärung waren, heute oft autoritär erscheinen. Individualisierte und emanzipierte Leser diskutieren heute gleichberechtigt in den Internetforen. Die klassische Epoche der Kulturzeitschriften, von denen die intellektuelle Geschichte der westlichen Gesellschaften geprägt wurde, ob sie nun The Nation, Nouvelle Revue Française oder Les Temps Modernes hießen, ist vorüber. Aber mysteriöserweise existieren sie weiterhin, in Deutschland allein die 122 Jahre alte Neue Rundschau, Sinn und Form – und eben der Merkur. Sein Gründer Hans Paeschke versammelte, was die Nachkriegsessayistik aufzubieten hatte: Gottfried Benn, Adorno, Enzensberger, Jürgen Habermas, Ralf Dahrendorf. 1984 übernahm Karl Heinz Bohrer die Herausgeberschaft, Scheel war bereits seit 1980 dabei, 1991 stieg er zum Mitherausgeber auf.
Es war ein Zusammenspiel zweier sehr unterschiedlicher intellektueller Physiognomien zwischen Bielefeld, wo der einstige FAZ- Literaturchef Bohrer Literaturtheorie lehrte, und zunächst München, wo Scheel bis 1998 das Heft organisierte. Aber entscheidend für die Arbeit, meint Scheel, sei die Unabhängigkeit gewesen, die der Merkur durch die ihn tragende Stiftung und die Verlegerfamilie Klett besaß. »Bei Michael Klett gab es Vertrauen und eine Art großbürgerliche Zurückhaltung – ein Siegfried Unseld wäre permanent angereist und hätte mit Wünschen genervt.«
Zwei Zäsuren gab es in der Ära Bohrer/Scheel. Anfang 1990 kündigte Jürgen Habermas die Mitarbeit an der Zeitschrift auf; Anlass war die entschiedene Pro-Wiedervereinigungs-Haltung bei Bohrer und Scheel. Fortan wurde die Zeitschrift politischer, was auch dem »Imageverlust der Theorie« geschuldet sein mag, den Bohrer heute bedauernd konstatiert. Weitaus stärker wirkte sich für die Zeitschrift der 11. September 2001 aus. Beiden Herausgebern merkt man immer noch die Irritation darüber an, wie kritisch plötzlich die Reaktionen auf diverse Texte ausfielen, die sich als intellektueller Beitrag zu Amerikas Krieg gegen den Terror lesen ließen. Und tatsächlich war die Lust des Merkurs groß an der Provokation einer vermeintlich allzu pazifistisch oder antikapitalistisch gesinnten Öffentlichkeit. Scheel räumt rückblickend manche Einseitigkeiten ein, findet jedoch seine Gründe dafür im Dauerfeuer der Kritik: »Da haben wir uns gesagt: jetzt erst recht! Bohrer und ich sind keine Demütigen – wenn wir angegriffen werden, dann ziehen wir...« und wir können den Satz des Western-Kenners Scheel ergänzen: »den Colt«. Die schärfsten Gegner ihres Kurses hätte er gern selbst ins Heft geholt – doch die seien allesamt nicht satisfaktionsfähig gewesen: Solche Erklärung klingt heute etwas billig. Der Merkur hat sich in den letzten Jahren durchaus ab und an verrannt.
Der 79-jährige Bohrer, immer noch einer der bedeutendsten deutschen Intellektuellen, fühlte sich in Deutschland seit den siebziger Jahren nicht mehr heimisch. Berühmt wurden seine Abrechnungen mit dem deutschen Provinzialismus – und er leidet immer noch: »Ich treffe immer auf solche Softies!« Überhaupt nähme die Lust an der Provokation ab; Botho Strauss berüchtigter Essay Anschwellender Bocksgesang von 1993 böte heute keinerlei Erregungspotenzial mehr. Im Gespräch mit ihm zieht das Panorama der bundesdeutschen Geistesgeschichte seit den fünfziger Jahren vorüber – einschließlich überraschender Bonmots wie »Die Mehrheit meiner Texte wäre nirgendwo gedruckt worden wegen ihrer politisch-intellektuellen Unkorrektheit«. Der Merkur wurde für Bohrer zum beharrlich verfolgten Lebensprojekt – »Ich wollte Entwürfe, einen neuen Existenzialismus – und das ausgerechnet in der Hochzeit des ironischen Abschieds von Großprojekten«.
- Datum 02.01.2012 - 14:29 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.12.2011 Nr. 01
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Auch ich werde eines Tages die Zeit haben, mehr Merkur zu lesen. Und, nicht zu vergessen, auch mehr Gruenter.
"Der Merkur hat sich in den letzten Jahren durchaus ab und an verrannt" behauptet Alexander Cammann.
So??
Meine Lektüreerfahrungen in den letzten 20 Jahren besagen etwas anderes.
Im Merkur werden keine intellektuellen "Kreuzzüge" veranstaltet gegen ein – aus der Sicht des Merkur und seiner Herausgeber – "provinzielles Denken", wie uns der Autor dieses Artikels glauben machen will. Im Merkur schreiben keine verbohrten Ideologen, sondern hochkarätige Intellektuelle, die uns Lesern abseits und jenseits des politischen und gesellschaftlichen Hauptdiskurses, in dem längst ein grün-linkes Kartell eine kulturelle Hegemonie erlangt hat, immer wieder erfrischende alternative Denk- und Erfahrungsmöglichkeiten präsentieren.
Wohltuend sind immer wieder Aufsätze des Merkur gegen den grün-linken Mainstream, der auch und gerade in der ZEIT sehr einseitig bevorzugt wird; etwa bei den Themen "Zuwanderung, Islam, Integration" oder auch im Themenbereich "EU und europäische Integration" oder zu Fragen der Bildungspolitik. Merkur-Texte, die auf hohem Reflexionsniveau immer wieder wohltuende Kontrapunkte gegen einen populistisch motivierten Hauptstrom-Moralismus setzen.
Wer sich bei so manchem Thema sowohl ideologisch wie auch intellektuell verrannt hat, war und ist eindeutig die grün-linke ZEIT.
PS: Ich lese den Merkur in meiner Freizeit in der Düsseldorfer Universitätsbibliothek.
Bakwahn
Hamburg Bangkok Düsseldorf
Sie gestatten, dass ich via ZEIT das Wort an Sie richte. Ich mach's auch ganz kurz und schließe mich im Wesentlichen den Worten meiner Vor-Poster an. Und setze hinzu: Wenn sich zukünftig im MERKUR der abgestandene grün-linke Zeitgeist-Quark (auch noch) breitmachen sollte, werde ich flugs mein Abo kündigen. Also lassen Sie den Habermas, all seine Adepten und was uns sonst noch laufend aus den gängigen Feuilletons entgegenknattert bitteschön außen vor. Das ist nichts und das bringt nichts.
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