PhilologieÜber das Erhabene

Wie ein anonymes Traktat der Antike heute im Bildungssystem weiterlebt von Karlheinz Töchterle

Die Endung -ik in der Bezeichnung wissenschaftlicher Disziplinen rührt von altgriechischen Adjektiven her, die als Attribut zu dem immer mitzudenkenden Substantiv téchne gesetzt waren. Die Rhetorik hat so ihren Namen von der rhetorikè téchne, der Redekunst, die Mechanik von der mechanikè téchne, der Maschinenkunst, die Musik von der mousikè téchne, der Musenkunst. Die Technik selbst wäre demnach die Kunst der Kunst. Dass uns diese Etymologie nicht nur wegen ihrer Tautologie befremdlich scheint, hat Gründe. Einige davon sollen hier angeführt und damit soll auch eine Antwort auf die Frage versucht werden, ob möglicherweise die in manchen Teilen des deutschen Kulturraumes herrschende Technikskepsis auf einen Pakt von Kunst und Natur gegen diese Disziplin zurückzuführen ist.

Die europäische Geistesgeschichte kennt bei den nötigen Voraussetzungen für eine handwerkliche oder künstlerische Tätigkeit zwei konstante Größen mit wechselnder Gewichtung. Im Griechischen werden sie üblicherweise mit phýsis und téchne bezeichnet, das gängigste lateinische Gegensatzpaar ist ingenium und ars. Die erste bezeichnet die natürliche, also angeborene Veranlagung, die zweite die angelernte Fertigkeit.

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Im Lauf der Zeiten hatten diese Quellen kreativen Gestaltens unterschiedliche Konjunktur. Deutlich bevorzugt wird die ars etwa von Horaz, der in seiner Ars poetica das schlampige Genie aufs Korn nimmt und einer ausgefeilten und präzise durchformten poetischen Technik das Wort redet. Er zeigt sich hier der frühhellenistischen Poetik der Alexandriner verpflichtet, die das kleine, fein und fehlerlos gebaute Gedicht dem großtönenden, waffenlärmenden und mängelreichen Epos im Gefolge Homers vorzogen.

Karlheinz Töchterle

Der österreichische Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle lehrte klassische Philologie.

Bald nach Horaz vertrat der anonyme Autor von perì hýpsous (besser bekannt unter dem lateinischen Titel De sublimitate, Über das Erhabene), die Gegenposition: Ihm geht es um das Großartige in der Literatur, das zwar auch durch technische Mittel anzustreben, vor allem aber durch die Naturanlage des Autors gewährleistet ist. Diese bewirkt in ihm páthos (Leidenschaft) und enthousiasmós (göttliche Begeisterung), die wichtigsten Quellen literarischer Größe.

Damit waren die Antithesen gesetzt, zwischen denen die künftige Theoriediskussion pendelte. Stark zugunsten der téchne schlug das Pendel in der Regelpoetik des französischen Klassizismus aus. Den bedeutendsten Gegenschlag führte der Geniekult, der sich anfänglich stark auf die Schrift Über das Erhabene stützte. Sie wurde breiteren Schichten durch die Übersetzung von Nicolas Boileau bekannt, der seinen Traité de Sublime 1674 publizierte, im gleichen Jahr wie seine Art Poètique, die ihrerseits durchaus noch jener klassizistischen Regelpoetik zuzuordnen war. Über England mit seinem scheinbar regellosen Heros Shakespeare kam der Geniekult nach Deutschland, erzeugte beziehungsweise befruchtete dort den Sturm und Drang und in ihm den jungen Goethe und zog eine Linie zur Romantik und damit ins 19. Jahrhundert.

Unser Bild und unsere Bewertung der Kunst und der sie Schaffenden sind immer noch nachhaltig vom Geniedenken und von der romantischen Theorie geprägt. Darin zählen Inspiration (enthousiasmós) und Talent (ingenium) sehr viel, technische Aspekte hingegen sehr wenig. Ich wage sogar zu behaupten, dass viele Entwicklungen der modernen Kunst ohne diese klare Wertehierarchie gar nicht möglich gewesen wären.

Natürlich fließt hier eine Fülle weiterer Strömungen herein, viele davon, speziell in Österreich, obige Wertung stützend, manche, auch in Deutschland, sie auch in Frage stellend. Die Aufklärung etwa, die mit der zuvor skizzierten Entwicklung nicht nur synchron geht, sondern teilweise auch kausal zu verknüpfen ist, beförderte mit ihrem Naturfokus, der das Gewordene dem Gemachten vorzieht, das schöpferische Genie, mit ihrem Utilitarismus hingegen das Technisch-Praktische. Dieser wiederum wurde gerade in Deutschland, wo er sich vor allem im Philanthropismus niederschlug, durch den Neuhumanismus als philiströs denunziert und überwunden.

Neuhumanismus und Romantik stehen besonders im deutschen Kulturraum in starker Wechselwirkung mit dem Nationalismus und sind auch deshalb hier sehr nachhaltig geworden. Für die Romantik ist das allgemein bekannt. Es möge der Hinweis genügen, dass das Entstehen fast aller Nationalphilologien sich auch dem Paradigma einer national motivierten Germanistik verdankt. Der Neuhumanismus lieferte mit seiner – wiederum aus der Genieästhetik und den Naturidealen der Aufklärung gespeisten – Präferenz der griechischen Kultur den Deutschen dringend benötigte und den romanische Kulturen nun sogar als überlegen darstellbare Identifikationspotenziale. Die Gräkomanie der Deutschen ist immer noch an großstädtischer Architektur ablesbar, man denke nur an die Tempelfassaden in München oder an das Brandenburger Tor, das sich – mit Ausnahme der krönenden Quadriga – nicht römische Triumphbögen zum Muster nahm, sondern die Propyläen der Akropolis von Athen.

Am prägendsten ist der Neuhumanismus aber im humanistischen Gymnasium geworden, das, von Preußen und Bayern ausgehend, das deutsche Schulwesen bis weit in das 20. Jahrhundert hinein dominierte und so auf die geistige Verfassung Deutschlands nachhaltigen Einfluss ausübte.

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