ORF Falsche Häme

Die Struktur des ORF verlangt politischen Gehorsam. Das ist der Skandal. Nicht die Bestellung eines bestimmten Büroleiters

Kritisiert werden muss, dass sich der ORF bei der Bestellung des Büroleiters des Generaldirektors von einer atemberaubend dilettantischen Seite gezeigt hat. Den Namen des Büroleiters, nämlich Nikolaus Pelinka (er ist bekanntlich mein Neffe), öffentlich zu nennen, bevor noch die Ausschreibung, wie gesetzlich vorgeschrieben, veröffentlicht worden war, wirft die Frage auf, ob die ORF-Spitze von Arroganz verblendet oder ganz einfach nur dumm ist.

Warum muss ein eben wiedergewählter Generaldirektor unter grober Vernachlässigung formaler Spielregeln einen politisch etikettierten Büroleiter bestellen, der noch dazu bei seiner Wiederwahl wesentlich mitgemischt hat? Es war doch zu erwarten, dass dies einen Aufschrei hervorrufen würde. Der ganze Vorgang erinnert an eine Unterrichtseinheit in politischem Management zum Thema »Wie mache ich etwas falsch?«. Und die nächste Unterrichtseinheit steht bereits bevor: »Wie wird ein – scheinbar – Begünstigter zum eigentlichen Opfer?«

Anzeige

Weniger verständlich ist es hingegen, dass diese so unprofessionell eingeleitete Personalentscheidung eine Welle der Erregung mitsamt moralisierendem Geraune ausgelöst hat, die mittlerweile bereits zwei Wochen anhält und nicht abzuebben scheint. Der ORF zeigt sich als das, was er immer war und weiterhin ist: ein politisch abhängiges Massenmedium, von dem zu hoffen ist, dass sich seine Abhängigkeit ausgewogen und pluralistisch äußert. Zu erwarten, diese Abhängigkeit würde plötzlich einer Unabhängigkeit weichen, die an die BBC erinnert, ist bestenfalls naiv. Dazu bedürfte es völlig neuer Strukturen, dazu bedürfte es einer neuen gesetzlichen Grundlage. Und eine solche müsste erst erdacht werden – so sie denn überhaupt von den Parteien und ihren Wählern gewünscht wird.

Das Vorgehen des Generaldirektors bei der Wahl seines Büroleiters unterstreicht, dass er das System des ORF, die allgemein akzeptierte Balance politischer Verflechtungen, aufrechtzuerhalten gedenkt. Darüber kann in jedem, wie auch in diesem Einzelfall diskutiert werden. Aber diese Verflechtungen gibt es, solange die entscheidenden Weichenstellungen von einem Stiftungsrat vorgenommen werden, der als fraktionell gegliedertes Quasi-Parlament konstruiert ist. Daran hat sich seit 2006, als eine Regenbogenkoalition den gegenwärtigen Generaldirektor auf ihr Schild hob, nichts geändert. Dass nun die ÖVP weniger und die SPÖ mehr personelles Gewicht hat, führt nur den unveränderten, prinzipiell kritisierbaren Grundsatz der Verflechtung vor Augen.

Was ist denn neu daran, dass Personen mit eindeutiger parteipolitischer Bindung in die Führungsetage des ORF gehievt werden? Sind die Namen Kurt Bergmann, Heinrich Keller, Andreas Rudas oder Pius Strobl schon vergessen? Es hat wohl niemand angenommen, dass das Regime, das 2006 als Folge eines abenteuerlichen rot-orange-grün-blauen Bündnisses installiert und im Wesentlichen von ihm selbst 2011 bestätigt wurde, nicht von parteipolitischem Kalkül bestimmt würde. Wrabetz musste bereits vor fünf Jahren als Gegenleistung für seine Wahl Posten nach einem Proporzschlüssel verteilen. Der Grundgedanke der Gratifikation war nicht neu. Und 2011 wurde das Spiel wiederholt.

Das kann und muss kritisiert werden. Aber die – nochmals: mit sträflichem Dilettantismus eingefädelte – Bestellung eines neuen Büroleiters in Hinblick auf dessen so deutliche Einbindung in die stärkere der beiden Regierungsparteien als einen gigantischen Sündenfall darzustellen ist wenig überzeugend. Nikolaus Pelinkas Großvater, ein Mitglied der ÖVP, wäre schon sehr erstaunt darüber gewesen, dass sein Enkel nun zum »SPÖ-Adel« gerechnet wird. So leicht wird man geadelt – von einem natürlich höchst professionell recherchierenden Journalismus.

Das System Wrabetz wurde von Parteien etabliert, ebenso wie die vorangegangenen Systeme. Und Wrabetz begleicht wie seine Vorgänger politische Schulden.

Es ist verständlich, wenn nun die Träger des lautstarken Protests, die 2006 das System von Wrabetz’ Vorgängerin Monika Lindner und ihres Chefredakteurs Werner Mück beendet hatten, enttäuscht darüber sind, dass sich nichts Grundsätzliches an der offensichtlich unvermeidlichen Neigung der ORF-Spitze geändert hat, sich parteipolitisch zu arrangieren. Es ist sinnvoll, darüber nachzudenken, ob dies so sein muss; ob auch in Zukunft nur jemand die Leitung des ORF innehaben kann, der in einem von ihm nicht geschaffenen Netzwerk parteipolitischer Erwartungen die verschiedensten Wünsche erfüllen zu müssen glaubt. Das ist ein zeitloses Thema: die Erneuerung der ORF-Struktur.

Bleibt die Frage, warum dem Generaldirektor nicht zugestanden werden soll, eine Person seines Vertrauens zum Leiter seines Büros zu bestellen. Was in jedem Industrie- oder Finanzunternehmen eine Selbstverständlichkeit ist, soll im ORF nicht erlaubt sein?

Und es bleibt die Frage, warum die Person des in Aussicht genommenen Büroleiters mit aggressiver Häme überzogen wird. Kaum eine Zeitung, die nicht das Wort vom Schnösel verwendet hätte. Das ist nicht Kritik – das ist der irrationale Zorn einer Generation, die sich eines nicht eingestehen will: Auch ihr folgt eine neue Generation nach.

 
Leser-Kommentare
  1. Niko Pelinka ist nicht irgendein jüngerer Repraesentant der SPOe, sondern ein Aufsichts-("Stiftungs"-)Rat des ORF, der durch seinen Wechsel in die Geschaeftsfuehrung seine Taetigkeit als Kontrollorgan nachtraeglich ad absurdum fuehrt. Das waere im Fall er Mitglied des SPOe-Pensionistenverbandes waere, auch nicht anders. Aus dem metaphysischen Geschwurbel dieses Kommentars spricht eher Verlegenheit ueber die Generationenfolge in der Familie Pelinka. Aber schon im Interesse der gesellschaftlichen Mobilitaet kann es nicht in jeder Generation Universitaetsprofessoren geben!

  2. "Das ist nicht Kritik – das ist der irrationale Zorn einer Generation, die sich eines nicht eingestehen will: Auch ihr folgt eine neue Generation nach."
    Juhu ihr Mittzwanziger der 'Generation Praktikum': Auf in den ORF! Dort warten sehr gut bezahlte Stabsstellen auf euch.
    An die Altgedienten, die es nach 30 oder 40 Dienstjahren gerade einmal oder garnicht in die Verwendungsgruppe 16 geschafft haben: Ihr habt einfach was falsch gemacht im Leben, sorry.

    • 1 2 3
    • 05.01.2012 um 16:48 Uhr

    Man kann es auch sehen wie es ist:
    http://www.zeit.de/2012/0...

  3. Sehr geehrter Herr Pelinka,

    Sie verwenden ganz klassische Immunisierungsargumente: "Der Täter ist eigentlich das Opfer" oder "Niko Pelinkas Kritiker sind eigentlich nur neiderfüllt".

    Die Opfer aber sind aber jene, die nicht zu jener Parteien-Nomenklatura gehören, die sich leider in den letzten sechzig Jahren in Österreich herausgebildet hat. Die Opfer sind jene, die sich Tag um Tag trotz guter universitärer Qualifikationen um Jobs bewerben, die ohnedies schon im Voraus vergeben worden sind. Das Opfer ist eine junge Generation, die nie zu so paradiesischen Konditionen wie die alte wird arbeiten können, die Zeche für dieses Paradies aber bezahlen muss. Unbezahlte Praktika, befristete Verträge, verzweifelte Versuche, sich zu etablieren - all das hätte Nikolaus Peilinka erwartet, wenn er eben kein Pelinka wäre.

    Aber ich bin zuversichtlich, Herr Pelinka. Und wissen Sie warum? Weil ihr wenige seid und wir viele. Wir haben einen parteikontrollierten Staat satt, wir haben parteikontrollierten Journalismus satt. Und wir haben einen Filz aus Partei, Institutionen, Wirtschaft und Medien satt, der alles verhöhnt, was in diesem Land noch demokratisch genannt werden kann. Für diesen Filz stehen Sie, für diesen Filz steht ihr Neffe, für diesen Filz stehen freilich viele andere auch.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Freilich insinuieren sie, dass jede Nomenklatura durch eine neue ersetzt wird. Dennoch hindert uns nichts daran, aus Österreich ein freies, liberales, gerechtes und westliches Land zu machen. Ihr Neffe steht für das Gegenteil. Und deswegen lehnen wir ihn ab. Ist das so schwer zu verstehen?

    Schöne Grüße

    Freilich insinuieren sie, dass jede Nomenklatura durch eine neue ersetzt wird. Dennoch hindert uns nichts daran, aus Österreich ein freies, liberales, gerechtes und westliches Land zu machen. Ihr Neffe steht für das Gegenteil. Und deswegen lehnen wir ihn ab. Ist das so schwer zu verstehen?

    Schöne Grüße

  4. Freilich insinuieren sie, dass jede Nomenklatura durch eine neue ersetzt wird. Dennoch hindert uns nichts daran, aus Österreich ein freies, liberales, gerechtes und westliches Land zu machen. Ihr Neffe steht für das Gegenteil. Und deswegen lehnen wir ihn ab. Ist das so schwer zu verstehen?

    Schöne Grüße

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Abwehrargumente"
    • prete
    • 06.01.2012 um 13:32 Uhr

    ...werter herr pelinka, es begint ev. mit der frage, WER hat schon einen onkel der in der zeit versucht das thema zu verwässern, wer einen vater, der selbiges in NEWS betreibt?

    welche qualifikation hat ein büroleiter (der er noch nicht ist und hoffentlich nie werden wird!) n. pelinka, dem es offensichtlich nichts ausmacht mittels einem scheinverfahren auf einen versorgerposten gehievt zu werden?
    WAS würde denn den jungen mann wohl noch nicht alles stören, auf seinem strategischen sitzplatz?

    auch wenn es für sie in ihrem offenbar urösterreichischen "das war schon immer so" denken eine gemeinheit zu sein scheint, derartigen praktiken ausgerechnet im falle ihres enkels eine entschiedene absage zu erteilen, muss doch festgehalten werden:

    wir brauchen keine scheinausschreibungen, keinen politischen einfluss auf die medien, keinen ORF general der "dividenden" in form von versorgungsposten ausschüttet und letztlich auch keinen politologen pelinka, der solches gebahren in der renommierten zeit wehleidig als "ist alt so" verkaufen möchte.

    Eine Leser-Empfehlung
  5. Und der setzt nur Leute mit seiner "Berufs-"Laufbahn als Vasallen ein. Hat er doch als Vorzugsstimmenabgeordneter der SPÖ (Wahlkampfleiter : Alex Wrabetz) über die SPÖ seine Doktorarbeit verfasst.

    http://de.wikipedia.org/w...

    http://search.obvsg.at/pr...

  6. http://www.zeit.de/2012/0... "Der ... [ORF] ist bankrott, weil er sein Humankapital bis zum kleinsten Gedankensplitter aufgebraucht hat." und dann wird präzisiert: "Er existiert aber ... deshalb in all seiner Agonie weiter, weil jeder Popanz, dem ein Mandat oder ein Amt zugefallen ist, fest daran glaubt, er wäre ein bedeutender Mensch..." - Der kleine Schönheitsfehler dieser brillanten Zusammenfassung der Befindlichkeiten besteht darin, daß die permanente Pipeline der Nährlösung für die ökologische Nische dieser ganz speziellen Zellkultur vom Autor nur indirekt erwähnt wird und ihr ungestörtes Weiterwuchern dem deutschen Leser somit unerklärlich bleiben muß: Das Geheimnis der geschützten Petrischale ORF sind die ZWANGSGEBÜHREN, die jeder Haushalt im Land (auch wer keinen Fernseher hat!) entrichten muß. Ruft man bei der Hotline an und beschwert sich über die zwangsweise Einhebung der ORF-Radio-Gebühren, (die man nämlich nicht durch Abmeldung umgehen kann) wird erklärt, die Sache sei anders zu sehen; es handele sich "um eine Art Kultursteuer" - "Bildungsauftrag" heißt das Gebührenerpressungszauberwort.
    Ein treffend angedeuteter Nebenaspekt im Text von Herrn Riedl ist die süffisante Präpotenz, mit der jene, die hier als "jeder Popanz" bezeichnet werden, sich anmaßen, mittels gut gewarteter Sprachrohre ihrer wohltemperierten und bestversorgten ökologischen Nische die freien Bürger in der freien Wirtschaft draußen, nach ihrer Version "bilden" und erziehen zu müssen...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 5.1.2012 Nr. 02
  • Kommentare 13
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte ÖVP | BBC | ORF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service