Schloss Bellevue © Sean Gallup/Getty Images

Das erste Opfer des Krieges, so sagt man, ist die Wahrheit. Das erste Opfer eines Skandals ist in modernen Mediengesellschaften die Verhältnismäßigkeit. Und zwar auf allen Seiten. Anders gefragt: Geht’s noch?!

Ja, Deutschland befindet sich in einer kritischen Lage, und zwar wegen der Krise des Euro, aber gewiss nicht, weil der Bundespräsident seine Affären nicht in den Griff bekommt.

Was soll denn sein?! Wenn er zurücktritt, dann passieren ein paar unangenehme Dinge, aber: Es wird sicher keine Staatskrise geben. Angela Merkel , die Christian Wulff im Alleingang zum Präsidenten machte, wird sich ein paar Fragen gefallen lassen müssen, ihre Macht jedoch wäre keineswegs in Gefahr; auch die Koalition würde daran nicht zerbrechen; das Amt des Bundespräsidenten ist zwar schon länger nicht mehr so arg bedeutsam und würde auch eine weitere Delle erleiden, ernstlich beschädigt wäre es dennoch nicht, ein guter Wulff-Nachfolger würde das alles schnell vergessen machen; wenn dieser Nachfolger von Rot-Grün gestellt würde, so würde das die Kanzlerin allenfalls ärgern, doch keinesfalls erschüttern. So viel zum Thema Staats- und Regierungskrise.

Wulff habe »Bild« gedroht, heißt es. Ja, womit denn, bitte?

Nun zur Pressefreiheit. Sie soll angeblich gefährdet sein, weil Wulff dem Chefredakteur von Bild gedroht hat . Dazu ist dreierlei zu sagen.

Zum einen kann der Präsident dem Bild- Chef gar nicht drohen, weil er viel weniger Macht hat als dieser. Darum liest sich die jetzt kursierende Abschrift der Mailbox-Nachricht auch eher als ein Dokument der Kopflosigkeit denn als ein ernsthafter Versuch, Zensur auszuüben.

Zum Zweiten kommen Anrufe wütender Politiker bei Chefredakteuren immer mal wieder vor, mitunter dürfen Journalisten auch mal nicht mit auf eine Auslandsreise. Sapperlot! Was kann eine Chefredaktion dagegen tun? Nun, sie sagt einfach: Nein und auf Wiedersehen. Dazu braucht sie Zivilcourage, aber auch davon nur einen Teelöffel voll.

Drittens muss man sich schon fragen, warum besagte Mitschrift, auf deren Veröffentlichung Bild nach der Entschuldigung des Präsidenten verzichtet hat und deren Wortlaut seit Wochen bekannt war, nun doch durch zwei seriöse Zeitungen, die Süddeutsche und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, publik wurde , und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da die Affäre Wulff an Dynamik verlor. Wer es selber derb treibt, sollte nicht die verfolgte publizistische Unschuld geben.

Nun zum Bundespräsidenten. Er fühlt sich offenbar als Opfer einer Kampagne , er glaubt, wie es scheint, dass die Medien ihn stürzen wollen, sonst würde er mit ihnen ja klärende Interviews führen. Wulff will den Medien trotzen, er wird dabei die Menschen verlieren, er will in seinem Schloss bleiben, das damit zur Burg wird.